Übach-Palenberg: Die schöne Aussicht, helfen zu können: Ein Jahr Ghana

Übach-Palenberg: Die schöne Aussicht, helfen zu können: Ein Jahr Ghana

Seine neue Heimat auf Zeit kennt Jordan Müller bislang nur von virtuellen Reisen - aus Dokumentationen im Fernsehen oder von Mausklick-Touren im Internet. Doch das genügt dem 18-Jährigen als Vorbereitung. Er fühlt sich gut gerüstet für sein großes Abenteuer Ghana: „Ich bin gespannt auf eine total neue Umgebung, neue Erfahrungen, neue Menschen.“

Der frischgebackene Abiturient aus Übach-Palenberg reist am 2. September in das westafrikanische Land. Dort wird er ein Jahr lang als Betreuer in einer Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene arbeiten.

Für längere Zeit ins Ausland gehen — dieser Wunsch sei „schon immer“ da gewesen, sagt Jordan Müller. Wie lange dieser gefühlte Zeitraum anhält, weiß er nicht mehr so genau. Nach dem Abitur sollte es jedenfalls gleich soweit sein. „Ich glaube, später im Leben bekommt man nicht so leicht die Chance, ein Jahr lang ins Ausland zu gehen, ohne dass die berufliche Zukunft gleich darauf ausgerichtet ist.“ Noch sitzt er zu Hause auf der Terrasse, lässt den Blick kurz in den Garten schweifen, doch die „große Sache“ Afrika rückt immer näher. „Meine Mutter und meine Oma zählen schon die Tage und die Wochen“, sagt er mit einem Lächeln. Gerade erst haben sie wieder eine Zählgrenze passiert: Noch vier Wochen. Und seitdem sind schon wieder ein paar Tage vergangen.

Mehr als 5000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Übach-Palenberg und der ghanaischen Hauptstadt Accra. Die Reise führt Jordan Müller nach Ashaiman, eine Slum-Siedlung unweit der Hafenstadt Tema. Dort wird er ein freiwilliges entwicklungspolitisches Jahr in einem „First Contact Place“ absolvieren — einer Einrichtung, in der täglich 100 junge Menschen betreut werden. „Sie sind zwischen neun und 25 Jahre alt, die meisten kommen von der Straße“, weiß Jordan Müller. „Im FCP bekommen sie Schulunterricht und Essen.“ 35 von ihnen leben dauerhaft im „First Contact Place“, auch um sie wird sich der 18-Jährige kümmern. Sponsor der Einrichtung ist das Haus Overbach in Jülich.

Die passende Entsendeorganisation für seinen Plan vom Leben im Ausland hat Jordan Müller in der „Aktion Lichtblicke“ gefunden, ebenfalls vom Haus Overbach ins Leben gerufen. Partner der Aktion sind die Friedensdienste Aachen.

Das „Rays of Hope Center“ übernimmt vor Ort in Ghana die Betreuung. Neben dem Übach-Palenberger wird ein weiterer Freiwilliger über die Aktion Lichtblicke in Ashaiman entsandt. „Wir haben uns in der Vorbereitungszeit kennengelernt. Es ist sicher nicht schlecht, in der Anfangszeit ein bekanntes Gesicht zu sehen“, glaubt Jordan Müller.

Seine Beweggründe für den Ortswechsel auf Zeit nach Westafrika klingen plausibel, durchaus bekannt, aber vor allem ehrlich. „Ich möchte mich sozial engagieren und helfen. Am liebsten in einem Land, das einen völlig anderen kulturellen Hintergrund hat. Natürlich hätte ich auch etwas in Deutschland machen können, aber ich fühle, dass Afrika das Richtige für mich ist“, ist er sich sicher. „Ich bin gespannt auf die Kontraste, die Unterschiede zwischen dem Leben in Deutschland und in Afrika. Ich glaube, man weiß später all die Privilegien hier viel mehr zu schätzen. Und einen Beitrag für die Entwicklung in Ghana leisten zu können, halte ich für eine gute Sache.“

Dass er dabei auch sein Englisch verbessern kann, nimmt er als zusätzliche Motivation mit auf die Reise. Apropos Englisch: Seine Sprachkenntnisse wird Jordan Müller gleich vom Start weg brauchen, und er wird sie weitergeben. An junge Menschen, die nicht selten nur ein paar Brocken Englisch beherrschen und ansonsten nur ihren landestypischen Dialekt beherrschen. Aber auch dabei macht sich der 18-Jährige keine großen Sorgen. „Ich glaube, es geht nicht um die perfekte Vermittlung von Grammatik oder Satzbau, sondern darum, dass sich die Leute auf Englisch verständigen können und so ihre Chance verbessern, einen Job zu bekommen.“ Geld bekommen die Freiwilligen nicht für ihre Arbeit. Die ist übrigens nicht auf den Unterricht im „First Contact Place“ beschränkt. Jordan und sein Kollege unterstützen die Betreuer bei Projekten und helfen bei den Hausaufgaben.

Dabei wird sich Jordan auch als Autorität beweisen müssen. „In der Vorbereitung haben wir gelernt, dass es wichtig ist, mit entschlossenem Auftreten den Respekt der jungen Leute zu verdienen.“ Angst vor der Reise und einem ganzen Jahr in der (Noch-)Fremde hat Jordan Müller nicht. Dennoch lässt er einiges zurück, wie er zugibt. „Ich werde sicher meine Freunde und die Familie vermissen. Aber die Vorfreude ist trotzdem unheimlich groß. Es fühlt sich einfach richtig an.“

Mit Freunden spontan an den See fahren — dieser liebgewonnene Freizeitspaß wird für Jordan Müller demnächst ausfallen. Oder aber, das Vorhaben wird an einen anderen Ort, in eine andere Zeitzone, auf einen anderen Kontinent verlegt. Neben der Arbeit soll genug Zeit bleiben, das Land zu erkunden, hofft Jordan, „darauf freue ich mich besonders.“ Eine prägende Erfahrung für das ganze Leben soll es werden, sein Jahr in Ghana, davon ist der 18-Jährige überzeugt.

Mehr als 5000 Kilometer von Übach-Palenberg entfernt, wo Mutter und Oma womöglich schon ab dem 2. September die Tage bis zu Jordan Müllers Rückkehr zählen werden.

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