Interview zur Europawahl: Europa als die „beste Idee seit Kriegsende“

Interview zur Europawahl : Europa als die „beste Idee seit Kriegsende“

Während in Europa gerade in jüngster Zeit immer mehr kritische Stimmen gegenüber der Staaten- und Wertegemeinschaft zu hören sind, gibt es auf der anderen Seite Menschen, nicht nur Politiker, die sich leidenschaftlich für Europa engagieren.

In Geilenkirchen gehört dazu sicherlich die rund 150 Mitglieder zählende Europa-Union. Vor der Europawahl am Sonntag, 26. Mai, sprach unser Redakteur Udo Stüßer mit dem Vorsitzenden der Europa-Union, Professor Dr. Gerd Wassenberg, über die Bedeutung dieser Wahl und den Zustand der Europa-Union.

Über 500 Millionen Menschen leben in 28 Ländern der Europäischen Union. Wie bedeutsam ist diese Wahl für die Menschen?

Wassenberg: Jede Wahl ist für einen politisch interessierten und demokratisch denkenden Menschen wichtig. Das gilt für lokale und nationale Wahlen ebenso wie für die Wahl des Europäischen Parlaments. Die Wahl am 26. Mai ist angesichts der bestehenden Herausforderungen enorm wichtig.

Europa gelangt immer wieder an einen schwierigen Punkt: Polen, Rumänien und Ungarn verstoßen gegen Grundwerte und rechtstaatliche Prinzipien. Die Briten wollen austreten. Der Nationalismus in anderen Staaten nimmt immer mehr zu. Flüchtlingskrise und Schuldenkrise sorgen für negative Schlagzeilen. Wie kann man da noch die Menschen für Europa begeistern?

Wassenberg: In der Tat ist es so, dass die derzeitigen Probleme innerhalb der EU die bisherigen Errungenschaften zu überdecken scheinen. Negative Meldungen und kritische Äußerungen beherrschen die Schlagzeilen und führen zu einer entsprechenden Wahrnehmung beim Bürger. Darüber vergessen wir, was die Europäische Union in der Zeit des Bestehens erreicht hat: Frieden, Freiheit, Demokratie, Wahrung der Rechtstaatlichkeit, Stabilität, Freizügigkeit beim Reisen und eine einheitliche Währung in 19 Ländern. Allerdings ist es schwierig, junge Menschen für Europa zu begeistern, weil diese Aspekte für sie  selbstverständlich sind. Sie kennen kein anderes Europa. Generell ist es eine schwierige Herausforderung, wobei ich mir auch mehr Berichterstattung über die positiven Seiten europäischer Entwicklung wünsche. Insgesamt möchte ich betonen, dass die Gründung der Europäische Union die beste Idee seit Kriegsende gewesen ist.

Prof. Dr. Gerd Wassenberg führt seit 19 Jahren die Europa-Union Geilenkirchen an. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Der Geilenkirchener Stadtverband der Europa-Union besteht seit 35 Jahren und ist einer der größten Stadtverbände im Land. Sind die Geilenkirchener besonders europafreundlich?

Wassenberg: Wir haben in Geilenkirchen mit der Gemeinschaftsgrundschule eine Europa-Schule, es gibt eine hervorragend funktionierende Städtepartnerschaft mit Quimperlé, die Schulen pflegen grenzüberschreitende Partnerschaften, Sportvereine kooperieren europaweit. Auch die Nähe zu den Niederlanden trägt zu dieser europafreundlichen Haltung bei. Schließlich bewirbt sich die Stadt derzeit um eine Auszeichnung eine Bewerbung als „Europaaktive Kommune“.  Für mich gelten die Geilenkirchener als besonders pro-europäisch.

Vor Jahren waren die Aktivitäten der Europa-Union in aller Munde: Man denke an die Präsentation europäischer Staaten, die Jahr für Jahr Hunderte Menschen anlockte. Jetzt ist es etwas ruhiger geworden. Manche sprechen von einer Senioren-Reisegruppe, die Europa erkundet.

