Geilenkirchen: Bauern zahlen für jeden Liter Milch drauf

Geilenkirchen: Bauern zahlen für jeden Liter Milch drauf

Noch ist der Milchpreis für Josef und Maria Bergs tragbar. Auf Dauer wird er das aber nicht sein, da ist das Landwirtsehepaar aus Geilenkirchen-Prummern sicher. 21 Cent Grundpreis werden sie im Juni für einen Liter bekommen: 13 Cent weniger, als sie benötigen, um ihre Ausgaben zu decken und einen angemessenen Arbeitslohn zu erhalten - und 17 Cent weniger, als sie noch vor zwei Jahren bekommen haben.

„Es muss einfach weniger Milch gemolken werden“, sagt Josef Bergs. Doch was in der Theorie einfach klingt, ist es in Wahrheit nicht. „Selbst wenn in Deutschland zehn Prozent weniger Milch gemolken würden, würde das die Überproduktion auf dem Weltmarkt nur um 0,1 Prozent verringern“, erklärt Bergs. Und auf dem Weltmarkt gebe es derzeit drei Prozent Milch zu viel, was die Preise deutlich drücke. „Es liegt also nicht in unseren Händen, etwas an der Situation zu verändern“, lautet das Fazit des Landwirts.

90 Milchkühe leben auf dem Hof der Bergs, dazu kommen etwa 60 Jungtiere. Gemolken wird zwei Mal am Tag, doch bei einem Milchpreis von derzeit 21 Cent pro Liter fällt es schwer, von der Milchviehhaltung zu leben. Foto: Leandra Kubiak

In ihrem Betrieb produzieren die Bergs fast 2000 Liter Milch pro Tag — auf das Jahr hochgerechnet ergibt das eine Menge von rund 720.000 Litern. Die Milch kommt dabei von 90 Milchkühen, die zwei Mal am Tag gemolken werden. Rund 20 Stunden Arbeit — auf mehrere Schultern verteilt — kommen täglich zusammen, um die Kühe zu versorgen und zu melken.

Anfang Mai hat der Discount-Marktführer Aldi die Preise für einen Liter frische Vollmilch von 59 auf 46 Cent heruntergesetzt.
Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) zahlen Molkereien den Bauern mittlerweile pro Liter Milch zwischen 17 Cent in Norddeutschland und 29 Cent in Bayern.
Im September 2015 einigten sich die EU-Agrarminister auf ein Notprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro. Damit sollten Finanzhilfen und Stützungsprogramme für die Agrarbranche finanziert werden. Auf Deutschland entfielen etwa 69 Millionen Euro. Im März hatte die EU zudem den Weg für freiwillige, zeitlich begrenzte Mengenreduzierungen in den EU-Staaten für Milchprodukte freigemacht. Produzenten können sich nun absprechen, ohne kartellrechtlich in Schwierigkeiten zu geraten.
Am 30. Mai lädt Agrarminister Christian Schmidt (CSU) Erzeuger, Molkereien und den Handel zum „Milchgipfel“ nach Berlin. (dpa)

Abgeholt wird die Milch mehrmals in der Woche von der Molkerei Hochwald, einer genossenschaftlichen Molkerei, die ihre Produkte nicht nur im Inland verkauft, sondern auch ins Ausland exportiert. Die Produktpalette der Molkerei ist breit. Die Rohmilch der Bergs wird in einem Werk in Erftstadt hauptsächlich zu Sprühsahne, Kondensmilch und H-Milch weiterverarbeitet.

Die Molkerei handele den Milchpreis zweimal im Jahr mit den Lebensmittelgroßhändlern aus, an die die Produkte verkauft werden, sagt Josef Bergs. Aus dem, was die Molkerei erwirtschaftet, ergebe sich dann der Preis, den die Milcherzeuger erhalten. Und der liege aktuell auf Weltpreis-Niveau, so die Bergs. Das eine Problem sei das weltweite Überangebot an Milch, das andere seien die Lebensmittelgroßhändler, die immer mächtiger würden und die Produkte zu immer niedrigeren Preisen anböten.

„Die Situation ist schwierig — für die Bauern geht es an die Substanz!“, weiß auch Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Heinsberg. Pro verkauftem Liter Milch würden die Bauern im Durchschnitt rund 10 Cent Minus machen, erklärt er. Viele müssten daher Kredite aufnehmen, um das Futter für ihre Tiere bezahlen zu können. Hier im Kreis hätten viele Landwirte zumindest den Vorteil, dass sie zusätzlich Ackerbau betreiben und so Kosten für Futter einsparen könnten — in anderen Regionen sei das oft nicht gegeben.

Anzahl der Kühe reduziert

Die Anzahl ihrer Milchkühe haben die Bergs aus Kostengründen bereits reduziert. Zudem müssten Kühe, die nicht rentabel genug seien, in der aktuellen Situation zum Schlachter gegeben werden, erklären sie. Auch Geld für größere Investitionen bleibe nicht, sagt das Paar. „Mehr einsparen können wir aktuell aber nicht“, sagen sie.

Josef und Maria Bergs bewirtschaften ihren Hof gemeinsam mit einem Auszubildenden. In ihrem Betrieb werden zwar auch Getreide und Zuckerrüben angebaut, die Haupteinnahmequelle ist aber der Milcherlös. Die Kühe werden in der Regel nicht dazugekauft, der Nachwuchs stammt aus dem eigenen Bestand. Und auch das Futter der Tiere stammt größtenteils aus dem eigenen Anbau.

Auch wenn der Verkauf der Milch für das Paar derzeit nicht wirtschaftlich ist — einfach so aufhören können die Landwirte nicht. „Von der Geburt eines Kalbes an vergehen 26 Monate, bis wir es als Milchkuh nutzen können“, sagt Maria Bergs. In jede Kuh wird also viel Geld und Arbeit investiert. Den Kuhbestand gibt man nicht einfach so auf.

So wird es auch vielen anderen Milchbauern gehen. Dennoch rechnet Bernhard Conzen zum Ende des Jahres mit einem Strukturbruch. Viele Betriebe werden vermutlich zumachen müssen, meint er. Er befürchtet auch, dass der Milchpreis zunächst um etwa zwei Cent weiter sinken wird und sich dann vielleicht auf diesem sehr niedrigen Niveau stabilisiert.

Das Ehepaar Bergs sieht in dem niedrigen Milchpreis nicht nur ein Problem für die Milchbauern. „Das zieht Kreise“, vermutet Maria Bergs. Und Bernhard Conzen kann bestätigen: „Die Landtechnik-Branche leidet zurzeit massiv.“ Bauern, die auf Sparkurs sind, bedeuten eben auch Einbußen für alle anderen Branchen, die entsprechende Produkte oder Futtermittel verkaufen.

Schlecht gehe es übrigens nicht nur den Milchbauern — knapp 300 Vollerwerbsbetriebe gibt es derzeit im Kreis Heinsberg —, sondern auch Bauern in der Schweinemast oder im Getreideanbau, sagt Conzen. Es sind schlechte Zeiten für die Agrarbranche. Die Hoffnung des Ehepaares Bergs liegt darin, dass sich die Situation bessern wird und die bäuerlichen Familienbetriebe auch langfristig erhalten bleiben, und nicht von Großinvestoren übernommen werden.

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