Das „Heinsberger Land“ und sein touristisches Potenzial

Wirtschaftsförderung: Das „Heinsberger Land“ und sein touristisches Potenzial

Bäume werde man auf dem Gebiet des Tourismus nicht ausreißen können, sagt Wirtschaftsförderer Ulrich Schirowski im Interview mit unserer Zeitung. Doch er ist davon überzeugt, dass das touristische Potenzial des „Heinsberger Landes“ lange Zeit unterschätzt wurde. Dabei nutze es nicht nur dem Gastgewerbe, sondern der Wirtschaft als Ganzes, sich hier professioneller aufzustellen.

Im Mai 2017 wurde die neue Tourismusmarke „Heinsberger Land“ erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit der Einführung einher ging die Abwicklung des „Heinsberg Tourist Service“. Mittlerweile schreiben wir 2019, und Ulrich Schirowski, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg, hat mit Jan Mönch über seine touristische Vision für das „Heinsberger Land“ gesprochen.

Herr Schirowski, tun wir doch zum Einstieg so, als hätten wir uns gerade zufällig in einer nahen Großstadt kennengelernt, sagen wir: in Köln im Rahmen einer Tagung. Zufällig erwähne ich, dass ich gerne der Großstadt für ein paar Tage entkommen würde. Das ist Ihre Chance, einen Touristen für den Kreis Heinsberg zu werben!

Schirowski: Unser Motto lautet ja „Heinsberger Land – erfrischend entspannt“...

Reimt sich!

Schirowski: Reimt sich, geht gut über die Lippen und sagt viel über unsere Region aus. Wenn Sie aus den umliegenden Ballungsräumen kommen, kann der Kreis Heinsberg genau das: erfrischen und entspannen, mit Wanderungen in unserer Natur, tollen Radtouren, Möglichkeiten zum Einkehren und Genießen.  Apropos Genuss: Das Thema wollen wir im Heinsberger Land künftig durch eine Regionalmarke noch stärker herausstellen.

Ulrich Schirowski, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg, hier zu sehen mit einem Aufsteller von Hastenraths Will, dem Markenbotschafter von „Heinsberger Land“. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Das klingt alles sehr nett, aber wo ist das Alleinstellungsmerkmal?

Schirowski: Wir haben viel Potenzial, aber realistischerweise  werden wir touristisch keine Bäume ausreißen können. Ein touristisches Highlight vom Format etwa des Phantasialands haben wir nicht. Aber brauchen wir so etwas wirklich? Wir haben andere tolle, aber sehr viel geerdetere Attraktionen, die wir  noch stärker herausstellen können: die Selfkantbahn, den Wildpark in Gangelt, das Rodebachtal und noch viel mehr.

Bis wo blicken Sie, wenn Sie von „umliegenden Ballungsräumen“ sprechen?

Schirowski: Für den Tagestourismus ist ein Radius von 80 bis 100 Kilometern überhaupt kein Problem. Für den Wochenendtourismus mit Übernachtungen durchaus auf ganz Nordrhein-Westfalen.

Vermutlich kann sich so ziemlich jeder in Deutschland etwas unter der Eifel vorstellen. Für das „Heinsberger Land“ gilt das eher nicht.

Schirowski: Wenn man eine Identität bilden will, braucht man etwas Gemeinsames. Wir haben ausführlich darüber diskutiert, ob wir uns als touristische Marke  „Heinsberger Land“ nennen wollen. Das gibt es so ja eigentlich gar nicht. Es gibt aber den gemeinsamen Kreis Heinsberg – und zwar seit 1972.

Erlebnisorientiert geht es zu beim Rafting auf der Rur. Foto: zva/Stefan Klassen

Was bürokratisch klingt und gar nicht entspannend.

Schirowski: Und wenn das so klingt, dann sollte man sich gerade touristisch nicht unbedingt so vermarkten wollen. Zugleich sollte die neue Marke aber keine lokalen Angebote verdrängen. Mit „Heinsberger Land“ können wir nach draußen gehen, damit mehr Besucher die lokalen Angebote überhaupt kennenlernen.

