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Klimawandel: Die Hitze? Die ist nur die Spitze des Eisbergs!

Klimawandel : Die Hitze? Die ist nur die Spitze des Eisbergs!

Vieles schwirrt Hans Coenen jetzt durch den Kopf, wenn er an die Zukunft der Milchbauern denkt. Sein Blick schweift ab, irgendwo hin Richtung Himmel. Der Beecker Vieh- und Landwirt erzählt und erzählt, auch wie es vor ein paar Wochen war, als die Hitze ihm und seinen Mitarbeitern zu schaffen machte.

Für lange Überlegungen blieb weder Zeit noch Kraft. „Man denkt gar nicht darüber nach, man macht einfach“, sagt Coenen. „Jammern bringt einen nicht weiter.“

Bundesweit hat die lang anhaltende Dürre den Bauern Sorgen bereitet. Zwar regnete es in den vergangenen Wochen mehrmals, aber nicht genug: „Die Situation bleibt weiterhin angespannt“, sagt Bernhard Conzen, der Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes. Der Gangelter gibt eine Einschätzung darüber, wie hoch die Ernteeinbußen ausfallen: 10 bis 20 Prozent beim Getreide, 50 Prozent bei den Kartoffeln und 50 bis 60 Prozent beim Mais, der als Futter in der Viehwirtschaft dient.

Und damit hat der trockene Sommer Milchbauern wie Hans Coenen gleich doppelt bestraft. Denn auch für die Kühe bedeutete die enorme Hitze Stress. Ihre Wohlfühltemperatur liegt zwischen minus fünf und plus 20 Grad Celsius, alles darüber hinaus verursacht bei den Tieren Unwohlsein. Schon das Atmen fällt dann schwer, was nicht wunderlich ist, wenn man bedenkt, dass 500 Liter Blut durch den Euter einer Kuh fließen, um einen Liter Milch zu erzeugen.

Wochenlang konnte Coenen beobachten, wie seine 200 Kühe träger wurden und weniger aßen. Das wiederum wirkte sich auf die Milchleistung der Tiere aus, die laut dem Milchbauern bis zu 15 Prozent niedriger war als unter normalen Wetterbedingungen. Und auch die Anzahl tragender Kühe und Kälber ging zurück. Die der Frühgeburten hingegen stieg an, weil die Hitze den trächtigen Kühen noch mehr zusetzte.

Milchbauer mit Leib und Seele: Hans Coenen hat seinen Stall mit vielen Ventilatoren ausgestattet, um seinen Tieren das Leben auch bei hohen Temperaturen so erträglich wie möglich zu gestalten. Foto: Laura Laermann

Ventilator und Wasserstellen

Dabei haben Hans Coenen und seine Mitarbeiter versucht, den Tieren das Leben so erträglich wie möglich zu machen. Im ganzen Stall brachten sie Ventilatoren an, um möglichst viel Luft durch die Halle zu wirbeln. Zusätzliche Wasserstellen wurden geschaffen. Sollten sich Sommer wie dieser künftig häufen, denkt der Milchbauer auch über eine Wasserbesprenklung nach. Im Stall der Kälber brachte Coenen zudem schon im Frühjahr ein Fliegennetz an, da abzusehen war, dass die Fliegenpopulation bei den hohen Temperaturen explodiert.

Das allergrößte Problem sind aber die vertrockneten Äcker. Sowohl die schlechte Maisernte als auch die vertrockneten Weideflächen führen zur Futterknappheit. Schon jetzt schöpfen viele Bauern aus ihren Vorräten, die sie eigentlich für den Winter bräuchten. Der Zukauf von Futter ist kaum möglich, da das Angebot überall knapp ist und die Preise dementsprechend hoch. Vor allem geraten einige Betriebe, die nur Kühe und keinen Ackerbau haben, in existenzielle Notsituationen. Manche müssen soweit gehen, dass sie Tiere schlachten, um Futter zu sparen.

Dieser Schritt bleibt Hans Coenen erspart, denn seine Vorräte reichen für den Winter. Für den Bauern gäbe es kaum Schlimmeres, als sich von einem seiner Tiere trennen zu müssen oder kein Futter mehr für sie zu haben. In 22 Jahren Arbeit im Betrieb, den er von seinem Vater übernommen hat, habe er das noch nicht erlebt: „Das war mit Abstand das extremste Jahr“, sagt Coenen rückblickend. Und auch sein Vater Willi Coenen erinnere sich nur noch an das Jahr 1976, das ähnlich hohe Temperaturen aber nicht in der Beständigkeit aufwies. Umso mehr hat sich nun die Weisheit seines Großvaters bewährt: „Besser Futter auf dem Hof als Geld auf der Bank.“

Weil Geld nun mal nicht hilft, wenn es kein Futter mehr nachzukaufen gibt, ärgern Coenen die Diskussionen über die in der Politik angekündigte Dürreentschädigung: „Es wird da von Milliarden gesprochen, was aber davon tatsächlich bei den Landwirten ankommt, ist fraglich“, sagt der Viehwirt. „Damit wird mehr Verwirrung gestiftet als geholfen.“ Auch Bauernpräsident Conzen hält diese Idee für wenig sinnvoll und plädiert langfristig für eine Dürre-Versicherung, wie es sie bereits in anderen Ländern gibt.

Augenblicklich hilft aber auch das den Milchbauern nicht. Denn die Hitze ist nur die Spitze des Eisbergs.

Ein Schokoriegel oder vier Joghurts?

Die Milchpreise sind eh schon sehr niedrig, erklärt Hans Coenen, durch die Kosten, die die Dürre verursacht hat, liegen sie nun gar nicht mehr im Deckungsbereich. „Der Handel muss jetzt reagieren, er hat die Zukunft der Milchbauern in der Hand“, macht Coenen deutlich.

Aktuell liegt der Preis pro Liter Milch bei 32 Cent. Wie wenig das ist, macht Coenen an einem Beispiel fest: „Statt sich einen Schokoriegel an der Tankstelle für 1,20 Euro zu kaufen, kann man auch vier Joghurts im Supermarkt bekommen.“ Vielen Verbrauchern sei dies nicht bewusst. Der Einzelhandel nutze dies mit seiner Strategie aus: „Um Kunden ins Geschäft zu ziehen, werden Grundnahrungsmittel, die man immer wieder nachkaufen muss, wie Milch, Joghurt und Käse, besonders günstig angeboten und angeworben. Alle anderen Lebensmittel werden nebenbei mit eingekauft, bei diesen Produkten rückt der Preis in den Hintergrund.“

Würden die Bauern nun etwas mehr für ihre Milch bekommen, könne das einige Existenzen sichern, glaubt Coenen. Schaden würde das aber niemandem. Seit Jahren gelingt es den Milchbauern nicht, ihre Forderungen durchzusetzen. Daher wünscht sich Coenen, dass die Politik eingreift. Andernfalls, so glaubt der Beecker, müssen immer mehr Milchbetriebe schließen.

Auch wenn Coenen mit Leib und Seele Milchbauer ist, sieht er keine Perspektive für diese Branche in Deutschland. Der niedrige Milchpreis, hohe Anforderungen der Molkereien, Kosten für Futter und Ausstattung und steigende Löhne — all das rechne sich nicht. Dennoch: „An Aufgeben ist nicht zu denken“, sagt Coenen. „Es freut mich zwar, dass mein Sohn interessiert ist, den Betrieb einmal weiterzuführen, aber, wenn ich ehrlich bin, müsste ich ihm davon abraten.“