Bundesweiter Tag des Nachbarn

Quartiersentwicklung in Geilenkirchen : Nachbarn gemeinsam auf einem Weg

Am Samstag ist der bundesweite „Tag des Nachbarn“. Bestes Beispiel einer funktionierenden Nachbarschaft ist die Quartiersarbeit in Geilenkirchen. Ein Einsatz gegen die Einsamkeit.

Mehr Gemeinschaft, weniger Anonymität und eine Nachbarschaft, in der sich alle alle zu Hause fühlen: Unter diesem Motto wird am Samstag bundesweit der „Tag des Nachbarn“ gefeiert. Initiiert wird er von der „nebenan.de Stiftung“ und gefördert vom Bundesfamilienministerium. In ganz Deutschland werden an diesem Samstag wieder Tausende kleine und große Nachbarschaftsfeste gefeiert.

Melanie Hafers-Weinberg ist eine Frau, die sich seit vier Jahren für gute Nachbarschaft und Nachbarschaftshilfe und für ein gutes Miteinander von Jung und Alt in Geilenkirchen einsetzt. Dafür hat sie viele Klinken geputzt, Gespräche in Schulen und Kindertagesstätten, mit Vereinen und Bürgern auf der Straße geführt, sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen befragt. Die 40-jährige  Fachwirtin für Sozial- und Gesundheitswesen ist Quartiersentwicklerin in Bauchem.

Die Mitarbeiterin der Franziskusheim gGmbH arbeitete bis 2015 in der Altenpflegeeinrichtung Burg Trips. Das war eine Zeit, in der das Bauchemer Schwimmbad nach einem verheerenden Feuer nur eine Ruine war, in der durch den Brand auch plötzlich die Vereine ohne Versammlungsraum dastanden, in der die katholische Pfarrkirche und das Pfarrheim sanierungsbedürftig und der  Abriss beschlossene Sache war. „Bauchem war in einem trostlosen Zustand“, blickt Melanie Hafers-Weinberg  zurück. Ein Bildungs- und Kulturangebot besonders für die ältere Generation fehlte gänzlich, viele Menschen vermissten soziale Kontakte.

Die Arbeiten am zweiten Bauabschnitt laufen auf Hochtouren: Ende des Jahres soll der Bau fertig sein. Foto: zva/Udo Stüßer

Die Verantwortlichen im Geilenkirchener Rathaus hatten den Missstand in Bauchem mit den rund 3000 hier lebenden Menschen im Blick und bewarben sich beim nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium für den Aufbau eines Quartiers um eine finanzielle Förderung.  Zuvor hatte man in der Franziskusheim gGmbH eine Projektpartner gefunden, der das Projekt unterstützte und Melanie Hafers-Weinberg für das Projekt freistellte. Im Oktober 2015 fiel der Startschuss.

„Es ging uns um die Gemeinschaft vor Ort. Den Vereinen fehlten Räumlichkeiten, den Bürgern eine Begegnungsstätte“, blickt Hafers-Weinberg zurück.  Und was ebenfalls fehlte, waren die Aktivitäten der Pfarre. Nach unzähligen Gesprächen lud Hafers-Weinberg zu Bürgerstammtischen ein, zu denen sich Jung und Alt gesellten, regen Anklang findet heute der „Kaffeeklatsch“ in der Bauchemer Kindertagesstätte. „Da wird auch schon mal gesungen oder es werden Gedichte vorgelesen, es entstehen Kontakte und oft auch Freundschaften. Und man informiert sich über andere Angebote im Quartier“, hat Hafers-Weinberg festgestellt.

Bei der Entwicklung des Quartiers hatten die Verantwortlichen aus der Stadtverwaltung  und Franziskusheim gGmbH auch stets das neue Sozialzentrum im Blick, das das Herzstück des Quartiers werden sollte. Der erste Bauabschnitt wurde im Dezember 2018 offiziell in Betrieb genommen, der zweite Bauabschnitt wird Ende des Jahres fertig sein.  Mehr als zehn Millionen Euro hat die Franziskusheim gGmbH dann investiert.

Franziska Ortmann (l.) und Angelika Jansen finden hier Abwechslung. Foto: zva/Udo Stüßer

In dem ersten Gebäude, in dem Anfang des Jahres die ersten Senioren ihre Wohnungen bezogen haben, befinden sich ein neues Quartiersbüro für die Quartiersmanagerin und eine Quartiersstube für gesellige Treffen.  Hier kommen der  Handarbeits- und Sportgruppen sowie der Singkreis zusammen.  Mit dem ersten Bauabschnitt wurde auch das Café Franz eröffnet. Von 7.30 Uhr bis 17.30 Uhr ist das Café für alle Bürger geöffnet. Hier werden Frühstück, ein vom Franziskusheim angelieferter Mittagstisch und Kaffee und Kuchen vom örtlichen Bäcker gereicht.