Nachdem die Marke „Heinsberger Land“ den „Heinsberg Tourist Service“ abgelöst hat, haben Sie den Anschluss nach Norden gesucht.

Schirowksi: Sie meinen die Niederrhein-Tourismus GmbH, der wir vor einem Jahr beigetreten sind. Das sind die Kreise Wesel, Kleve, Viersen und nun auch wir. Bei dieser Kooperation geht es vor allem um einen stärkeren überregionalen Auftritt im touristischen Marketing: Es macht beispielsweise kaum Sinn, alleine als „Heinsberger Land“ bei der ITB, der weltgrößten Tourismusmesse, die alljährlich in Berlin stattfindet, zu werben.

Dabei zählt man den Kreis Heinsberg doch gemeinhin zur Region Aachen.

Schirowski: Das ist wirtschaftsstrukturell tatsächlich so und spiegelt sich etwa beim Zuschnitt der IHK- und HWK-Bezirke wieder. Im Tourismusmarketing bildet die Region Aachen vor allem einerseits die Interessen der Stadt Aachen ab und andererseits die der Eifel. Wird aber beispielsweise die Eifel vermarktet, kommt doch keiner auf den Kreis Heinsberg – wie denn auch? Was wir dem Gast hier bieten können, passt sehr viel besser zum Angebotsportfolio des Niederrheins. Geografisch und naturräumlich zählt der Kreis Heinsberg auch in Gänze zur Niederrheinischen Bucht beziehungsweise dem Niederrheinischen Tiefland.

Man denkt aber trotzdem nicht unbedingt an den Kreis Heinsberg, wenn vom Niederrhein die Rede ist. So betrachtet hängen Sie ein bisschen zwischen den Stühlen.

Schirowksi: Sehen Sie sich doch mal Bilder typischer niederrheinischer Landschaften an. Da fällt eine Unterscheidung vom Heinsberger Land schwer. Viersen, Kleve und Wesel sind schon seit Jahren gemeinsam touristisch unterwegs und gut aufgestellt, ähnlich wie die Eifel, wo sich die Kommunen aus NRW und Rheinland-Pfalz schon vor vielen Jahren zusammengetan haben. Beim Niederrhein-Tourismus sind wir bislang eher noch so etwas wie der Junior-Partner. Aber wir sind stark im Kommen!

Wo hat es beim „Heinsberg Tourist Service“ gehakt?

Schirowski: Der  „Heinsberg Tourist Service“ – kurz HTS – bestand als eingetragener Verein mehr als 25 Jahre. Ich war nicht dabei und habe die Entwicklung eher aus der Distanz beobachten können. Da ist eine Beurteilung nicht leicht. Aber meiner Einschätzung nach ist dem HTS irgendwann vor zig Jahren ein wenig die Luft ausgegangen.  Es fehlte an neuen Impulsen und frischen Ideen, um das Thema Tourismusentwicklung mit Verve nach vorne zu bringen.

Und es gab Kommunikationsdefizite – das jedenfalls hat 2015 das Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut, kurz DWIF, in einer Studie zur touristischen Entwicklung im Kreis Heinsberg attestiert, auf dessen Expertise basierend „Heinsberger Land“ geschaffen wurde.

Schirowski: Diese Studie war sehr wichtig. Sie hat herausgearbeitet, wo Defizite liegen. Da gab es auf der einen Seite eine steigende Erwartungshaltung an die Tourismusentwicklung im Kreis Heinsberg – und andererseits ein Manko an neuen Impulsen und frischen Ideen, wie ich eben so gesagt habe. Und sicherlich gab es auch ein Problem mit den Ressourcen beim HTS. Das Wichtigste aber aus meiner Sicht: Man hat offensichtlich nicht wirklich miteinander kommuniziert. Man muss mit den Leuten reden, Problemstellungen erkennen und aktiv nach Lösungen suchen, Ideen entwickeln und daraus gegebenenfalls Projekte und Initiativen machen, gestalten statt nur verwalten.

