Darmstadt/Übach-Palenberg: Drogenprozess gegen Marienbergerin

Kuriose Aussage : Handel mit Frettchen-Gras statt mit Marihuana?

Der Prozess gegen eine 59-Jährige aus Übach-Palenberg wegen Drogenhandels am Landgericht Darmstadt geht weiter. Noch immer sind die Aussagen der Angeklagten wiedersprüchlich. Mal gibt sie sich kleinlaut wimmernd, mal aufbrausend und vulgär.

Die Angeklagte wimmert. „Ich kann nicht mehr, das geht schon bald zwei Jahre“, stößt sie mit tränenerstickter Stimme hervor. Vor fast einem Jahr begann am Landgericht im hessischen Darmstadt der Prozess gegen die 59-Jährige aus Übach-Palenberg, seit Sommer 2017 sitzt sie in Untersuchungshaft. Das zerrt an den Nerven der ohnehin kränklichen Frau. Wegen ihres angegriffenen Allgemeinzustandes wird pro Sitzungstag nur wenige Stunden verhandelt. Die Frau könne dem Gesagten sonst womöglich nicht mehr folgen, hatte eine Ärztin festgestellt.

Die Anklage lautet auf bandenmäßigen Drogenhandel in nicht geringer Menge. Die Frau aus Marienberg soll Mitglied einer fünfköpfigen Gruppe gewesen sein, die aus den Niederlanden stammende Betäubungsmittel, darunter Heroin, bis nach Süddeutschland verkauft habe. Außer der Frau sitzt ihr 78 Jahre alter Ex-Lebensgefährte vor Gericht. Gegen einen ebenfalls angeklagten Niederländer soll bald das Urteil gesprochen werden. Zwei weitere Angeklagte sind bereits verurteilt.

Das eigene Verfahren hätte die Angeklagte selbst schon vor Monaten abkürzen können. Mehrfach hatte die Kammer der 59-Jährigen nahegelegt, einen sogar noch nachgebesserten „Deal“ anzunehmen: Eine Haftstrafe von sechseinhalb Jahren als „Untergrenze“ und somit Verfahrensende gegen eine umfassendere Aussage. Doch die Frau lehnte ab. Sie sieht sich als Opfer und Mitläuferin. Gehandelt und bestimmt hätten stets andere. Besonders ihr Ex-Partner sei einer der Strippenzieher gewesen. Wenn es darum geht, den 78-Jährigen zu belasten, wird die Frau laut, aufbrausend, mitunter sogar vulgär.

„Das Schwein lügt“, zischt sie während der Verhandlung in Richtung ihres Ex. Er solle endlich erzählen, „was er in Holland für Drogen geholt hat, von den Gewehren, die er rumgefahren hat, alles“, schreit sie.

Wenn es aber um sie selbst und ihren möglichen Beitrag geht, wirkt die Frau weinerlich, schwach und verwirrt. Nur zu einer Begebenheit äußert sie sich plötzlich und präsentiert eine mindestens kurios klingende Erklärung. „Da habe ich mit meiner Tochter gesprochen“, sagt sie, noch bevor das Gericht ein Telefongespräch vorspielt, das bei der polizeilichen Überwachung der Angeklagten aufgezeichnet wurde.

Mutter und Tochter hätten sich darin zwar über „Gras“ unterhalten, das dürfe aber nicht falsch verstanden werden. Damit sei „Frettchen-Gras“ gemeint gewesen. „Das ist sowas wie Katzengras, das gibt’s ja auch“, bekräftigt die 59-Jährige ungewohnt lebhaft und wortreich. Im daraufhin abgespielten Mitschnitt des Gesprächs ist zu hören, wie die Angeklagte ihrer Tochter berichtet, sie habe ihr „drei, vier Tütchen Gras weggelegt“. Diese könne die Tochter verkaufen, „dann hast du wieder Geld“.

Das Wort „Frettchen“ fällt jedoch nicht ein Mal. Das Gericht fragt nach. „Meine Tochter hat auch Frettchen, so wie ich“, erläutert die Angeklagte. Diese Tiere bräuchten ab und an Gras, „das sind so lange, dünne Halme“. Diese habe sich die Angeklagte „von Amerika“ besorgen lassen. Verkaufen lasse sich das besondere Gras an andere Frettchen-Halter, denn es sei teuer – „ein Beutel kostet 35 Euro“ – und rar. Da die Tochter in finanziellen Nöten gesteckt habe, hätte sie mit dem Verkauf ihre Finanzen aufbessern können, so die Angeklagte.

„Frettchen-Gras“ scheint tatsächlich ein überaus exklusives Produkt zu sein: Im Internet finden sich zumindest auf die Schnelle weder via Suchmaschine noch bei Online-Tierfutterhändlern entsprechende Einträge. Zwar gibt es auf deutschen wie englischsprachigen Seiten zahlreiche Treffer zu Trocken- und Nassfutter für die kleinen Raubtiere. Frettchen-Gras aber findet sich weder als Futter noch als Käfig-Einstreu.

Für die bis dato zeternde Angeklagte, die sich den Vormittag über immer wieder aufgeregt hat, ist der Prozesstag danach schlagartig beendet. Sie wirkt plötzlich weggetreten, nickt sogar ein. „Das kann ich keinem Krankheitsbild zuordnen“, so eine Ärztin, die die 59-Jährige begutachtet.

Da die Angeklagte jedoch in der Untersuchungshaft den Drogenersatz Methadon sowie ein Medikament erhalte, könnten ihre Ausfallerscheinungen auf einsetzenden Wechselwirkungen dieser Mittel beruhen, so die Medizinerin. Zur gründlichen Untersuchung wird die Angeklagte in ein Krankenhaus eingewiesen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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