Geilenkirchen: Beerdigungskultur verändert sich: Mehr Feuerbestattungen

Geilenkirchen: Beerdigungskultur verändert sich: Mehr Feuerbestattungen

Schwarzer Anzug, weißes Hemd, versteinerte Miene: Dem Klischee vom finster schauenden Totengräber entspricht Edwin Otten rein gar nicht. Zum fliederfarbenen Hemd trägt der 32-Jährige eine passende karierte Krawatte. Gut gelaunt sitzt der Bestattermeister an seinem Schreibtisch.

Wie er zu dem eher ungewöhnlichen Beruf kam? Bereits sein Vater war Bestatter und besaß ein eigenes Unternehmen. „Ich bin quasi damit groß geworden”, sagt er und verweist auf die Vielfältigkeit, die sein Beruf mit sich bringt. Neben dem Dekorieren und Gestalten stehen auch Organisieren und Lehren auf seinem Programm.

Beruf im Umbruch

So unterrichtet er nicht nur Altenpflegeklassen, sondern hält auch Vorträge und spricht beispielsweise mit Konfirmanden über die Themen Tod und Trauer. Er sagt: „Mir macht es Spaß, Menschen zu helfen.” Auch wenn sein Beruf nicht unbedingt in jeder Situation von Vorteil ist.

„Wenn man Menschen trifft und erzählt, welchen Beruf man hat, dann sprengt das meist den Abend”, sagt er. Zum Glück hat er die Frau fürs Leben mittlerweile gefunden, und sie hat zumindest indirekt etwas mit seiner Branche zu tun: Sie arbeitet als Floristin.

Parallel zum Berufsbild befindet sich auch die Beerdigungskultur im Umbruch. Mit „Airbrush“ verzierte Urnen und Anhänger mit der Asche eines geliebten Menschen sind gefragt — Eichensärge und Reihengräber gehören immer mehr der Vergangenheit an.

Und auch das Deko-Angebot ist groß: Bäume und Kerzenständer weichen persönlichen Gegenständen. Das kann das Trikot der Lieblingsfußballmannschaft genauso sein wie das in der Freizeit oft genutzte Fahrrad. Auch das Angebot der Beisetzungsformen weitet sich immer mehr aus. Heute muss es nicht nur noch die traditionelle Erdbestattung sein. „Der Trend geht zur Feuerbestattung”, sagt Edwin Otten.

Diese Entwicklung bestätigen auch die bundesweiten Zahlen. Während derzeit 45,5 Prozent die traditionelle Erdbestattung bevorzugen würden, wählen 54,5 Prozent die Feuerbestattung. 2,5 Prozent davon würden sich sogar für eine Seebestattung entscheiden. In Geilenkirchen sind die Zahlen derzeit noch anders.

Auf Anfrage erklärt die Stadt, dass gerade im ländlich geprägten Raum die Erdbestattung oft bevorzugt werde. In Geilenkirchen entscheidet sich jeder Zweite für diese Form der Bestattung. Im Stadtgebiet spiele auch die Feuerbestattung eine Rolle. „Die Tendenz wird sich aber in den kommenden zehn Jahren verschieben. Dann werden auch hier mehr Feuerbestattungen durchgeführt”, ist sich Otten sicher.

Der Grund: „Oft steht und fällt es mit der Pflege”, sagt der Bestatter und fügt hinzu: „Viele Eltern wollen ihren Kindern kein Grab hinterlassen, dass sie dann pflegen müssen, und viele Kinder haben dazu auch gar keine Lust. Vor allem dann nicht, wenn sie in einer anderen Stadt wohnen.”

Ein Anlaufpunkt sei jedoch für viele trotzdem wichtig. Doch nicht nur aus diesem Grund könne man diese Meinung keineswegs pauschalisieren. „Wiesengräber sind weiterhin so beliebt, weil nicht jedem die Vorstellung eines Krematoriums gefällt”, sagt er. Otten muss seine Kunden oft nicht nur beraten, sondern sie auch aufklären und Gerüchte entkräften.

„Feuerbestattungen sind nicht unbedingt günstiger als Erdbestattungen.” Das ist jedoch nicht das einzige Gerücht, das sich seit Jahren konsequent hält. „Ich musste schon oft darauf hinweisen, dass die Verwechslung der Asche oder sogar das Einäschern mit mehreren Personen in einem Krematorium ausgeschlossen ist”, nennt Otten ein weiteres Beispiel.

Nicht nur Deutsche, sondern auch zahlreiche Niederländer zählt der 32-Jährige, der Geschäftsstellen in Gangelt, Birgden und Selfkant betreibt, zu seinen Kunden. Immer beliebter werde vor allem bei den Kunden aus dem Nachbarland die sogenannte Baumbestattung. Die Naturruhestätten Bergerbos, rund 30 Minuten von Geilenkirchen entfernt, und Venlo, rund eine Stunde entfernt, hätten sogar einige Vorteile.

„Viele, die viel in der Natur unterwegs waren, finden diese Möglichkeit toll. Man kann die Grabstätten selbst pflegen, muss es aber nicht. Außerdem gibt es dort Ruhefristen von 10 bis zu 100 Jahren”, sagt Otten. Während der eigene Tod in Deutschland meist noch ein Tabuthema sei, gehe man damit in den Niederlanden viel offener um.

Gespräche beruhigen

Erst vor kurzem malten Enkelkinder im Rahmen einer Trauerfeier den Sarg ihres Großvaters an. Eine Art der Trauerverarbeitung, die in Deutschland nur vereinzelt und eher zurückhaltend angenommen wird. „Viele Menschen haben Angst davor zum Bestatter zu gehen. Wenn sie aber erst einmal über ihre Wünsche gesprochen haben, sind die meisten viel beruhigter”, sagt Otten.

Beim Thema Vorsorge sind die aktuellen Zahlen jedoch erschreckend. Gerade einmal 21 Prozent der Deutschen haben sich vor ihrem Tod bereits mit dem Thema auseinandergesetzt und finanziell vorgesorgt. Eine Tendenz, die für den 32-Jährigen nicht nachvollziehbar ist. „Ich würde mir wünschen, dass sich mehr junge Leute mit dem Thema auseinandersetzen. Schließlich kann jeder schnell davon betroffen sein.”