Aachen/ Übach-Palenberg: Eifersuchtsdrama in Übach-Palenberg: Unfall oder Mordversuch?

Aachen/ Übach-Palenberg : Eifersuchtsdrama in Übach-Palenberg: Unfall oder Mordversuch?

Unfall oder Mordversuch? Auch das Sachwissen des Verkehrsunfallsachverständigen Dr. Werner Möhler aus Aachen brachte die Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht am Freitag nicht richtig weiter.

Es war der dritte Verhandlungstag im Prozess wegen versuchten Mordes gegen Thomas M. aus Übach-Palenberg, der am Abend des 11. Dezembers 2017 einen vermeintlichen Nebenbuhler nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit voller Absicht überfahren hat. M. hingegen behauptet, unter Alkohol und Drogen gestanden und die dunkle Fußgängergestalt vor dem Haus seiner Ex-Freundin zu spät gesehen zu haben.

Keine Bremsspuren

Der Sachverständige Möhler hatte auf Veranlassung des Gerichts mit einem dem Auto des Angeklagten ähnlichen Fahrzeug den Ablauf nachgestellt. Das Ergebnis des Gutachtens: Mit großer Sicherheit fuhr M. rund 50 Stundenkilometer schnell. Zu 80 Prozent verliefen Unfälle mit diesem Fahrzeugtyp und diesem Tempo für den Fußgänger tödlich, erklärte Möhler weiter.

Doch trotz vieler Fragen des Vorsitzenden Richters Roland Klösgen und Videovorführung der nachgestellten Fahrt ließ sich am Freitag kein eindeutiger Fahrtverlauf rekonstruieren. Hat M. noch beschleunigt und dann gebremst? Oder ist er ungebremst und mit konstanter Geschwindigkeit gegen den Körper des Opfers gefahren?

Eine sichere Antwort konnte Möhler nicht geben — und zwar auch deswegen nicht, weil bei Fahrzeugen mit Antiblockiersystem (ABS), wie es jeder Mercedes hat, keine Bremsmarken auf dem Straßenasphalt zurückblieben und damit Rückschlüsse auf das Fahrverhalten schwierig sind.

Außer Frage scheint jedenfalls zu stehen, dass M. rasend eifersüchtig war und gegenüber seiner Ex-Freundin bereits früher Tötungsdrohungen ausgestoßen hatte. Die Ex, eine 34-jährige Mutter mit Kind, hatte sich kurz vor dem fatalen Abend von Thomas M. getrennt. Der wollte das nicht akzeptieren.

Ins Visier des Angeklagten geriet schnell ein Freund von Ilona W: Der 30-jährige Marcel S. half der jungen und oft überforderten Mutter, machte den Babysitter und ging ab und zu für sie einkaufen. Meistens trug er dabei ein Kapuzenshirt. Das Schicksal wollte es, dass an jenem Abend etwa gegen 20.30 Uhr der beste Freund von Thomas M. ebenfalls mit einem Kapuzenshirt bekleidet auf der Alten Poststraße auftauchte.

Ismael E. (39) hatte mit der Mutter des Angeklagten dessen Katze bei der Ex-Freundin abholen wollen, ein Freundschaftsdienst, denn Thomas M. hatte sich ja getrennt, man wollte ihm helfen. Und ausgerechnet Ismael E. traf der Mercedes des Angeklagten beinahe tödlich. Die Anklage geht von einer Verwechslung mit Marcel S. aus.

Mit 50 Stundenkilometer raste M. mit seinem Wagen um die Kurve am Beginn der Alten Poststraße, fuhr auf die dunkle Gestalt zu und erfasste sie mit dem rechten Kotflügel. Der Mann flog meterweit durch die Luft und schlug in zwei Meter Höhe an einer Dachkante an. Die Mutter des Angeklagten befand sich zu diesem Zeitpunkt wohl noch in der Wohnung der Ex-Freundin. Ismail E. überlebte, kann aber heute nur an einem Rollator gehen.

„Ich habe den Marcel tot gefahren“

Noch in der Nacht habe Thomas M. auf der Flucht seine Mutter angerufen, wie M.‘s Schwester Christina (24) auf Befragung des Vorsitzenden Richters berichtete. Und er habe der Mutter am Handy gestanden: „Ich glaube, ich habe den Marcel tot gefahren.“ Dass sie selbst vor Ort gewesen war und M. in Wirklichkeit seinen besten Freund beinahe getötet hatte, wollte die völlig erschütterte Mutter ihrem Sohn nicht sagen, da der bereits des Öfteren gedroht habe, sich das Leben zu nehmen. Später stellte M. sich der Polizei.

Christina M. beschrieb ihren Bruder am Freitag als einen „netten Jungen“, der bis kurz nach der Pubertät sehr gut in der Schule gewesen und dann in schlechte Gesellschaft geraten sei. Auch „den Easy“, Ismael E., rechnete sie dazu. M. sei mehr als drei Jahre clean gewesen und dann wieder in alte Muster zurück verfallen. „Unter Drogen“, so die Schwester, „war Thomas aufbrausend und bedrohlich, ein völlig anderer Mensch.“

Der Prozess wird am 26. April fortgesetzt.

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