Übach-Palenberg: „Demokratie“ als Schulfach: Arbeitsblätter sind keine guten Lehrer

Übach-Palenberg : „Demokratie“ als Schulfach: Arbeitsblätter sind keine guten Lehrer

Legislative, Exekutive, Judikative — man kennt sie noch aus dem Politikunterricht. Und natürlich den Schlüsselsatz: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Ganzen Generationen von Schülern hat man so versucht, unsere Demokratie und ihre Gewaltenteilung zu erklären.

Mit Theorie also, die soweit richtig und wohl auch sicherlich nicht ganz unwichtig ist. Doch führt sie zu einem tieferen Verständnis dessen, was die Herrschaft des Volkes bedeutet und wie man sie lebt? Wagen wir doch noch einmal den Selbstversuch im Chor: Legislative! Exekutive! Judikative! Alles klar?

Erleben und Mitmachen

Nein, natürlich nicht — glaubt Christoph Schlagenhof. Der Lehrer des Übach-Palenberger Carolus-Magnus-Gymnasiums hält die Didaktik gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern für wenig zeitgemäß. Ein gutes Beispiel sei Geschichte. „Aber kein Fach wird so fachfremd unterrichtet wie Politik“, ist Schlagenhof sicher. Er findet, dass sich das ändern müsste — und unterrichtet dieses Halbjahr am CMG erstmals das Fach „Demokratie“. Ein Dutzend Achtklässler haben es zurzeit belegt. Sie werden nun unterrichtet nach der Maxime, dass Inhalte nicht über Arbeitsblätter und Grafiken in die Köpfe gelangen, sondern durch eigenes Erleben und Mitmachen.

Das geschieht zurzeit in Kleingruppen. Jede hat sich ein eigenes Projekt überlegt. Feico und Lukas haben es sich zur Aufgabe gemacht, am Anne-Frank-Tag am 12. Juni eine Gedenkveranstaltung zu organisieren. Es ist Montagmorgen, erste Stunde, Schlagenhof und seine Schüler sind gerade dabei, sich zu überlegen, wie man Gäste zu dieser Gedenkveranstaltung bekommt. Lehrer möchte man gerne dabei haben, gerne den ein oder anderen Kommunalpolitiker, vor allen Dingen aber Schüler — 50 sollten es schon sein.

Fragt sich also, wie man die motiviert. Die Idee, Eis zu verschenken, wird schnell wieder verworfen. Als praxisnäher erachtet die Gruppe da schon, für Aushänge zu sorgen und in die Klassen zu gehen, um zu werben. Und dann ist da ja noch die Schülerverwaltung, die zufällig noch am gleichen Tag tagen wird. Schließlich verspricht Schlagenhof: „Wenn 100 Schüler kommen, gebe ich einen aus!“

Wie frei der Demokratie-Unterricht gestaltet wird, lässt sich auch daran ablesen, wie verschieden die Themen sind, die die Kleingruppen sich ausgedacht haben. Die beiden Sophies etwa interessieren sich für das Thema Obdachlosigkeit. Vincent und Joshua wollen eine Veranstaltung mit Kommunalpolitikern starten: „Politik im Dialog“ soll sie heißen. Brianna, Rilana, Kristina und Felix beschäftigen sich unter dem Titel „Meine Werte, Deine Werte“ mit dem, was ihre Mitschüler bewegt. Und Amneh und Paula haben den „Kuchen-Talk“ ersonnen. Am Einkaufszentrum wollen sie am 27. Juni Passanten zu politischen Gesprächen einladen. Dazu gibt es Kaffee und Kuchen, daher der Name. Der Leiter des Einkaufsparks Magnus war sofort einverstanden damit und versprach sogar, Stühle und ein Tischchen beizusteuern. Das kam bei den Schülern gut an.

Doch nicht immer fluppt es so. Die Schüler wollten auch die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in die Schule einladen, die als Sängerin mit dem Hip-Hop-Projekt „Microphone Mafia“ auftritt. Nach einer vielversprechenden ersten Kontaktaufnahme mit der Gruppe herrsche nun leider Funkstille, bedauern die Schüler. Aber auch Rückschläge muss ein Demokratie-Lehrling aushalten.

Bislang findet das Unterrichtsfach „Demokratie“ im Rahmen des Förderunterrichts statt. Schlagenhof fände es gut, das Angebot mittelfristig auszuweiten. Natürlich kann man nicht einführen, abschaffen und ummodeln, wie man gerade lustig ist. Aber als Wahlpflichtfach für die Neuntklässler müssten die Regularien das wohl zulassen, ist er sicher. Übach-Palenbergs Gymnasium ist ja schon lange bekannt für seine Angebote zur demokratischen Bildung, sogar Besucher aus Japan und erst jüngst aus Israel interessierten sich dafür schon. Würde die Demokratie tatsächlich auch als solche im Stundenplan stehen, wäre das ein fast schon logischer nächster Schritt.

Allerdings passt er wohl nicht ganz in die Schulstruktur, wie Schulleiter Dr. Hans Münstermann auf Nachfrage erläutert. „Wünschenswert wäre das bestimmt, wegen der zu geringen Größe unseres Hauses aber nicht machbar“, sagt er. Es würde zu leicht zu Lasten anderer Wahlpflichtfächer gehen, und den „Tod einer Fremdsprache“ etwa möchte Münstermann nicht in Lauf nehmen. „Gut vorstellen“ könne er sich aber, das Angebot auch auf den Förderunterricht für die jüngeren Jahrgänge auszuweiten, sagt Hans Münstermann.