Impfdebatte: „Die Masern werden total unterschätzt“

Impfdebatte : „Die Masern werden total unterschätzt“

Ohne Piks keinen Kitaplatz: Der Vorstoß einer Essener Kindertagesstätte, nur noch geimpfte Kinder aufzunehmen, und die steigende Zahl an Masern-Fällen hat die Debatte über die hochansteckende Infektionskrankheit neu entfacht. Doch wird der Ruf nach einer Masern-Impfpflicht auch in Geilenkirchen lauter?

„Wir schreiben den Eltern keine Impfung vor“, erzählt  Ingrid Grein, Leiterin der AWO-Kindertagesstätte Geilenkirchen Stadtmitte. „Vor der Aufnahme legen sie uns allerdings das Vorsorgeheft oder eine Bescheinigung vom Kinderarzt vor.“ Dabei gehe es aber um den generellen Gesundheitszustand des Kindes: „Daher kann ich nicht sagen, wie viele Kinder bei uns gegen Masern geimpft sind.“

Im gesamten Kreis Heinsberg betreut die AWO rund 1000 Kinder vom ersten Jahr bis zum Schuleintritt. „Die Eltern fragen uns schon mal nach unserer Meinung zu einzelnen Impfungen, und wir legen auch viel Wert auf eine Beratung“, so die Leiterin weiter. Im Kreis Heinsberg sei die Impfrate aber erfreulicherweise sehr hoch und belaufe sich auf 95 Prozent. „Am Ende ist es eine Entscheidung der Eltern, und da wollen wir uns nicht einmischen“, sagt Ingrid Grein. Ihrer persönlichen Meinung nach sei Impfen wichtig, aber man müsse nicht jede mitnehmen. „Ärzte sagen natürlich, dass Röteln und Windpocken aus der Welt gehören, aber jede Kinderkrankheit lässt das Kind auch reifen und stellt einen Entwicklungsschub dar“, findet die Kita-Leiterin.

Damit es dem Teddybären wieder besser geht, bekommt auch er eine Spritze. Der Kleine war sehr tapfer, Leiterin Ingrid Grein musste nicht mal trösten. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Erkrankt ein Kind in der Kita an einer Infektionskrankheit, gebe es immer einen Aushang. „An einen Masern-Fall kann ich mich in dieser Einrichtung aber nicht erinnern“, erzählt Grein. Nur einmal in ihrer Laufbahn als Pädagogin habe sie die Krankheit in einer anderen Tagesstätte miterlebt: „Das liegt aber mehr als 40 Jahre zurück.“  Ihrer Erfahrung nach sei es auch sehr unterschiedlich, wie die Kinder mit einer Impfung umgehen. „Einige sind nur ein bisschen müder, andere bekommen Infektsymptome“, sagt die Leiterin.

Dr. Stefan Wüller hat in seiner Zeit als Oberarzt an der Uniklinik in Aachen hingegen schon einige Patienten mit tragischen Krankheitsverläufen durch Masern begleitet. „Das Gehirn ist bei einigen Patienten bei vollem Bewusstsein weggeschmolzen“, erinnert sich der Mediziner traurig, der zusammen mit seiner Frau seit 2009 eine Kinderarztpraxis in Geilenkirchen betreibt. Brechen Masern aus, können Komplikationen wie Lungenentzündung oder Hirnhautentzündung auftreten. Als Spätfolge einer Maserninfektion kann es außerdem noch nach Jahren zu einer Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks kommen, die zum Ausfall von Gehirnfunktionen und zum Tod führt.

 „Die Masern werden einfach total unterschätzt“, weiß der Arzt. Wer einmal mit Masern im Freundes- oder Bekanntenkreis in Berührung gekommen sei, dem stelle sich die Frage nach einer Impfung nicht mehr. „Die Symptome nach einer Impfung sind viel geringer zu werten, als das Risiko an Masern zu erkranken“, stellt der erfahrene Mediziner klar, der auch in seiner Praxis in Geilenkirchen schon kleine Patienten mit dem typischen Ausschlag hinter den Ohren hatte.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt: Masern sind hoch ansteckend. Sie werden ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. „Es reicht aus, mit einer erkrankten Person im gleichen Raum zu sein“, erklärt Stefan Wüller. Nahezu jeder Kontakt zwischen einer ungeschützten Person und einem Erkrankten führt zu einer Ansteckung, selbst aus einigen Metern Entfernung. Jeder, der die Infektion noch nicht hatte oder nicht vollständig durch eine zweifache Impfung geschützt ist, kann an Masern erkranken. „Säuglinge, die noch zu jung für eine Impfung sind, sind besonders gefährdet“, erklärt der Arzt. Dabei hätten gerade Säuglinge zudem ein erhöhtes Risiko, bei einer Masern-Erkrankung Komplikationen zu entwickeln.

Besonders tückisch ist weiterhin: „Zunächst sehen die Betroffenen aus, wie 95 Prozent der Patienten in der Grippezeit.“ Zu Beginn der Erkrankung zeigen sich Beschwerden wie hohes Fieber, Husten und Schnupfen sowie Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum und der Augen-Bindehaut. „Erst nach einigen Tagen bildet sich der charakteristische Hautausschlag“, sagt Stefan Wüller.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung gegen Masern, und auch Stefan Wüller rät frischen Eltern zu dem kurzen Piks. „Die Impfung erfolgt als Kombi-Lösung zusammen mit Mumps und Röteln“, führt der Doktor aus. „Medizinisch gesehen gibt es kein echtes Argument gegen die Impfung.“  Das Immunsystem werde durch die Krankheit auch nicht stärker, wie von Impfgegnern angeführt: „Im Gegenteil: Masern schwächen das Immunsystem und sind der Wegbereiter für andere Krankheiten.“ Trotzdem ist der Kinderarzt gegen eine generelle Masern-Impfpflicht. „Es sollte eher intensive Aufklärungsarbeit geleistet werden“, so Stefan Wüller. Noch sei für ihn das Recht des Einzelnen höher einzustufen. „Aber wenn wir da auch in ein paar Jahren nicht weiter sind und die Masern weiterhin in Wellen auftreten, dann muss man zum Schutz der Säuglinge über eine Pflichtimpfung nachdenken.“

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