Geilenkirchen: Der traurige Tiefpunkt eines langen Ehekrieges vor Gericht

Geilenkirchen: Der traurige Tiefpunkt eines langen Ehekrieges vor Gericht

Eigentlich hatte L. geplant, den Abend mit Videospielen zu verbringen, zusammen mit einem Freund. Wenig später fand er sich auf der Motorhaube eines Autos wieder, an dem er sich schreiend festkrallte. Der Fahrer versuchte, ihn abzuschütteln, er bremste, er gab Gas, er bremste erneut, er betätigte sogar Scheibenwischer und Waschanlage, um L. loszuwerden.

„Halt an!“, brüllte L. „Lass los!“, brüllte der Fahrer. Das spielte sich nicht in einem Videospiel ab, sondern in Geilenkirchen, Ortsteil Prummern. L., ein junger Mann, kam mit Prellungen, Schürfwunden und dem Schrecken davon.

Bei der Vorgeschichte zu der Szene, die sich am 24. Juni 2017 abgespielt hat und die am Dienstag am Geilenkirchener Schöffengericht juristisch aufgearbeitet wurde, handelt es sich um ein Beziehungsdrama, an dem L. bis dato vollkommen unbeteiligt war, von dem er wohl nicht einmal ahnte. Es spielte sich ab zwischen B. und seiner Frau, die damals in einem anderen Teil von Geilenkirchen lebten.

In B's Leben war es zuletzt nicht rund gelaufen: Seine Firma war geschlossen, er privatinsolvent, und wie um das persönliche Unglück zu vervollkommnen, stand es auch um seine Ehe schlecht. B. und seine Frau ergingen sich in zermürbenden Streits, die manchmal Tage dauerten, immer wieder war auch die Rede davon, sich zu trennen.

Wagen bei der Freundin versteckt

So war es auch am 24. Juni 2017, als der Ehekrieg seinen traurigen Tiefpunkt erreichte. Schon beim Einkaufen waren B. und seine Frau aneinander geraten, daheim setzte sich die Auseinandersetzung fort, und vielleicht wäre es ein Streit wie die vielen anderen geblieben, wäre B's Frau nicht mit dem Opel davongefahren, den beide Seiten für sich beanspruchten.

Man muss wissen, dass B. sein altes Auto in Zahlung gegeben, seine Frau aber die sonstigen Kosten getragen hatte, so am Dienstag die Darstellung im Gerichtssaal. Die Frau versteckte den Wagen bei einer Freundin in Prummern. Die Freundin ist die Mutter von L., der Opel ist das Auto, auf dessen Motorhaube sich L. später wiederfinden sollte. Der Mann, der am Steuer saß, ist B.

Kein Führerschein, keine Arbeit

Mittlerweile hat B. sein Leben wieder in den Griff bekommen, er ist angestellt als Berufskraftfahrer. „Ich fahre alles, was gefahren werden kann“, sagte er am Dienstag zu Richterin Corinna Waßmuth. Eine Führerscheinsperre, die angesichts der Anklage im Raume stand, dürfte er fast ebenso gefürchtet haben wie eine Gefängnisstrafe: kein Führerschein, keine Arbeit.

Zurück in den Juni 2017. B. hatte schnell herausgefunden, wo das Auto, das er als seines betrachtete, sich befand. Er fuhr mit dem Fahrrad nach Prummern, in der Tasche hatte er den Ersatzschlüssel. Vor Ort stellte er fest, dass man mit seinem Erscheinen gerechnet hatte, denn die Einfahrt, in der der Opel parkte, war mit einem Kleinwagen zugestellt worden.

Was nun? Die Türen des Kleinwagens waren abgeschlossen, doch der Kofferraum nicht. Wild entschlossen kämpfte B. sich durch den Kofferraum des fremden Autos nach vorne vor, löste die Handbremse, stieg aus, schob das Auto beiseite und setzte sich in den Opel. Der Weg wäre frei gewesen, wären nicht L. und sein Freund auf die Situation aufmerksam geworden. L. stellte sich dem Opel in den Weg. B. gab Gas und nahm das menschliche Hindernis auf die Motorhaube. Die eingangs geschilderte Szene nahm ihren Lauf.

„Gefühlt Tempo 50“

„Gefühlt Tempo 50“ sei B. sicher gefahren, berichtete L. am Dienstag dem Schöffengericht, erst nach mehreren hundert Metern habe B. den Opel schließlich zum Stehen gebracht und ihn absteigen lassen. B's eigene Darstellung des Vorfalls blieb eher dünn. L. sei ihm auf die Motorhaube gesprungen, behauptete er, was L. sogar bestätigte — allerdings versehen mit dem Zusatz, dass er gar keine andere Möglichkeit gehabt hätte, so er nicht unter statt auf dem Opel liegen wollte. B. zeigte sich vor dem Schöffengericht aber im Wesentlichen geständig und wirkte, als verstehe er selbst nicht, was ihn damals geritten hatte. „Ich war in einer totalen Ausnahmesituation, wegen der ganzen Monate und Jahre und auch wegen diesem Tag“, sagte er.

Er wurde wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von 14 Monaten verurteilt, die auch eingedenk der Tatsache, dass B. bis dato nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das entsprach dem beantragten Strafmaß der Staatsanwältin. Von einer Führerscheinsperre wurde abgesehen. „Sie sind nicht ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeugs, Sie sind ungeeignet zum Führen familiärer Auseinandersetzungen“, hielt Richterin Waßmuth fest.

B. und seine Frau leben seit der Prummerner Stuntfahrt in Scheidung. Kontakt besteht nicht mehr, der Opel ist verkauft.

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