Geilenkirchen-Lindern: Ein weiteres Jahr des Umbruchs für das Linderner Holzkreuz

Geilenkirchen-Lindern : Ein weiteres Jahr des Umbruchs für das Linderner Holzkreuz

Wer sagt denn, dass heutzutage keine Gemeinschaftsleistungen mehr in den Ortschaften Geilenkirchens zustande kommen? Für aufmerksame Zeitungsleserinnen und -leser ist es eh klar, dass dieses Klischee nicht zutrifft, und in Lindern ist jetzt noch ein ansehnliches Projekt als positives Beispiel für Gemeinschaftssinn hinzugekommen.

Es geht um das Kreuz und den Platz, auf dem es sich auf der Linderner Bahn am Hof Lemmen befindet. Es wurde jetzt wieder ertüchtigt, und mit dem Hinzutreten einer vierten Jahreszahl verweist es auf eine wechselvolle Geschichte.

Kreuz und Platz wurden pünktlich zu Fronleichnam fertig, aber was hat es mit den Jahreszahlen auf sich?

1794

Französische Truppen rissen das Dorfkreuz in Lindern ab und errichteten an der Stelle einen „Freiheitsbaum“. Das geschah auf der Basis der französischen Ideologie der „Säkularisation“, des Einziehens kirchlicher Güter durch den Staat. Dieser Grundsatz wurde ganz unsensibel und ohne Rücksicht auf die religiösen Gefühle der hier ansässigen Bevölkerung verfolgt.

Kirchenbesitz wurde eingezogen, Gotteshäuser wurden zum Teil zu Pferdeställen. Mit dem Wiener Kongress 1814/15 war der aus kirchlicher Sicht schlimme Spuk vorbei. Das religiöse Leben konnte sich wieder entfalten.

Gute und wichtige Ansätze der „Franzosenzeit“ im Rechtswesen und der Verwaltung aber wurden von den Preußen — manchmal leicht modifiziert — übernommen, denn sie waren damals modern, gut und sie wirken bis heute fort.

1938

Wieder wurde das Dorfkreuz am Hof Lemmen zerstört, und das hatte eine böse, eine aggressive Qualität. Angehörige des hinter der Linderner Bahnstrecke befindlichen Reichsarbeitsdienstlagers zerstörten das Dorfkreuz, indem sie es vom Sockel stürzten. Pfarrer Pauli beklagt in seiner Chronik, dass 1938 das Kreuz geschändet wurde und trotz seiner Anzeige die Spuren der Täter nur bis zum Eingang des RAD-Lagers verfolgt wurden.

Sieben Jahre später war auch dieser Spuk vorbei, allerdings unter Zahlung eines entsetzlichen Preises von 60 Millionen Menschenleben und der Zerstörung großer Teile Europas. Das Leid in Lindern war wie überall riesengroß.

1957

Das neue Kreuz bei Lemmen wird an alter Stelle errichtet. Ein großartiges Bild für die Aufbruchstimmung nach der Betäubung durch die Zeit von 1933 bis 1945. Nach dem moralischen und materiellen Bankrott 1945 fassten die Menschen neuen Mut.

Das Praktizieren der Religion auf breiter Basis durch Gottesdienste, Prozessionen und dem erneuten Errichten von Glaubenssymbolen gehören auch zu den 1950er-Jahren, die sonst oft nur auf das „Wirtschaftswunder“ reduziert werden.

2017

Das Kreuz an der Linnicher Straße war bei dem Bau der Ortsdurchfahrt Ende der 1970er-Jahre an die Linderner Bahn ‚umgezogen‘, stand damit aber immer noch am ursprünglichen Grundstück.

Der Aachener Bischof Helmut Dieder konstatierte kurz nach seinem Amtsantritt, dass die Zeit der Kirche, die die Familien prägte, vorbei sei. Das bedeutet aber offensichtlich nicht das Ende religiöser Bekenntnisse und Aktivitäten. Die Kirchen sind im Umbruch, aber das ist die Welt immer.

Deshalb steht die Zahl 2017 als fast perfekter Schlussstein in dieser kurzen Darstellung zu einem Kreuz mit vier Jahreszahlen: 2017 ist einerseits die Endzahl der bisherigen geschichtlichen Abläufe rund um dieses Kreuz, aber diese Zahl steht auch für die Gegenwart in Lindern — und für den Beginn der Zukunft.