Geilenkirchen/Istanbul: Ein ruhiger Held: Vierjährige vor dem Ertrinken gerettet

Geilenkirchen/Istanbul: Ein ruhiger Held: Vierjährige vor dem Ertrinken gerettet

Eigentlich wollte Benjamin Preller gar nicht mehr an den Pool gehen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, sich in einem Istanbuler Geschäft Möbel anzuschauen, und am Nachmittag des 6. Juli, einem Sonntag, stand ihm der Sinn nicht mehr nach Sonne oder nach Wasser.

Weil es dann gegen 17 Uhr aber nicht mehr ganz so heiß war, entschieden Preller und sein Frau Jessica sich kurzfristig doch noch um. Eine banale Entscheidung, so flüchtig und so unbedeutend wie ein Wimpernschlag. Eine der wichtigsten Entscheidungen in Benjamin Prellers Leben. Doch das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Das Herz schlug nicht mehr

Der Swimmingpool, der zu der Wohnanlage gehört, ist nicht sehr tief. Ein ausgewachsener Mann kann darin stehen und guckt doch mit dem Kopf aus dem Wasser heraus. Ein Kind kann darin ertrinken. Minuten nach der Ankunft fand Benjamin Preller sich am Rand des Pools über ein junges Mädchen gebeugt wieder, dessen Lippen blau angelaufen waren und dessen Herz nicht mehr schlug.

Wäre Benjamin Preller an diesem 6. Juli daheim geblieben, dann wäre dieses Mädchen jetzt sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben, sondern tot.

Benjamin Preller ist 32 Jahre alt und Hauptfeldwebel bei der Luftwaffe, stationiert ist er in Istanbul. Als junger Mann reizten ihn die Herausforderungen, die der Beruf des Soldaten mit sich bringt, auch das Bild vom Zusammenhalt in der Truppe faszinierte ihn.

Geboren ist Preller in Trier, von Ende 2001 an war sein militärisches Zuhause der E3A-Verband der Nato in Geilenkirchen. Sein privates Zuhause war bis 2006 Lindern und anschließend Niederheid. Fragt man ihn nach Geilenkirchen, dann fallen Preller das Dacapo und das Havana ein, wo er gerne essen ging. Außerdem natürlich der VfR Übach-Palenberg, wo er Handball spielte, und das Vital Center in Niederheid, wo er regelmäßig trainierte. Und nicht zuletzt war da „unser toller Freundeskreis“.

Von der Wurm an den Bosporus

Anfang 2012 aber war dieser Lebensabschnitt vorbei, es ging von der Wurm an den Bosporus. Innerhalb der Nato gibt es nur sehr wenige Dienststelle, bei denen ein deutsches Luftwaffenelement in eine Heereskaserne integriert ist. Das hatte Benjamin Preller neugierig gemacht.

Als er am 6. Juli am Pool der Wohnanlage eintraf, nahm er flüchtig war, dass an der Wasseroberfläche ein Mädchen schwamm. Sie heißt Zelie und ist vier Jahre alt, doch auch das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er drehte sich weg und machte ganz in Ruhe seine eigene, zehn Monate junge Tochter zum Planschen fertig, als plötzlich Zelies Vater schreiend in Richtung Pool stürzte und samt Klamotten ins Wasser sprang. Zelie lag jetzt am Boden des Beckens.

Benjamin Preller wusste schon vor dem 6. Juli, dass es ein Irrglauben ist, dass Kinder schreien, wenn sie zu ertrinken drohen. Kurioserweise hatte er, seit er selbst Vater ist, bei Facebook immer wieder Videos zu diesem Thema geteilt. Außerdem nimmt er jedes Jahr an einer Sanitäterausbildung teil. In seiner Geilenkirchener Zeit wurde er außerdem darauf gedrillt, in Extremsituationen als fliegerisches Personal zu bestehen. Zu handeln. Einfach das Richtige zu tun.

