Drogenprozess: Deal für Angeklagte aus Marienberg

Drogenprozess in Darmstadt : Gericht macht ein „kaum noch vertretbares“ Angebot

Tränen und Drama im Prozess um den „Marienberger Drogenbunker“ vor dem Landgericht Darmstadt: Das Gericht bot der angeklagten Frau aus Übach-Palenberg einen neuen Deal an.

Vier Männer und eine Frau haben sich fast acht Monate vor dem Landgericht wegen bandenmäßigem unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge verantworten müssen. Ein 23-Jähriger aus Südhessen ist inzwischen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, ein 36 Jahre alter Mann aus Mannheim muss für sechs Jahre in Haft. Übrig geblieben sind eine 58 Jahre alte Frau und ihr 78-jähriger Ex-Partner aus Übach-Palenberg sowie ein 26-jähriger Niederländer.

Wirkte die angeklagte Frau aus dem Stadtteil Marienberg in der Vergangenheit kränklich, weinerlich und schwach, geht sie inzwischen in die Offensive. Ihren Haarausfall an Stirn und Hinterkopf hatte sie vor einigen Wochen noch mit einem um den Kopf geschlungenen Tuch verdeckt. Nun zeigt sie ihre kahlen Stellen – jeder soll sehen, wie schlecht es ihr geht. Dass inzwischen bei jedem Sitzungstag ihretwegen eine Ärztin zugegen ist, scheint der Angeklagten zudem Selbstbewusstsein zu verleihen. Immer wieder mischt sie sich in Zeugenvernehmungen ein und beschuldigt ihren einstigen Lebensgefährten, einen 78 Jahre alten ehemaligen Werftarbeiter, massiv und höchst emotional.

Angeklage hält sich für unschuldig

„Ich sehe nicht ein, dass ich hier sechs Jahre unschuldig in den Knast gehe“, brüllt sie dem Mann mit tränenerstickter Stimme unvermittelt entgegen, als ein Polizeibeamter aus Hessen berichtet, dass die Angeklagte auf mitgeschnittenen Telefongesprächen wirkt, als habe sie eine wichtige, organisatorische Position innerhalb der Gruppe gehabt.

Offensichtlich hält sich die Frau, deren Haus in Marienberg als „Bunker“ für die aus den Niederlanden gelieferten Drogen gedient haben soll, für unschuldig. „Ich habe doch immer nur gemacht, was man mir gesagt hat“, wiederholt sie unter heftigem Weinen. Dass sie auf Anordnung des Niederländers gehandelt habe, sieht zwar auch das Gericht so. „Sie waren froh, eine Aufgabe zu haben“, kommt die Vorsitzende der Angeklagten entgegen. Für „unschuldig“ hält die Frau jedoch wohl kaum jemand im Saal. „Hier haben sich alle auf mich eingeschossen“, jammert sie. Niemand interessiere sich für ihre Gesundheit und dafür, dass ihr Ex, der nur wenige Plätze neben ihr sitzt, „über alles Bescheid wusste“, verrät sich die Frau im Schwall ihrer Emotionen selbst. „Der hat auch Drogen in Teddys eingenäht und Pakete beschriftet und verpackt und auch die Maschinengewehre“, schreit sie.

Von Maschinengewehren war in dem Verfahren, in dem bislang einiges hinter verschlossenen Türen und für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar besprochen und ausgehandelt worden ist, zumindest offiziell noch nicht die Rede. Konkret nachgefragt wird allerdings nicht.

Dennoch nimmt das Gericht das Verhalten der Angeklagten zum Anlass, der Frau ein neues, „kaum noch vertretbares Angebot“, wie es die Vorsitzende Richterin selbst nennt, zu machen: Sechseinhalb Jahre Haft seien die „Untergrenze“, weniger könne es jedoch nicht werden. „Und das ist nur den Umständen und ihrer Gesundheit geschuldet und nur, wenn zeitnah eine noch nähere Einlassung kommt“, betont die Richterin.

Strafe wirkt unverhältnismäßig

Zur Erinnerung: Der zuletzt verurteilte Mannheimer, der selbst drogenabhängig ist, umfangreich ausgepackt hat und dem im Gegensatz zu der Frau aus Übach-Palenberg keine wichtige Rolle innerhalb der Bande zugefallen ist, ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Zwar kann der Mann sofort in eine Therapieeinrichtung überstellt werden, dennoch wirkt seine Strafe im Vergleich mit jener, die der 58-Jährigen nun angeboten worden ist, unverhältnismäßig. Schließlich waren im Haus der Frau Monate, nachdem Polizisten das Anwesen durchsucht hatten, fünf Kilo Heroin „aufgetaucht“.

Gefunden habe sie eigenen Angaben zufolge der angeklagte 78-Jährige. Seine sowie Spuren des Niederländers waren auf der Verpackung sichergestellt worden.

Seitdem sind diese Drogen immer wieder Thema im Gericht. „Der weiß ganz genau, dass er das da reingetan hat“, schreit die Hausbesitzerin ihren Ex an. Sie will mit diesen Drogen nichts zu tun haben.

Sollte sie den vom Gericht vorgeschlagenen Deal jedoch nicht annehmen, lässt die Kammer anklingen, könne ihr dieser Fund dennoch unter Umständen zugrechnet werden. „Mein Kollege ist gründlich, wenn da was gelegen hätte, hätte er es gefunden“, sagt dazu wenige Minuten später ein Beamter. Der Mann hatte den Partykeller des Hauses durchsucht, aber nicht den Vorraum, in dem das Heroin gelegen haben soll.

Der Heinsberger war als einziger noch nicht gehört worden. Doch auch er glaubt – im Gegensatz zu seinem Kollegen aus Hessen – nicht, dass die Polizei aus NRW etwas übersehen haben könnte.

Angesichts all dieses Durcheinanders, der stetig verbesserten „Angebote“ und der langen Verfahrensdauer wirkt es wie eine Art Entschuldigung, dass die Kammer am Ende des Tages auch dem 78-Jährigen einen überarbeiteten Deal vorlegt: Statt der vor einigen Wochen vorgeschlagenen Haftstrafe von mindestens drei Jahren könne der Senior nun mit zwei Jahren und drei Monaten „davonkommen“.

Der Verteidiger des Mannes hat bereits signalisiert, diesem Deal nicht im Weg stehen zu wollen – „aber wenn da nichts kommt von der Gegenseite…“, sagt er mit Blick auf die 58-Jährige aus Marienberg.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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