Gangelt/Städteregion: Deutsch-belgische Hilfe für Menschen mit mehrfachen Krankheiten und Behinderungen

Gangelt/Städteregion : Deutsch-belgische Hilfe für Menschen mit mehrfachen Krankheiten und Behinderungen

Laura Biebermanns (Name geändert) hat eine leichte Intelligenzminderung. Einen Schulabschluss hat die 19-Jährige ebenso wenig wie eine Ausbildung oder einen Job. Laura Biebermanns leidet unter einer sozialen Phobie, unter Magersucht, schweren depressiven Episoden, Zwangsstörungen und unter einer Schilddrüsenerkrankung. Darüber hinaus konsumiert sie Cannabis. Und die junge Frau hat noch mehr Probleme.

Sie ist im achten Monat schwanger, ihr Partner hat sich von ihr getrennt. Unterstützung von ihrer Familie erfährt die in unserer Region lebende Frau nicht mehr, sie ist von Obdachlosigkeit bedroht. Anträge auf Sozialleistungen kann sie nicht stellen. Keiner im Hilfesystem fühlt sich zuständig für die junge Frau: nicht die Familie, nicht die Schule, nicht das Jugendamt.

„Die junge Frau hatte wie viele andere keine professionelle Unterstützung. Diesen Menschen muss unbedingt geholfen werden. Für diese Menschen sind wir da“, sagt Arnold Schweden, Leiter der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung der Katharina Kasper Via Nobis GmbH, zu diesem Beispiel aus der täglichen Praxis.

Via Nobis ist ein anerkannter Träger zahlreicher Angebote in der Behinderten- und Jugendhilfe, eines Ambulanten Pflegedienstes, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, einer Psychiatrischen Institutsambulanz, mehrerer Tageskliniken, Seniorenheime und Kindertagesstätten mit Hauptsitz in Gangelt.

Mit ihren Angeboten ist sie an vielen Standorten in den Kreisen Heinsberg, Mönchengladbach, Viersen, Krefeld und der Städteregion Aachen vertreten und kümmert sich um benachteiligte und ausgegrenzte Kinder und Jugendliche, Menschen mit Behinderung, Menschen mit psychischen, seelischen Leiden oder Suchterkrankungen und Senioren. Hier findet auch Laura Biebermanns als Patientin mit Mehrfachdiagnosen professionelle Hilfe.

Die Mitarbeiter von Via Nobis verschaffen ihr erst einmal ein Dach über dem Kopf, bringen sie in betreutem Wohnen unter, sorgen gemeinsam mit anderen Trägern für medizinische Versorgung, soziale Unterstützung und Hilfe im täglichen Leben.

Grenzüberschreitende Standards

Aufgrund der vielfältigen Professionen und Angebote und jahrzehntelanger Erfahrung wurde Via Nobis für das Interreg-Projekt „Mobi“ — Mobile Orientierung, Begleitung und Intervention für Menschen mit Doppel- und Mehrfachdiagnose — ausgewählt, durch das im grenzüberschreitenden deutsch-belgischen Austausch Lösungen für Menschen entwickelt werden, die von mehrfachen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen betroffen sind. Diese Menschen fallen häufig durch alle Hilfe-Netze.

„In Belgien gibt es eine solche Versorgung von Menschen mit einer Mehrfachdiagnose nicht. Eine junge Frau wie Laura würde dort vielleicht in einem Krankenhaus, dann in einer Psychiatrie versorgt, um dann von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zu wandern“, sagt Schweden. „Wir hingegen haben den Patienten aus allen Sichtweisen im Blick“, ergänzt Udo Wilschewski, Leiter der Geg Euregio GmbH in Aachen, eine Tochtergesellschaft von Via Nobis und Anbieter von Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe für Menschen bis 27 Jahre, die ebenfalls Projektpartner ist.

„Via Nobis ist Ansprechpartner für Menschen mit einer Mehrfachdiagnose im Kreis Heinsberg. Aber in der Euregio Maas-Rhein fallen viele Menschen durch das Raster. Es gibt schwierige Fälle, die kein Träger alleine angehen will. Diese Träger wollen wir unterstützen“, sagt Arnold Schweden. Dies gelte auch für die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien, die aufgrund der geringen Einwohnerzahl von rund 75 000 Menschen ein soziales System wie in unserer Region nicht aufbauen konnte.

„Die Versorgung jenseits der Grenze ist eher kleinteiliger, die Einrichtungen stoßen schnell an die Grenzen. Für die Versorgung der Menschen mit Doppel- oder Mehrfachdiagnosen wollen wir grenzüberschreitend Standards entwickeln“, sagt Schweden. Dabei sehen die Beteiligten das Projekt nicht als Einbahnstraße. Udo Wilschewski: „In Belgien fährt ein kleines Team, beispielsweise bestehend aus Sozialarbeiter, Psychologe und Krankenpfleger, in die Familien. Jetzt lernen wir auch deren Arbeit kennen und hinterfragen unsere.“

Nach einer Kick-Off-Veranstaltung im Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen mit politischen Vertretern aus der Grenzregion Belgien/Deutschland werden in gemeinsamen Fallkonferenzen mit Beteiligung der unterschiedlichsten Fachleute Standards für die Versorgung von Menschen mit Mehrfachdiagnosen entwickelt. Multiprofessionelle Teams beraten auf Anforderung Menschen mit Unterstützungsbedarf, deren Familien oder überforderte Einrichtungen und bieten ihre Hilfe und passende Lösungen an.

„Und dabei können wir von den Belgiern lernen, die bereits viele Patienten zu Hause — also ambulant vor stationär — behandeln, weil die Infrastruktur nicht da ist“, sagt Schweden. Für die Beratung durch Mobi entstehen den Nutzern keine Kosten, da das Projekt finanziell gefördert wird.

Bei dem Projekt geht es aber auch um Weiterbildung: Gemeinsam mit der Hochschule Hasselt soll ein Studiengang eingerichtet werden, der sich an Helfer für Menschen mit Doppelbehinderung richtet.

So hofft man, künftig Menschen wie Laura Biebermanns in der gesamten Regio Maas-Rhein schnelle professionelle Hilfe bieten zu können, damit sie nicht durch das soziale Netz fallen.