Ruhig und idyllisch: der Kahnweiher im Rodebachtal. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Als weitere Schwächen wurde durch das DWIF genannt, dass die Strukturen kleinteilig seien, es nur wenige Leitbetriebe gebe und ein hoher Wettbewerbsdruck herrsche.

Schirowski: Wie gesagt,  die Gutachter waren in der Analyse durchaus schonungslos. Aber es bringt ja nichts, die Dinge durch die rosa Brille zu betrachten. Wir haben Defizite in den tourismusrelevanten Strukturen, gerade im privatwirtschaftlichen Bereich. Die Aufgabe einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft ebenso wie einer Einrichtung der Tourismusförderung muss es sein, mit dazu beizutragen, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass die Privatwirtschaft dazu bereit ist, zu investieren.

Das DWIF hat auch eine ganze Reihe an Zahlen als Grundlage besorgt, es spricht zum Beispiel von 8,5 Millionen Tagesgästen pro Jahr. Das kommt mir sehr viel vor.

Schirowski: Die Zahl stammt aus einer Vorab-Untersuchung mit den Titel „Wirtschaftsfaktor Tourismus im Kreis Heinsberg“, die das DWIF 2011 durchgeführt und 2014 fortgeschrieben hat. Über 250.000 Übernachtungen und rund 8,5 Millionen Tagesbesucher sorgten für Umsätze in Höhe von insgesamt 236,9 Millionen Euro; davon entfielen 212,5 Millionen Euro auf die Tagestouristen. Ich kann Ihnen versichern, dass die – zugegeben durchaus komplexe – Methodik, die das DWIF im Rahmen solcher Erhebungen anwendet, erprobt und deutschlandweit höchst anerkannt ist. Ich gebe zu: ich habe die Tagesgäste nicht gezählt. Aber – nur als Beispiel – gehen Sie an einem Freitagmittag einmal  durch die Heinsberger Innenstadt. Dann können sie nur noch staunen, wie sehr die niederländische Sprache bei den Passanten dominiert.  Der Tagestourismus und der Kurzzeittourismus stellen ein enormes Potenzial da.

Man hat die Tourismusförderung also nicht nur deshalb der Wirtschaftsförderung angegliedert, weil man da gerade Zeit hatte...

Schirowski: Eine stringente Tourismusentwicklung und ein touristisches Marketing tragen auch generell zu einer Attraktivitätssteigerung des Kreises Heinsberg bei. Und zwar als Wirtschaftsstandort, aber auch als Region, in der man hervorragend wohnen und leben kann. Und klar ist auch: Unternehmenslenker schauen bei ihren Investitionsentscheidungen nicht allein auf Grundstückspreise oder Gewerbesteuerhebesätze.  Das Drumherum spielt oft ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Bewertung der Standortattraktivität. Es verlegt natürlich kein Konzern seinen Standort in den Kreis Heinsberg wegen des guten Radwegenetzes. Aber ein gewisser Wohlfühlfaktor kann, wenn die übrigen Faktoren stimmen, durchaus den Unterschied machen.

Zufällig hat die Stadt Geilenkirchen ja gerade eine Fahrradkarte veröffentlicht.

Schirowski: Kann ich nur begrüßen – und wir haben das ja auch aktiv unterstützt. Ich würde mich freuen, wenn da noch mehr kommen würde, das wir dann auch gerne unterstützen werden. Man muss Ideen haben, sie dann aber auch umsetzen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist derzeit Hückelhoven mit dem „Haldenzauber“ Ein echtes touristisches Highlight mit regionaler und überregionaler Strahlkraft – und letztlich über 40.000 Besucher. Wer hätte das vor 25 Jahren in der Zechenstadt Hückelhoven gedacht?

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