„Ballermann-Party“: Rechtsextremismus im Kreis Heinsberg

„Balladenabend“ und „Ballermann-Party“ : Braune im Kreis Heinsberg legen Bomberjacken ab

Die rechtsextreme Szene lockt Jugendliche mit „Ballermann-Party“ und „Balladenabend“ im Kreis Heinsberg. Eine Geilenkirchener Initiative für jüdische Geschichte will nun aufklären.

„Dieser Vortrag zeigt uns, wie tief die braune Masse auch im Kreis Heinsberg agiert.“ Mit diesen Worten sprach SPD-Fraktionschef Christoph Grundmann wohl vielen Mitgliedern des Ausschusses für Bildung, Soziales, Sport und Kultur aus dem Herzen. Vorausgegangen war ein Vortrag von Hans Bruckschen, Sprecher der Initiative „Erinnern  - Geilenkirchen“. Diese Initiative befasst sich mit der jüdischen Geschichte und bewahrt das Andenken an die Geilenkirchener Juden. Es geht der Initiative aber nicht nur um Erinnerungskultur, sondern auch um Aufklärung über die rechte Szene.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Bruckschen, warum auch heute noch die Arbeit der Initiative unentbehrlich ist: „Die Rechten treten heute nicht mehr mit Glatze, Bomberjacke und Baseball-Schläger an, sondern verstecken sich hinter Konzerten, Mallorca-Partys und Balladenabenden“, weiß der Sprecher der Initiative. Auch hat er festgestellt: „Die braune Szene gibt es nicht nur im Osten oder in den westlichen Großstädten, sondern auch im Kreis Heinsberg.“

Diese Aussage kann Herbert Brunen, Geilenkirchener Beigeordneter, nur bestätigen. Kürzlich brachte ihm eine städtische Angestellte einen Aufkleber des „Syndikat 52“ (S 52), den sie an einer Hauswand in der Martin-Heyden-Straße gefunden hatte. S 52 ist eine seit 2014 im Raum Aachen, Düren und Heinsberg aktive Neonazi-Gruppe, gegründet von ehemaligen Mitgliedern der im Jahre 2012 verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL). Brunen bat daraufhin Mitarbeiter des städtischen Bauhofes, die Stadt nach weiteren Aufklebern abzusuchen. Sie wurden an drei weiteren Stellen in der Martin-Heyden-Straße fündig. Der Beigeordnete erstattete Anzeige bei der Polizei in Heinsberg, die laut deren Sprecher Karl-Heinz Frenken den Staatsschutz eingeschaltet hat.

Gesamtschullehrer Hans Bruckschen will nicht nur Archivarbeit leisten, sondern Kinder und Jugendliche aufklären. Foto: zva/Udo Stüßer

Ein zweites Beispiel für rechtes Gedankengut im Kreis Heinsberg: Für ein Wochenende Mitte März hatte, wie unsere Zeitung öffentlich machte, die rechtsextreme Hooligan-Band „Kategorie C“ aus Bremen zu einem „Balladenabend“ eingeladen. Dahinter verbarg sich ein Auftritt der Musiker bei einer Feier der Rocker des „Outlaws MC Heinsberg“. Die Methoden der Rechten kennt Hans Bruckschen nur zu gut: Der Deutsch- und Geschichtslehrer an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen sitzt für die CDU im Stadtrat seiner Heimatstadt Stolberg und hat sich viele Jahre in Stolberg im Bündnis gegen Rechtsextremismus engagiert.

Seit knapp fünf Jahren ist er nun Sprecher der Geilenkirchener Initiative, nachdem die ehemalige Parlamentarische Staastsekretärin Christa Nickels (Grüne) dieses Amt in jüngere Hände legen wollte. „Ich habe die Aufmärsche von Rechten und Linken in Stolberg miterlebt, ich habe das Polizeiaufgebot in der Stadt und die Polizeihubschrauber über der Stadt kreisen gesehen“, sagt Bruckschen.

Der Zustand des Geilenkirchener Synagogenplatzes ist vielen ein Dorn im Auge. Künstler Willi Arlt soll helfen, ihn neu zu gestalten. Foto: zva/Udo Stüßer

Ebenso wie Gesamtschulleiter Uwe Böken hat er es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis wach zu halten, sondern Kinder und Jugendliche auf die Gefahren aus der rechten Szene aufmerksam zu machen.

