Geilenkirchen: Eine Fackel für schmackhafte Siegerkruste

Geilenkirchen: Eine Fackel für schmackhafte Siegerkruste

Wochentags beginnt die Arbeit um 3, an Samstagen um 2 Uhr. Am frühen Morgen. Andrea Werden hat es so gewollt. Sie mag ihren Beruf als Bäckerin sehr. Und dass sie ihn auch beherrscht, hat die Jury bestätigt, von der die 20-jährige Immendor­ferin jüngst zur Zweiten Kammersiegerin Nordrhein-Westfalens gekürt worden ist.

Mit als Erster hat Lothar Bolten ihr dazu gratuliert; er ist Andreas Chef und Inhaber des Landcafés Immendorf. „Bäcker sein“, bestätigt der 37-Jährige mit bereits 21 Berufsjahren, „ist eine schöne Arbeit — aber eine harte Zeit!“ Gerade jetzt in der Weihnachtszeit geht noch mal alles an die Grenze im Produktionsbereich.

Andrea Werden lebt damit. Sie hat den Job früh kennengelernt, absolvierte als Schülerin ein Praktikum, hielt später Kontakt zum Landcafé als Aushilfe dort im Service. Das hat Andrea Werden offenbar geprägt. „An Büroarbeit habe ich nie gedacht. Ich möchte sehen, was man macht — auch wenn‘s später aufgegessen wird.“ Andrea Werden verließ vor dem Abitur die Schule und wurde Auszubildende im Betrieb der Familie Bolten. Das war im August 2009.

In den zurückliegenden drei Jahren hat sich das Berufsbild für die 20 Jahre junge Frau gefestigt. „Ich war vom ersten Tag an glücklich, auch wenn am Wochenende die anderen Party machen.“ Weil der Tagesrhythmus ein völlig anderer ist. Und das bei den ausgeprägten Hobbys! Andrea Werden mag das Leben in den Vereinen. Bei den Immendorfer Schützen ist sie aktiv, auch in der Schießabteilung. Fahnenschwenkerin ist sie zudem, beim Trommler- und Pfeiferkorps spielt sie die Querflöte. Treffs mit ihren Freunden abzumachen geht eigentlich nur samstags, der Arbeitszeiten wegen. Die 20-Jährige sieht das praktisch: „Es kommt alles auf die Planung an.“

Die Teiglinge sind fertig, der große Ofen per Automat schon auf 220 Grad geheizt, wenn das Bolten-Team — wozu inzwischen wieder ein Azubi gehört — morgens zur Arbeit anrückt. Um 7 Uhr beginnt zusätzlich der Ladenbetrieb, für den die Backwaren zubereitet wurden. Der Tagesbedarf aus der Backhalle umfasst darüber hinaus das Sortiment an Kuchen und Torten. Gegen Mittag ist dann auch für Andrea Werden Schluss; sie geht — gar nicht weit — nach Haus. „Drei bis vier Stunden Schlaf, dann ist Zeit für private Dinge.“

Privat sein, das hieß in jüngster Zeit auch eine Menge lernen, Verzicht auf Freizeit. „Ich muss mir einfach sicher sein, dass ich das kann“, sorgte Andrea Werden selbst für ein „gutes Gefühl“. Ende Juni diesen Jahres stand die Gesellenprüfung an, deren erfolgreicher Abschluss die Nachwuchs-Wett­bewerbe nach sich zog. Als Jahrgangssiegerin der Innung akzeptierte Andrea Werden die Teilnahme am Kammerwettbewerb.

Acht Stunden für Olympia

Als dann sogar der Landeswett­bewerb rief, wollte die Immendor­ferin nicht so recht. „Mit der Einladung nach Olpe kam das Lampenfieber“, erinnert sich die 20-Jährige. Aber Schule und die langjährige Zusammenarbeit mit Lothar Bolten, der vor mehr als 15 Jahren seinen Meistertitel, auch als Konditor, erwarb, hatten gutes Rüstzeug gegeben.

Fantasie muss man ohnehin allein mitbringen in diese Konkurrenz der Kammerbesten. Acht Stunden Produktionszeit zum Thema „Olympia“ lautete die Vorgabe, das Ergebnis hieß „Siegerkruste“, Brot mit gutem Nussanteil und einer Fackel als Deko. „Man muss auch an das Marketing denken“, schmunzelt Andrea Werden mit Blick auf ihre Landesurkunde.

Jetzt ist Weihnacht, danach gibt sich Andrea Werden auch mehr Freizeit. Ein Jahr, vielleicht, dann steht das Ziel „Meister“ auf der beruflichen Wunschliste der 20-Jährigen. Auch danach würde für sie ein Platz im Haus Immendorf bereit sein, versichert Lothar Bolten, der gerne bei noch mehr Auszubildenden „Leidenschaft für den Beruf wecken“ würde. Etwas zu schaffen sei das Wichtige, sagt die Vize-Landessiegerin. In diesem Beruf könne man Kreationen entwerfen und mit edlen Materialien arbeiten. Sich mit den uncharmanten Seiten des Berufs als Frühaufsteher zu arrangieren, hat Andrea Werden längst entdeckt: „Die Motivation ist da, wenn man etwas sehr gut gemacht hat.“

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