Wassenberg: Die Länderpräsentation war eine geniale Idee, die von anderen Kommunen in NRW übernommen wurde. Ich werde häufig angesprochen, ob wir diese Veranstaltungsreihe nicht wieder aufleben lassen sollten. Es gibt bereits Ideen für ein verändertes Format. Wir sind alle ehrenamtlich tätig. Wenn wir so etwas wie eine über das Jahr dauernde Länderpräsentation stemmen wollen, bedeutet das intensivste Arbeit, vergessen wir nicht die Altersstruktur unserer Mitglieder. Wenn beispielsweise die Stadt wieder mitmachen würde oder sich andere Kooperationspartner finden, ist unser Stadtverband sicher bereit, so etwas zu realisieren. Dass unsere Mitglieder nach wie vor an Europa interessiert sind, beweisen die Teilnahmezahlen an unseren Veranstaltungen und an unseren Studien- und Tagesfahrten.
Dabei ist hervorzuheben, dass wir durch Studienfahrten in osteuropäische Länder wie Slowakei oder Bosnien-Herzegowina Vorurteile ausräumen konnten. Was diese Studienreisen angeht, halte ich es mit Wilhelm Busch: Oh Mensch sei weise, pack Deine Koffer und verreise! Unsere Studienfahrten sind Kultur- und Bildungsreisen.

Und dennoch fehlt der Nachwuchs. Warum kann man bei jungen Menschen nicht die Begeisterung für Europa hervorrufen, die vor Jahren noch herrschte

Wassenberg: In der Tat ist es ein Mangel, dass wir keine jungen Mitglieder haben. Aber da geht es uns nicht besser, als zahlreichen anderen Organisationen. Vieles, was unsere Generation geprägt hat, ist für die junge Generation selbstverständlich: Schüleraustausch, Mobilität der Studenten, der Austausch von Auszubildenden. Dazu trägt auch bei, dass sich vieles in der Alltagsstruktur junger Menschen geändert hat: Ich erwähne den Ganztagsunterricht in Schulen oder die zeitliche Mehrbelastung der meisten Studiengänge. Ich sehe es als wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe unserer Schulen an, sich dem Thema Europa noch stärker zu widmen. So freut es mich, dass das  St.-Ursula-Gymnasium am Freitag einen Europatag unter dem Motto „Europa für junge Leute“ mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops veranstaltet.

Auch in Geilenkirchen rühren die Parteien kräftig die Werbetrommeln für die Europawahl. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Kann die Europa-Union den Kontakt zu Schulen suchen, um hier bei jungen Menschen für die europäische Idee zu werben?

Wassenberg: Das ist eine Frage der Ressourcen, die wir und die Schulen haben.

Sie, Herr Wassenberg, haben selbst ein mehr als abwechslungsreiches berufliches Leben geführt:  Pressesprecher der RWTH Aachen, Wirtschaftsförderer des Kreises Heinsberg, Wirtschaftsförderer der Republik Irland, Stiftungsprofessor für die Fächer Entrepreneurship und Marketing der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Gastprofessuren in Finnland, Nordmazedonien und Brasilien, Vorlesungen an Hochschulen in den Niederlanden und Schweiz:  In Ihrer knappen Freizeit haben Sie sich stets für Europa engagiert. Warum?

Wassenberg: Ich habe immer Europa gelebt, und das nicht erst seit dem Jahr 2000, als ich den Vorsitz der Europa-Union übernommen habe. Meine drei Kinder waren Austauschschüler und haben im Ausland studiert. Die europäische Idee habe ich immer schon deshalb für die genialste Idee gehalten, weil sie so viel unter einem einheitlichen Dach sichert. Jetzt gilt es, in Europa gemeinsam gegen den immer weiter aufkeimenden Rechtspopulismus und gegen Fremdenfeindlichkeit vorzugehen. Wenn ich als Gastprofessor Vorlesungen halte, nehme ich Studenten ins Ausland mit. Ich motiviere Studenten, sich auch in Europa zu engagieren. Dazu gehört natürlich Mehrsprachigkeit.

Ein weiteres Zeichen für eine gut funktionierende Partnerschaft: der Jean-Charter-Platz. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Welche Sprachen sprechen Sie?

Wassenberg: Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch. Ich lerne Finnisch, und kann ein wenig Russisch.

Wo steht die Europa-Union Geilenkirchen nach 35 Jahren? Und wo geht die Reise hin?

Wassenberg: Eine der wichtigsten Aufgaben heute und in den nächsten Jahren ist, das Gute zu bewahren und junge Menschen für Europa zu begeistern.

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