Geilenkirchen: Familienbande, die selbst den Atlantik überwinden

Geilenkirchen: Familienbande, die selbst den Atlantik überwinden

35 Jahre sind vergangen, in denen sich Familie Wolf aus Geilenkirchen und Lucia Jacinta Maria Franke, die in Argentinien lebt, nicht gesehen haben — und das, obwohl sie zu einer Familie gehören und ihr Verhältnis eigentlich nie zerrüttet war.

Den Kontakt hergestellt hat nach so langer Zeit ausgerechnet die 38-jährige Astrid Wolf, die ihre Tante zweiten Grades nur aus der frühesten Kindheit kannte — und das, wie sollte es heutzutage anders sein, über Facebook. Gesehen haben sich die beiden bis zu diesem Zeitpunkt nur einmal. Astrid war damals drei oder vier Jahre alt und Lucia eine junge Frau Ende 20.

Holprige Kontaktaufnahme

Erinnern konnte sich Astrid nicht an ihre Tante zweiten Grades. „Ich wusste aber, dass wir Verwandtschaft in Argentinien haben“, erzählt sie. Immer mal wieder sei das Thema beiläufig aufgekommen. Nur Kontakt, der habe eben bis zum letzten Jahr nicht bestanden. Irgendwann sei sie dann auf die Idee gekommen, den Namen der argentinischen Tante einfach mal bei Facebook einzugeben.

„Entweder es gibt da keinen einzigen Treffer, oder es gibt ganz viele Menschen, die so heißen“, war Astrids Vermutung. Tatsächlich war die Sucheingabe in dem sozialen Netzwerk aber ein Volltreffer: In der Liste erschien nur ein einziges Ergebnis, und das war prompt die Richtige. „Bist du die Tochter von Onkel Willy?“, hieß es in der ersten Nachricht, die sie an Lucia Franke geschickt hatte. Die Familie kann heute noch über die etwas holprige Kontaktaufnahme lachen. „Ich dachte erst, das wäre ein Fehler gewesen“, erzählt Lucia Franke rückblickend. „Ich dachte nicht, dass die Nachricht wirklich für mich bestimmt war.“ Dann las sie die Zeilen doch noch einmal gründlicher und es wurde klar, dass wirklich sie gemeint war. 2013 wurden die ersten Nachrichten hin- und hergeschickt, 2014 folgte dann der erste Besuch von Tante Lucia. Und wie passend: Ausgerechnet in den Tagen, als die Argentinierin in Deutschland war, trafen im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft Argentinien und Deutschland aufeinander. Natürlich wurde beim Spiel gemeinsam mitgefiebert. Im Juli folgte jetzt Besuch Nummer zwei: Lucia kam für eine Woche nach Geilenkirchen.

Will man die Familienverhältnisse der Familie verstehen, muss man ein Stück in die Vergangenheit zurückgehen. Der Ursprung der Verbindung liegt in der Familie Theelen, die ursprünglich niederländisch war, aber im frühen 20. Jahrhundert bereits in Süggerath gelebt hat.

Die Frage der Staatsbürgerschaft

Aus der Ehe von Dionysius und Maria Theelen (kleines Foto, sitzend) gingen acht Kinder hervor. Eines davon war Emilie Wolf, geborene Theelen — die Großmutter von Astrid Wolf. Ein anderes Kind war Wilhelm, genannt Willy, Theelen, der Vater von Lucia Franke. In den 30ern zog er nach München, um dort Tiermedizin zu studieren und lernte seine zukünftige Frau Erika Albertina Bechteler kennen. Er war Niederländer, sie Deutsche.

Ausreise nach dem Krieg

1942 heiratete das Paar, es folgte die Geburt von zwei Kindern, die in Deutschland zur Welt kamen. Was die Familie bis heute brennend interessiert: Verlor Erika Theelen mit der Hochzeit ihre Staatsbürgerschaft? Die beiden Nationen waren verfeindet und nach dem damals geltenden Gesetz, das vorsah, ein „Feind“ dürfe durch eine Hochzeit nicht die Staatsbürgerschaft des Partners annehmen, wäre es möglich, dass Lucias Mutter ihre Staatsbürgerschaft verlor.

Der Krieg war dann auch der Grund dafür, dass die junge Familie Deutschland im Jahr 1948 verließ. Die Familie wanderte nach Argentinien aus, dort kamen Lucia und ihre jüngste Schwester zur Welt. 1979 bestand der vorerst letzte Kontakt zwischen Lucia und ihren deutschen Verwandten. Ihre Eltern hatten sich getrennt. Die Mutter beschloss, in Argentinien zu bleiben und Vater Wilhelm wollte nach Deutschland zurückkehren.

Ab 1978 lebte er für ein Jahr in Geilenkirchen. 1979 besuchte Lucia ihn in seiner Heimat. Dann nahm das Leben der Familie eine tragische Wende. Im selben Jahr flog Vater Wilhelm zurück nach Argentinien, um sich einige letzte Papiere zu beschaffen. Nur zwei Wochen blieb er dort und verstarb in dieser Zeit unerwartet.

Ähnlichkeiten sind geblieben

Obwohl sie gebürtige Argentinierin ist, hat Lucia ihre deutschen Wurzeln nie vergessen. „Sie feiert Weihnachten und Ostern sogar traditioneller als wir“, sagen Astrid und Mutter Johanna Wolf. Auch die deutsche Küche beherrscht die 65-Jährige noch. „Bei uns zu Hause wurde früher immer Deutsch gesprochen“, erzählt Lucia. Mit ihren eigenen Kindern war es dann anders. Lucia heiratete einen Argentinier, die gemeinsamen drei Kinder sprechen ausschließlich Spanisch und Englisch. Bei Lucia sei stellenweise sogar noch der bayerische Akzent rauszuhören, sagt Astrid. Besonders faszinierend findet sie die Ähnlichkeit, die besteht, obwohl die Familien so weit auseinander leben. Das sei das Aussehen, aber auch die Art. Schon oft sei ihr gesagt worden: „Du kommst nach der Familie deines Vaters.“ Eben der Familie Theelen. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass die Chemie zwischen Lucia und dem Rest der Familie auf Anhieb stimmte, als sie sich 2014 zum ersten Mal wiedersahen. „Ich war aufgeregt vor dem Besuch“, erzählt Lucia. „Ich wusste ja nicht, wie das Verhältnis zur Familie sein würde.“ Die Bedenken waren aber unbegründet. Von Anfang an habe sie sich wohlgefühlt. Es sei fast gewesen, als hätte es die Funkstille nie gegeben.