Gangelt: Das Rätsel um das verschwundene Kreuz

Gangelt: Das Rätsel um das verschwundene Kreuz

Der Grabstein auf dem Schanzberg mitten im Naturpark Rodebach/Roode Beek erhält am 21. August ein neues Kreuz. Das steinerne Kreuz, das über viele Jahre für eine eigenartige Stimmung auf der baumbesetzten Erhöhung gesorgt hatte, ist vor vielen Monaten spurlos verschwunden.

Dem Agrar-Ingenieur Heiner Molz, der nicht nur mit der Entwicklung des grenzüberschreitenden Naturparks zu tun hatte, sondern auch eine Gruppe von Caritas-Mitarbeitern leitet, die Wege- und Unterhaltungsarbeiten ausführt, war das abhanden gekommene Kreuz schon länger ein Dorn im Auge. „Das sah einfach nicht aus”, schildert er seine Motivation, hier für Abhilfe zu sorgen. Dabei war ihm auf niederländischer Seite das beliebte Ausflugscafé „Nonke Böschke” aufgefallen. Dort fand man einiges an schmiedeeiserner Handwerkskunst.

Pieter Gerards war der Künstler, der sich dann auch schnell bereit erklärte, das Kreuz für den Schanzberg herzustellen. Jetzt gab es den ersten Anpass-Termin, bevor das Kreuz am 21. August in der Sonntagsmesse in St. Nikolaus um 10.30 Uhr gesegnet und dann von der Kirche zum Schanzberg gebracht wird.

Wer das Kreuz ursprünglich auf dem markanten Hügel aufgestellt hat, ist nicht überliefert. Es rankt sich aber die Geschichte eines Mordes darum. In der Reichspogromnacht, der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in Deutschland die Synagogen, wurde geschändet, geplündert und gemordet. Die Geschichte des Gangelter Juden Heinrich Morgenstern, damals knapp 30 Jahre alt, wurde von dem aus dem Selfkant stammenden Horst Seferens recherchiert. Die folgenden Absätze fußen weitestgehend auf seiner Arbeit.

Horst Seferens recherierte

Heinrich Morgenstern sei in der besagten Nacht umgebracht worden, lautete ein Gerücht, das sich hartnäckig über die Jahre hielt. Horst Seferens ist es gelungen, durch intensive Recherche in Archiven und bei Gesprächen mit Zeitzeugen, zu beweisen, dass es sich dabei wirklich nur um ein Gerücht handelt.

Der wahre Kern des Gerüchtes ist dabei erschreckend genug. Nahezu alle älteren Bürger, mit denen Horst Seferens ins Gespräch kam, berichteten, „Morgensterns Hein” sei in der Reichspogromnacht ermordet und auf dem Schanzberg verscharrt worden. Was dem Gerücht den beglaubigenden Schein der Wahrhaftigkeit verlieh, ist der merkwürdige Umstand, dass bereits 1945 ein altes, ausgedientes Friedhofskreuz von einem Unbekannten über Nacht an der vermuteten Grabstätte Morgensterns errichtet wurde.

So hat nun Horst Seferens die Geschehnisse jener Nacht rekonstruiert: Die Familie des Viehhändlers Sigmund Morgenstern lebte in der Neustraße, der heutigen Wallstraße. Es scheint, dass die Eltern und Heinrichs Geschwister Fritz und Irma schon vor dem November 1938 in die Niederlande geflohen waren. Heinrich jedenfalls befand sich in der Pogromnacht alleine in dem großen Haus.

Es mag sein, dass sich eine besondere Aggression der ortsansässigen Nazis auf den jungen Mann richtete, da er vorher schon häufiger mit ihnen aneinandergeraten war. Jedenfalls drangen sie bei ihrem Rundgang durch den Ort auch in dieses Haus ein. Nach einem Handgemenge sei die Meute mit Heinrich Morgenstern in Richtung Kahnweiher verschwunden. Der Schanzberg ist von dort aus nur wenige hundert Meter entfernt. Horst Seferens Blick in die Archive widerspricht den Berichten von der „Hinrichtung” Morgensterns. Demnach führte Heinrich Morgensterns Schicksalsweg zunächst nach Holland, von dort aus weiter in den Tod nach Auschwitz. Über die „Oorlogsgravenstichting” in s´Hertogenbosch erhielt Seferens die Auskunft, dass Heinrich Morgenstern über Westerbork, ein Durchgangslager in den Niederlanden, nach Auschwitz gelangt ist.

Bruder entkam in die USA

Dort muss er zwischen dem 21. August und dem 30. September 1942 zu Tode gekommen sein. Heinrichs Bruder Fritz konnte offensichtlich in die USA entkommen. Er strengte 1951 von New York aus ein Verfahren an, seinen verschollenen Bruder für tot erklären zu lassen.

Das Amtsgericht Geilenkirchen gab dem Antrag am 16. August 1951 statt, nachdem das in der Lokalpresse veröffentlichte Aufgebot ohne Echo geblieben war.

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