Bilanz des Lokalen Teilhabekreises: „Es geht ja auch um unsere Stadt“

Bilanz des Lokalen Teilhabekreises : „Es geht ja auch um unsere Stadt“

Gemeinsam stark machen: Lokaler Teilhabekreis wünscht sich Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Bislang bleiben die Menschen mit Behinderung im Lokalen Teilhabekreis unter sich.

Ralf Polz ist fast blind. Doch er weiß sich zu helfen. Beim Dartspielen beispielweise geht er zunächst ganz nah an die Scheibe ran, merkt sich die Zahl auf der Scheibe, die er treffen muss, geht dann zurück an die Wurflinie und dann tut sein Arm das, was sein Gehirn sich zuvor eingeprägt hat. „Meistens treffe ich“, sagt Ralf Polz.

Ralf Polz besucht seit fünf Jahren den Lokalen Teilhabekreis Geilenkirchen. Dieser wurde als erster, von inzwischen fünf, im Kreisgebiet im Oktober 2010 gegründet. Gemeindesozialarbeiterin Nicole Abels hatte ihn aus der Taufe gehoben. 2020 steht also das Zehnjährige des Lokalen Teilhabekreises Geilenkirchen, der in Kooperation des Caritasverbands für die Region Heinsberg, der KoKoBe Kreis Heinsberg, der ViaNobis Eingliederungshilfe und der Lebenshilfe Heinsberg durchgeführt wird, an. Gefeiert wird ganz bestimmt.

Wie, steht noch nicht fest. Ralf Polz und seine Mitstreiter im Teilhabekreis werden sich aber sicherlich etwas einfallen lassen. Vielleicht gibt es ja wieder ein inklusives Stadtfest wie damals bei der Gründung. Viermal jährlich tagt der Lokale Teilhabekreis Geilenkirchen. Und ganz oben auf der Wunschliste zum runden Geburtstag steht ein Wunsch, der eigentlich leicht zu erfüllen wäre.

Ralf Polz und die zwölf bis 18 Bürger, die sich im Lokalen Teilhabekreis für ein Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung und die Barrierefreiheit in der Stadt einsetzen, wünschen sich, dass auch Menschen ohne Behinderung ihre Treffen besuchen würden. Denn bislang bleiben die Menschen mit Behinderung im Lokalen Teilhabekreis unter sich. „Es geht ja auch um unsere Stadt“, sagt Adelheid Venghaus, die für die KoKoBe den Teilhabekreis zusammen mit Nicole Abels von der Caritas betreut.

Ein Beispiel für perfekt umgesetzter Barrierefreiheit ist der Haupteingang der Kreissparkasse im Geilenkirchener Stadtzentrum. Selbst das Geländer ist in Blindenschrift gekennzeichnet. Foto: Dettmar Fischer

Die Barrierefreiheit ist stets ein wichtiges Thema der Arbeit der Teilhabekreises, ob es nun um die Straßenbeschaffenheit im Musikantenviertel, wo viele betreute Wohneinrichtungen zu finden sind,  geht oder um die Zugänglichkeit öffentlicher Einrichtungen. So hatte im Sommer 2018 der Lokale Teilhabekreis Geilenkirchen eine Begehung der Stadt zusammen mit Jugendlichen des evangelischen Jugendheims Zille unternommen. Zwölf öffentliche Einrichtungen im Stadtgebiet Geilenkirchen waren in Bezug auf ihre Barrierefreiheit unter die Lupe genommen worden.

Die Ergebnisse der Begehung sind inzwischen ausgewertet worden. In einem freundlich verfassten Schreiben sind in diesen Tagen die besuchten Einrichtungen von der Sparkasse über das Rathaus, den Supermarkt und das Einkaufszentrum bis zur Post und den Kirchen darauf hingewiesen worden, was in puncto Barrierefreiheit noch verbessert werden könnte. Aber auch die schon zahlreich vorhandenen Pluspunkte wurden gewürdigt.

In diesem Sommer soll eine zweite Begehung stattfinden. Dann will man schauen, ob die Kritikpunkte Besserung erfahren haben. Geradezu vorbildlich sei der Haupteingang der Kreissparkasse  gestaltet mit Blindenschrift, Geländer und Rampe. Leider hatte noch ein Schild auf den behindertengerechten Haupteingang am mit Stufen versehenen Nebeneingang gefehlt.

Auch von den Jugendlichen des Zille war die junge Sparkassenmitarbeiterin gelobt worden, die sich in „Leichter Sprache“ ausdrücken konnte. „Leichte Sprache“ ermöglicht die Kommunikation ohne komplizierten Satzbau und Fremdworte, das muss man aber lernen.

An der Information eines großen Supermarktes  war allerdings „Leichte Sprache“ ein Fremdwort für die dort tätige Mitarbeiterin. „Das geht gar nicht“, findet Nicole Abels. Nicht überall müsse es eine behindertengerechte Toilette geben, etwa auf der Post, wo man sich in der Regel nur kurz aufhält, doch wenn eine installiert sei, sollte sie auch gut zugänglich sein.

Rolf Polz würde sich da manchmal etwas mehr Fachkompetenz bei den Betreibern wünschen. Polz hat in fünf Jahren Teilhabekreis an Selbstbewusstsein gewonnen. „Ich bin einer, der viel Kontakt sucht“, sagt er. Und er gehe auch zu Veranstaltungen, wo andere Behinderte sich nicht hintrauen würden. Immer wieder treffe er aber auf Mitmenschen, von denen er Ablehnung erfahre, die mit Behinderten nichts zu tun haben wollten. Dann versuche er mit diesen Menschen zu reden. Doch wenn sie auf stur stellen, dann gehe er eben. Streit wolle er keinen.

Umso mehr freue es ihn, wenn er an den Tisch gebeten, zum Dart eingeladen oder im Karnevalsverein aufgenommen werde. Ralf Polz: „Wir sind doch genauso Menschen wie die normalen. Tschuldigung, dass ich das so sage.“ „Was Herr Polz beschreibt“, sagt Adelheid Venghaus, „das hören wir öfter. Aber kleine Schritte gehen auch voran.“ „Stimmt“, sagt Polz, „kleine Schritte gehen auch voran.“ Die positiven Erfahrungen beim Dart oder im Karnevalsverein bestärken Rolf Polz die kleinen Schritte weiter zu gehen.

Und er sagt: „Ich finde das super, wenn man so akzeptiert wird, wie man ist.“ Aber er findet auch, dass die behinderten Menschen nicht immer auf die ohne Behinderung zugehen müssen.

Das nächste Treffen des Lokalen Teilhabekreises findet am Mittwoch, 13. März, ab 18 Uhr im Wohnheim Mutter Teresa, Josefstraße 7, statt. Menschen mit und ohne Behinderung sind herzlich willkommen, über das Miteinander in ihrer Stadt zu diskutieren.

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