Geilenkirchen: Bürgertreff ausgezeichnet: „Die Herzlichkeit in der Gruppe ist groß“

Geilenkirchen : Bürgertreff ausgezeichnet: „Die Herzlichkeit in der Gruppe ist groß“

„Ich habe es bisher vermieden, den Bürgertreff aufzusuchen. Das ist doch nur etwas für alte Leute“, sagt Paul Storsberg. Der 74-Jährige ist an diesem Morgen zum ersten Mal im Bürgertreff. Er hatte den Hilferuf von Nicole Abels und Jürgen Benden, die beiden Vorsitzenden des Vereins, der den Bürgertreff betreibt, vernommen und will diese Einrichtung von nun an ehrenamtlich unterstützen.

„Nachdem ich mich viele Jahre im Bundeswehrsozialwerk engagiert habe, suche ich eine neue Aufgabe. Und da ich gerne auf Menschen zugehe, interessiert mich diese Arbeit hier. Darüber freuen sich Nicole Abels und Jürgen Benden sehr. Doch dass den Bürgertreff nur Senioren besuchen, will Nicole Abels so nicht im Raum stehen lassen: „Der Bürgertreff ist ein Treffpunkt für alle Generationen. Hier kommen auch Kinder hin, für sie haben wir eine Spielecke eingerichtet.“

Sicherlich ist der Bürgertreff für alle Generationen gedacht. Dennoch kann man nicht verschweigen, dass das Leben so mancher Senioren ein großes Stück ärmer wäre, würde es diesen Treffpunkt in der Gerbergasse nicht geben. Die 81-jährige Maria Richter beispielsweise kommt fünfmal in der Woche hier hin. „Der Bürgertreff ist mein zweites Zuhause. Gäbe es ihn nicht, würde ich den ganzen Tag alleine vor dem Fernseher sitzen. Hier treffe ich meine Freunde, wir spielen und machen Handarbeiten“, sagt die alte Dame. Seit fünf Jahren besucht Maria Richter den Bürgertreff. Was die Frau, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, besonders freut, ist, dass sie von Ehrenamtlern des Bürgertreffs zu Hause abgeholt und wieder heimgebracht wird. „Ein Glück, dass es so eine Einrichtung gibt. Schön wäre es, wenn noch mehr Leute kommen würden.“

So sieht es auch Helga Storsberg: „Es gibt noch viele Vorbehalte in der Bevölkerung. Es sollte sich jeder selbst ein Bild machen.“

Martin Kreuer kommt jeden Dienstag aus Kogenbroich mit dem Fahrrad zum Bürgertreff, freut sich auf eine Tasse Kaffee und gute Unterhaltung. „Ich bin eine Leseratte. In der Bücherecke schaue ich nach, ob es neuen Lesestoff gibt, den ich mit nach Hause nehmen kann.“ Es sind nicht nur die Gäste, die sich auf nette Gespräche an den Tischen freuen: Die 52-jährige Hanny Küch beispielsweise ist seit Februar als Ehrenamtlerin dabei. Sie versorgt die Gäste mit Kaffee und Kuchen, organisiert den Bingo-Nachmittag und schreibt Anleitungen zum Stricken von Socken.

„Draußen ist alles anonym“

„Hier fühle ich mich wohl, die Herzlichkeit in der Gruppe ist groß. Hier kann man nette Gespräche führen. Draußen ist alles anonym, hier im Bürgertreff ist es wie in einer Großfamilie“, sagt sie.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb der Bürgertreff mit dem Bürgerpreis der Kreissparkasse Heinsberg ausgezeichnet wird. Unter dem Motto „Zukunft braucht Zusammenhalt“ hat die Kreissparkasse Heinsberg wieder den mit 1500 Euro dotierten Bürgerpreis ausgeschrieben.

Elf Bewerber waren dem Aufruf von Ende März bis zum 30. Juni gefolgt. Die Vorschläge wurden von einer Jury, bestehend aus dem Bundestagsmitglied Wilfried Oellers (CDU), Thorsten Pracht vom Zeitungsverlag Aachen und dem Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Heinsberg, Thomas Giessing, bewertet. Am meisten überzeugte der Bürgertreff Geilenkirchen bei der Auswahl des Preisträgers, weil er sich an Jung und Alt und Menschen jeder Herkunft richtet und diese sich hier offen und zugewandt begegnen.

Der Grundstein des Bürgertreffs wurde in den Zukunftswerkstätten im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern — Kompetenz stärken“ im Jahre 2011 gelegt.

Lesungen und Ausstellungen

Die Geilenkirchener Sozialpädagogin Nicole Abels, Gemeindesozialarbeiterin des Caritasverbandes für die Region Heinsberg, und Jürgen Benden setzten sich hier gemeinsam das Ziel, einen Treffpunkt für alle Bürger, ein Begegnungszentrum für alle Generationen zu schaffen. Ein Jahr lang arbeitete ein von Nicole Abels gegründeter zehn Mitglieder starker Arbeitskreis an dem Konzept. „In einem ehemaligen Friseursalon an der Konrad-Adenauer-Straße haben wir dann an einem Oktober 2012 Bürgertreff gespielt“, blickt Benden auf die Anfänge. Aus dem Wochenende wurde eine Woche, ein Monat . . .

Für Abels und Benden stand nach dem Wochenende fest: Geilenkirchen braucht einen Bürgertreff. Der leerstehende, nicht barrierefreie Friseursalon ohne Heizung konnte nur eine Übergangslösung sein. Der Verein zog in die Alte Poststraße, seit zwei Jahren befindet sich der Bürgertreff in der Gerbergasse 23 mit barrierefreiem Zugang vom Friedlandplatz 6 aus. Hier sind nicht nur offene Treffs, sondern auch ein buntes Programm im Angebot: Im Sprachcafé sind an verschiedenen Tischen Gespräche in den unterschiedlichsten Sprachen möglich, im philosophischen Gesprächskreis diskutieren nicht nur Experten in lockerer Runde. Deutschkurse für Anfänger und Fortgeschrittene stehen ebenso wie Bingo- und Dartnachmittage auf dem Programm.

Vorträge gibt es zu allen möglichen Themen: über Schmetterlinge, den Jakobsweg oder über Märchenbücher. Kunstausstellungen, Lesungen und Musikveranstaltungen locken bis zu 80 Besucher in den Bürgertreff, in dem 13 Ehrenamtler die Gäste betreuen. „Dabei finanzieren wir uns nur durch Spenden. Wir sind stolz, dass wir es nach der Anschubfinanzierung durch das Bundesprogramm ‚Toleranz fördern — Kompetenz stärken‘ und durch die Caritas-Gemeinschaftsstiftung des Bistums Aachen finanziell geschafft haben“, sagt Nicole Abels. Und Jürgen Benden freut sich: „Die Spendenbereitschaft ist groß. Die Menschen wissen: Ohne den Bürgertreff würde in Geilenkirchen etwas fehlen.“

Sicherlich freut sich Benden auch über den mit dem Bürgerpreis verbundenen Geldbetrag. „Entscheidender ist aber für uns das Lob und die damit verbundene Anerkennung für das ganze Team.“

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