Eine Besucherin, die sich über diese Abwechslung freut, ist beispielsweise die 64-jährige Franziska Ortmann. 38 Jahre hat sie am Hartbaumpfad gewohnt, hat dann aber eine Altenwohnung im Franziskusheim bezogen. „Wir waren lecker frühstücken“, erzählt die alte Dame freudestrahlend, die in Begleitung von Angelika Jansen, freiwillige Betreuungskraft des Franziskusheimes, den Quartierstreff aufsucht. „Das Café ist ein netter Treffpunkt. Ich fahre hier oft mit Senioren hin. Hier trifft man immer wieder auf Bekannte“, sagt Angelika Jansen und freut sich ebenfalls über die willkommene Abwechslung.

Die Angebote des Quartierszentrums werden von den „Nachbarn“ rege angenommen. Treffen sich in der Handarbeitsgruppe jeweils sechs bis acht ältere Damen, so nehmen die Sportangebote jeweils 15 bis 20 interessierte Menschen an, und beim Kaffeeklatsch sind es meist 25 Männer und Frauen, die sich auf duftenden Kaffee, leckeren Kuchen und gute Gespräche freuen. Nicht nur Selbsthilfegruppen treffen sich in den Begegnungsräumen. Immer mehr Bürger suchen einen Raum, in dem sie sich treffen können, ob zum Skat- oder Schachspiel oder für eine kleine Versammlung. „Wir arbeiten auch eng mit dem Bürgerhaus zusammen“, sagt die Quartiersmanagerin, die als Mitglied des Fördervereins der Ortsvereine Bauchem guten Kontakt zu allen Vereinen unterhält.

Auch wenn die Entwicklung des Quartiers sichtbare Fortschritte gemacht hat, war die finanzielle Förderung des Projektes bis zum 28. Februar 2018 befristet. Deshalb hat der Geilenkirchener Stadtrat bereits 2017 entschieden, die Quartiersentwicklung mit dem Ziel fortzuführen, die Stadtmitte und Hünshoven einzubeziehen. Deshalb haben Stadt Geilenkirchen und Franziskusheim 2018 einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, um die Quartiersarbeit weiter zu fördern. Die finanzielle Belastung wird von beiden Partnern geschultert.

Was Hafers-Weinberg besonders freut, ist das große Engagement der Bürger: „Was die ehrenamtlich stemmen, ist unglaublich. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Wo man sich heimisch fühlt, wo Nachbarschaft ist, da engagiert man sich stärker“, sagt sie.

Melanie Hafers-Weinberg und Silvia Hoffmann beantworten Fragen zur Quartiersentwicklung. Foto: zva/Udo Stüßer

Beim Einkauf unterstützen

Nicht nur, dass ältere Menschen beim Einkauf unterstützt oder auf dem Weg zu geselligen Veranstaltungen begleitet werden, auch die in Nachbarschaft gelegene Gesamtschule hat ihre Hilfe angeboten. Wenn Fragen zum Gebrauch von Handy oder PC auftreten, stehen die jungen Leute gerne mit Rat und Tat zur Seite. Die Quartiersmanagerin wird auch oft als Ansprechpartnerin in persönlichen Lebenslagen gesucht. Geht es um den Verlust eines Menschen, um auseinanderbrechende Familien oder Finanznöte, ist sie Ratgeberin und Trösterin. Als „Lotse“ vermittelt sie bei Bedarf an geeignete Institutionen.

Seit April ist Melanie Hafers-Weinberg jeden Dienstag im Pflegeberatungsbüro in der Herzog-Wilhelm-Straße von 8 bis 17 Uhr zu erreichen. Von hier aus will sie die in Bauchem begonnene Quartiersarbeit fortsetzen. Ab Juli wird man sie hier auch an jedem ersten Samstag im Monat antreffen. Ein weiteres Quartiersbüro eröffnet sie Mitte Juni in der Tagespflege Hünshoven, wo sie dann mittwochs von 8 bis 17 Uhr anzutreffen ist. Montags, donnerstags und freitags ist sie weiterhin in Bauchem Ansprechpartnerin.

Da die Aufgaben im Laufe der Zeit immer mehr wurden, steht ihr nun Silvia Hoffmann zur Seite. Die 53-Jährige ist als Angestellte  der Franziskusheim gGmbH im Pflegeberatungsbüro tätig, unterstützt jetzt dazu noch die Quartiersarbeit von Hafers-Weinberg. In der Geilenkirchener Kunstszene ist Hoffmann keine Unbekannte. Die Malerin kennt man von vielen Ausstellungen, sie hat allerdings auch  Ausbildungen als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Entspannungstrainerin. „In der Innenstadt und in Hünshoven müsssen wir erst einmal nachfragen und hinhören.  Was brauchen die Leute? In der Stadtmitte gibt es Cafés und den Bürgertreff. Da wollen wir keine Konkurrenz schaffen“, sagt Hafers-Weinberg. Und Silvia Hoffmann ergänzt: „Wir wollen auf jeden Fall Vereinsamung verhindern.“

Auch in der Geilenkirchener Innenstadt wollen die beiden Frauen Jung und Alt zusammenführen und suchen dafür den Kontakt zum Gymnasium, zur Realschule, zu den Kitas und zu den beiden Kirchengemeinden. „Und dann wollen wir uns auch hier gemeinsam mit den Bürgern auf den Weg machen“, sagt Hafers-Weinberg.