Und genau das tat er jetzt. Eilte dem Vater zu Hilfe, zog Zelies leblosen Körper aus dem Wasser. Fragte den Vater, einen Franzosen, ob er Englisch spricht. Wies ihn an, die Mund-zu-Mund-Beatmung vorzunehmen. Begann selbst mit der Herzdruckmassage. Endlose zwei Minuten ging das so, bis Zelie schließlich anfing zu krächzen. Zelies Vater wollte die Herzdruckmassage fortsetzen, Preller schrie ihn an, aufzuhören. Zelie erbrach sich immer wieder, ihre Augen rollten unkontrolliert in den Höhlen hin und her. Das alles war gut, denn es bedeutete, dass sie zurückkam, dass sie lebte.

„Wie sich das anfühlt? Das ist einfach pure Freude“, sagt er heute. Er gibt allerdings zu, dass er einige Tage brauchte, um das Geschehene zu verdauen. In ruhigen Momenten fragt er sich, was passiert wäre, wenn er sich am 6. Juli dagegen entschieden hätte, an den Pool zu gehen. Und was wäre, wenn er bei der Rettung versagt hätte. Und, weil ja alles gut gegangen ist, ob es vielleicht doch einen Gott gibt. So erzählt Benjamin Preller es dreieinhalb Wochen nach der Rettung.

Eigentlich hatte er sich ja vorgenommen, um die Sache gar kein großes Aufhebens zu machen. Allerdings musste er den Vorgang seinen Vorgesetzten melden, und die Luftwaffe fragte ihn verständlicherweise, ob man nicht eine Pressemitteilung daraus machen könne. Ein Soldat rettet ein kleines Kind — eine viel bessere Werbung gibt es wahrscheinlich nicht. Na gut, sagte Preller. Also wurde die Geschichte doch publik.

Das Gröbste war überstanden

In der Pressemitteilung der Luftwaffe wird Benjamin Preller mit den Worten zitiert, dass sicherlich jeder so gehandelt hätte, wie er gehandelt hat, aber dieser Satz kann so nicht der Wahrheit entsprechen. Denn Preller erzählt auch, dass sich während der dramatischen Ereignisse um die 50 Personen am Pool aufhielten, und wenn man Preller fragt, was diese Leute taten, um zu helfen, dann fällt ihm nur ein, dass sie eigentlich gar nichts taten, außer zu gucken natürlich.

Nur ein Pärchen schaltete schließlich und bot an, das Mädchen und seinen Vater ins Krankenhaus zu fahren. Zelie hatte mittlerweile ihre Sprache wiedergefunden und fragte, ob sie nicht doch lieber am Pool bleiben dürfe. Da wusste Benjamin Preller, dass das Gröbste überstanden war.

Die alten Freunde aus Geilenkirchener Zeiten, die Mitspieler vom VfR Übach-Palenberg und die Kameraden von der Airbase werden nun vielleicht sagen, dass Benjamin Preller ein richtiger Held ist. Und oft wird er gefragt, wie er bloß so ruhig bleiben konnte. Er erklärt dann, dass eine Art Automatismus eingesetzt habe, ein antrainierter Automatismus. „Mit Coolness hat das jedenfalls gar nichts zu tun.“

Benjamin Preller hat Zelie übrigens bald wiedergesehen. Einige Tage nach dem 6. Juli hatte Zelies Familie einen Geburtstag zu feiern, und auch der Retter und seine Frau wurden eingeladen und den Gästen vorgestellt. Zelie fragte den Vater, wer denn dieser Mann sei, den habe sie doch schon mal irgendwo gesehen. Zelies Vater erklärte ihr, dass es derjenige sei, der ihr das Leben gerettet hat. Da rannte die kleine Französin auf den Soldaten zu, umklammerte sein Bein und bedankte sich 1000 Mal.

Mehr von Aachener Zeitung