Blick in die Geilenkirchener Volkszeitung

Die Zeitung vor 50 Jahren : Ein Schnäpschen ins Benzin, damit der Motor länger lebt

Heinrich Aretz wurde bei der Kommunalwahl im September 1969 der 1. Bürgermeister der neuen Großgemeinde Gangelt. Was ansonsten in diesem Monat in unserer Region geschah, zeigt ein Blick ins Archiv.

Das Osterfest - berechnet nach dem zyklischen Vollmond - fällt jedes Jahr auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Das war 1969 der 6. April. Sechs Wochen Fastenzeit und einen langen Winter haben Mittel- und Nordeuropäer hinter sich, wenn das Hochfest der Christenheit naht und man sich auf die Auferstehung des Herrn freuen darf.

Auch in Gangelt, Geilenkirchen und Übach-Palenberg wurde damals und wird heute kräftig gefeiert, nicht nur in den Kirchen. Eine ganze Zeitungsseite der Geilenkirchener Volkszeitung (GVZ) war am Samstag, 5. April 1969, mit Anzeigen von Gaststätten und Vereinen gefüllt, die zu Tanzveranstaltungen am Karsamstag, Ostersonntag oder Ostermontag einluden, wie etwa das „Haus Spiertz“ in Marienberg, der Saal Lutzenburg in Gangelt-Stahe oder das Tanzlokal „Im Huck“ in Heinsberg.

Doch nicht nur der Drang nach körperlicher Betätigung war im Frühjahr 1969 groß. Auch die zunehmend üblicher werdende Bewegung auf vier Rädern - hier bewegt sich allerdings mehr das Auto als der Mensch - schürte die Abenteuerlust. Per Kraftwagen schrumpften die Entfernungen doch beträchtlich, und so titelte die GVZ am Mittwoch, 9. April: „Autoschlange zur Löwen-Safari - Aus vielen Teilen der Bundesrepublik kamen die Besucher“. Das entsprechende Bild trug die Bildunterschrift „Unaufhörlich rollte an den Festtagen die Autoschlange zur Löwen-Safari. Bis weit nach Süsterseel hinein reichte teilweise die Schlange der wartenden Kraftfahrzeuge“.

Die Belegschaft von Schlafhorst soll von 600 auf 1500 Mitarbeiter steigen: Stadtdirektor Wischinski ist begeistert. Foto: Kirsten Barth

Für den schon fast schon vorprogrammierten Auffahrunfall beim obigen „Stop and Go“ und die vorhersehbare verzweifelte Frage nach dem „Was nun?“ präsentierte die äußerst bildhaft gestaltete Werbung einer Dremmener Fiat-Vertretung von Samstag, 5. April 1969, gleich die passende Lösung, nämlich die „Fachmännische Reparatur durch die Kurt Conen K.G“.

Auch bei der Frage nach dem richtigen Kraftstoff für den vierrädrigen Freund half die Werbung im Jahre 1969 gerne weiter: „Was ein Schnäpschen für den Magen, ist Aral Super für Ihr Auto. Wir fügen unserem Super nämlich Alkohol zu…Der Motor lebt länger “ (GVZ 29. April 1969). Na dann…

„Das bekömmliche Super“. Was für den Mann das Verdauungsschnäpschen für den Magen, ist der Alkohol im Bezin für das Auto. Werbung 1968. Foto: Kirsten Barth

Dem Hunger nach Konsum hinkte im April 1969 allerdings in der hiesigen Region die Kaufkraft noch kräftig hinterher. „Kaufkraft unter Bundesdurchschnitt“ lautete eine Schlagzeile am Mittwoch, 16. April. Im zugehörigen Text wird der Wert konkretisiert: „Der Selfkantkreis wird in der Kaufkraftkarte 1969 mit dem Farbton der Gruppe 4 ausgewiesen. Das bedeutet, daß die Kaufkraft unserer Bevölkerung im Jahre 1969 mehr als 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt“.

Ob Heinrich Aretz, Heimatpolitiker und Vereinsmensch mit Herz, schon 1969 die Vision hatte, die Gemeinde Gangelt zwecks Kaufkraftsteigerung zum Tourismusmekka im Westzipfel der BRD auszubauen, geht aus dem Zeitungsarchiv nicht hervor. Tatsache ist aber, dass Aretz, damals Bürgermeister des Amtes Waldenrath, zu dem auch Birgden, der Wohnort von Aretz, gehörte, sich vehement für die Wiederzusammenführung der 1934 in verschiedene Ämter aufgesplitterten ehemaligen Ortsteile von Gangelt einsetzte. Birgden hatte vor 1934 zu Gangelt gehört, genauso wie Schierwaldenrath, das man damals dem Amt Waldfeucht zugeschlagen hatte. Auf eine Anfrage der Geilenkirchener Volkszeitung, wie es mit der kommunalen Neugliederung in Gangelt aussehe, antwortete Aretz laut Bericht vom 2. April 1969: „Sie wissen, dass die Gemeinden Birgden, Breberen-Schümm und Schierwaldenrath mit der Gemeinde Gangelt einen Gebietsänderungsvertrag abgeschlossen haben. Diese Verträge sehen vor, daß man sich bei der Kommunalwahl zu einer Großgemeinde zusammenschließen will.“ Auf die Frage „Herr Aretz, machen Sie bei der Großgemeinde mit?“, antwortete dieser: „Wenn mich die Birgdener CDU aufstellt - Ja, gerne!“ Heinrich Aretz wurde bei der Kommunalwahl im September 1969 der 1. Bürgermeister der neuen Großgemeinde Gangelt.

Diese Anzeige wirbt für fachmännische Reparaturen. Foto: Kirsten Barth

Ein Meilenstein für die Entwicklung der Gemeinde war aber auch die Gründung des Rodebachverbandes, zu dem sich die damaligen Ämter Gangelt und Selfkant und die Stadt Geilenkirchen zusammenschlossen. Am Mittwoch, 9. April 1969, titelte die GVZ zu dieser Vereinbarung „Ein Meilenstein auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft im Selfkantkreis“. Im Text wird nicht nur auf die örtliche Bedeutung des Vertrages hingewiesen, sondern auch vermerkt, dass „dort wo der Rodebach Grenzgewässer ist, …nach einer noch abzuschließenden deutsch-niederländischen Vereinbarung die Unterhaltung des Rodebaches teilweise von den Niederländischen Behörden übernommen (wird).“ Das war definitiv ein erster Schritt zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die sich inzwischen längst nicht mehr auf die Wasserwirtschaft alleine bezieht.

Der grenzüberschreitende Heidenaturpark, bestehend aus Rodebach-Roode Beek, Teverener Heide und Brunssummer Heide, der im Rahmen der Euregionale 2008 eröffnet wurde, dokumentiert eindrucksvoll die Zusammenarbeit unter anderem mit der „Gemeente Onderbanken“, „der Waterschap Roer en Overmass“ und „Natuurmonumenten“.

Zeitungsanzeigen lockten zum Ostertanzen nach der langen Fastenzeit. Foto: Kirsten Barth

Aber auch Übach-Palenberg hatte im April 1969 äußerst positive Nachrichten zu vermelden: Am 30. April gab Stadtdirektor Jochen Wischinski freudestrahlend bekannt, dass die Firma Schlafhorst & Co ihre Belegschaft von 600 Mitarbeitern auf 1500 Mitarbeiter aufstocken wolle. Ein Hauptgewinn für die Zechenstadt.

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