Die Geilenkirchener möchten Brücken zwischen den Kulturen bauen

Kooperation : Zwischen den Kulturen Brücken bauen

Sie tauchen am späten Nachmittag in der Innenstadt auf. In kleinen und großen Gruppen sieht man sie schwer bepackt mit Einkaufstüten Richtung Bahnhof ziehen. Und dann sind sie aus dem Stadtbild wieder verschwunden. Für viele Geilenkirchener sind sie immer noch Unbekannte.

Derzeit leben auf dem weitläufigen Gelände des Loherhofes über 300 junge Menschen aus 30 Nationen, die auf ein Studium in Deutschland vorbereitet werden. Seit 2010 ist hier das Freshman Institute angesiedelt, wo die angehenden Studenten überwiegend aus dem asiatischen Raum ein Jahr lang die deutsche Sprache lernen, die deutsche Kultur kennenlernen und erste Einblicke in ihr künftiges Studienfach erhalten. „Wir sind weltweit unterwegs und machen vor Ort Aufnahmeprüfungen, denn in jedem Jahr haben wir etwa 2500 Bewerber“, sagt Maria Kappenstein, Geschäftsführerin des Freshman Institute.

Seit Bestehen des Freshman Institute gibt es ein Patenprogramm, an dem jeder an einer anderen Kultur interessierte Bürger teilnehmen kann. Die Paten sollen mit den Studenten aus China, Indien, Indonesien, Iran oder Vietnam gemeinsame Zeit verbringen, Karten spielen, Kuchen backen, Nachhilfe geben oder Ausflüge gestalten und ihnen den Start in Deutschland durch neue Freundschaften erleichtern.

Auch Schüler und Lehrer des Geilenkirchener St.-Ursula-Gymnasium wollen, wie Schulleiter Jürgen Pallaske es ausdrückt, „Brücken zwischen den Kulturen bauen“ und kooperieren jetzt mit dem Freshman Institute. Mit Partnerschaftsprojekten hat das St.-Ursula-Gymnasium langjährige Erfahrung. Mit Frank Hülden hat das Gymnasium einen Lehrer gefunden, der nicht nur Englisch unterrichtet, sondern auch für Partnerschaftsprojekte und internationale Zusammenarbeit zuständig ist. Partnerschaftsschulen hat das Geilenkirchener Gymnasium in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und England. Eine Online-Partnerschaft pflegen Geilenkirchener Schüler mit einer Schule im US-Bundesstaat Michigan. Dafür treffen sich die Ursulaner auch am späten Nachmittag in der Schule, um mit den neuen Freunden in den USA zu skypen. Da geht es nicht nur um eine lockere Unterhaltung, sondern auch um themenbezogene Befragungen für den Unterricht, beispielsweise zum American Dream. An einem E-Mail-Projekt mit einer Schule bei London nehmen derzeit 150 Schüler des siebten Jahrgangs teil.

Freshman Institute-Geschäftsführerin Maria Kappenstein und St.-Ursula-Schulleiter Jürgen Pallaske mischen sich in die Diskussionsrunden ein. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Gab es bisher auch schon ab und zu lockere Kontakte zwischen den Gymnasiasten und den Studierenden des Freshman Institute, bei dem auch so manche Freundschaft entstanden ist, so wollen Jürgen Pallaske und Frank Hülden die Kooperation nun intensivieren: Mit „International Qualification“ ist beispielsweise ein Projekt der Jahrgangsstufe 11 überschrieben und für Schüler gedacht, die im Ausland studieren wollen. Doch auf welche Schwierigkeiten können sie dann stoßen? Welche Vorbereitungen sind notwendig? Und wie geht man mit Heimweh um? 90 Minuten lang interviewen die angehenden Abiturienten deshalb Studenten, die aus eigener Erfahrung berichten können. „Es geht dabei nicht nur um das Interview, sondern auch um Integration. Hier treffen potenzielle Freunde aufeinander“, sagt Frank Hülden. „Das ist eine Bereicherung für beide Seiten, das Interesse an anderen Kulturen ist groß. Es ist aber auch eine Bereicherung für die Stadt, denn die neuen Erkenntnisse nehmen die Schüler mit in ihre Familien und Freundeskreise. Wir sind eine weltoffene Schule“, ergänzt Jairo Monclair, der für das Freshman Institute das Patenprogramm begleitet. Und Jürgen Pallaske meint: „Mit einer engen Kooperation beziehen wir Position gegen Fremdenfeindlichkeit und für ein Zusammenleben verschiedener Kulturen.“

Lernen bis am späten Abend

Auch Jairo Monclair, der für das Patenprogramm des Freshman Institute zuständig ist, sucht den Kontakt mit den Diskussionsgruppen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Jetzt startete auch eine Vortragsreihe zum Thema „Internationale Begegnung“, in der Freshman-Studenten Vorträge halten. Bei einem Referat über das chinesische Schulsystem wurde beispielsweise deutlich, dass chinesische Schüler von morgens bis 22 Uhr am Abend mit Schule und Lernen beschäftigt sind. „Bei einem Volk mit 1,4 Milliarden Menschen ist der Konkurrenzdruck natürlich größer als bei uns. Für die Eltern ist Wohlstand ein hoher Wert, denn dann ist man in der Gesellschaft angesehen. Deshalb wollen sie eine gute Ausbildung für ihre Kinder“, weiß Maria Kappenstein. Freizeit, Sport, die Natur erleben seien für die jungen Leute aus dem fernen Osten  fremd. „Sie müssen hier den Kopf vom Lernen frei machen und sich nicht nur auf die Eltern fokussieren“, sagt Kappenstein. „Deshalb machen wir auch nichtakademische Angebote wie Sport, Musik, Kreativ- und Tanzworkshops und versuchen, Abwechslung zu bieten“, sagt Stefanie Kuhaupt, die ebenfalls für das Freshman Institute im Patenprogramm involviert ist. Derweil weist Jairo Monclair auf die musikalische Kooperation zwischen dem Gymnasium und Freshman Institute hin: „Dabei geht es nicht nur um Musik machen, sondern um die Verbindung durch Musik.“

Ein gemeinsames öffentliches Konzert der Band vom Loherhof und dem Chor von St. Ursula ist bereits auf großen Beifall gestoßen. Geprobt haben Schüler und Studenten vorher gemeinsam.

Mittlerweile gibt es sogar ein Mathematikprojekt, ein lockeres Treffen von Schülern und Studierenden, die gemeinsam die unterschiedlichsten Wege zur mathematischen Lösung einer Aufgabe durchrechnen. Man sieht, Schüler und Studenten, Deutsche und ausländische Gäste, begegnen sich auf vielfältige Weise. „Diese Partnerschaft wird gelebt. Deshalb streben wir nun eine offizielle Kooperation an“, sagt Maria Kappenstein und stößt damit bei Jürgen Pallaske auf offene Ohren.

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