Oft könne der Bürger nicht erkennen, dass hinter selten öffentlichen, oft teils konspirativ abgehaltenen Veranstaltungen rechte Gruppierungen stecken, erklärt Bruckschen. „Liest man eine Einladung zu einem Balladenabend, denkt man doch an einen illustren Abend in einer akademischen Runde. In Wirklichkeit ist das eine Hooligan-Rock-Veranstaltung, bei der die Besucher für die rechte Szene gewonnen werden sollen.“

Rechtsrock-Konzerte würden deutschlandweit oder im grenznahen Raum stattfinden, weiß der Sprecher der Initiative. Und er weiß: „Sie finden auch im Kreis Heinsberg statt.“ Nach Recherchen unserer Zeitung traten „Kategorie C“ etwa mehrfach in Hückelhoven und Heinsberg sowie im benachbarten Ausland auf. Im November 2016 hat in Heinsberg sogar ein großes Rechtsrock-Konzert stattgefunden. Es war nach Recherchen unserer Zeitung höchst konspirativ und professionell organisiert, eine Bürgerhalle unter falschen Angaben angemietet worden. Selbst Polizei und Staatsschutz sollen erst Tage später vom Austragungsort erfahren haben. Aufgetreten sind drei neonazistische Kultbands aus Ostdeutschland und dem Rheinland.

Oft verklebter Aufkleber von „Syndikat 52“ wie in Geilenkirchen. Das Foto stammt vom März 2017 aus Aachen. Foto: Michael klarmann/Michael Klarmann

„Die Rechten haben ihre eigenen Marken und Label“, sagt Bruckschen und nennt zwei Beispiele: In der Bekleidungsmarke „Thor Steinar“ sehen Insider ein Erkennungszeichen der rechtsradikalen Szene. „White Rex“ ist nicht nur eine russische Bekleidungsmarke, sondern auch der Name eines neonazistischen Netzwerkes, das als Organisator und Sponsor von Kampfsportturnieren europaweit auftritt. Kampfsport und von den Rechtsextremen selbst organisierte Turniere werden für diese Szene immer wichtiger.

Ein solches, konspirativ vorbereitetes Turnier fand etwa 2017 im sauerländischen Kirchhundem (Kreis Olpe) statt. Ohne sich als Neonazis zu erkennen zu geben,  hatten die Veranstalter die Schützenhalle angemietet, rund 500 bis 600 Rechtsextremisten reisten an. Ein Mitglied von S 52 trat nach Recherchen unserer Zeitung auch in den Ring, begleitet und gefeiert von über 15 Neonazis und Sympathisanten aus der Region. Einige S 52-Mitglieder trainieren professionell Kampfsport und unterweisen, wie im September 2017 bei einem heimlichen Treffen auf einem Sportplatz, selbst neue Mitglieder und Sympathisanten in Kampf- und Ausdauersport.

Hinter der „Ballermann-Party“, so wie im Herbst 2017 in Hückelhoven, würde kaum einer die rechtsradikale Szene vermuten. „Solche Partys werden nicht mit Politik in Verbindung gebracht. Das Ziel der Rechtsradikalen ist es, die Jugendlichen über die Musik für sich zu gewinnen“, sagt Bruckschen. Hinter dieser Party steckte ebenfalls S 52, das mit seinen schwarz-gelben Aufklebern in der Region für „Familie, Heimat, Freundschaft“ wirbt.  Das Motto klingt unverfänglich, gleichwohl handelt es sich um Neonazis. In Hückelhoven oder Aachen verkleben junge Mitglieder der Gruppe daneben Aufkleber mit Slogans wie „Nazi Kiez“ oder „HKNKRZ“, gemeint ist unter Auslassung der Umlaute das „Hakenkreuz“.

Aufkleber von „Syndikat 52“, um Jugendliche anzusprechen, ohne sich als Neonazis zu erkennen zu geben. Foto: Michael Klarmann

Modern und –­ gerade für Jugendliche – erlebnisorientiert präsentiert sich S 52 nach außen hin, etwa wenn man einmal ihr Jahr im Kreis Heinsberg für die Mitglieder Rafting-Touren auf der Rur mit anschießenden Grillfeiern abhält. Konspirativ feierte man zugleich im April 2017 eine „Führer-Geburtstagsfeier“ in Erkelenz. Auch auf der „Ballermann-Party“ ging es zuweilen doch um Politik. Antifaschisten nahmen heimlich ein unserer Redaktion vorliegendes Video von Gästen der „Ballermann-Party“ auf. Junge, neue Mitglieder stehen dabei neben altgestandenen KAL-Mitgliedern am Eingang zur Party. Gemeinsam singen sie dabei  unter anderem.: „Und irgendwann, irgendwann einmal / wird die KAL wieder legal.“

„Syndikat 52“, so Bruckschen, sei eine Untergruppierung der Partei „Die Rechte“, die auch im Kreis Heinsberg vertreten ist. „Parteiverbote bringen nichts, hier hilft nur aktive Aufklärungsarbeit. Steter Tropfen höhlt den Stein“, erklärt Gesamtschulleiter Uwe Böken, dessen Schule wie alle anderen weiterführenden städtischen Schulen und die Berufskollegs neben den beiden Kirchen und engagierten Privatpersonen der Initiative angehört.

100 Stolpersteine erinnern in Geilenkirchen an die Gräueltaten der Nazis. Foto: zva/Udo Stüßer

„Wir erleben derzeit eine Spaltung der Gesellschaft. Wir müssen erklären, warum die Vergangenheit auch heute noch eine große Bedeutung hat. Wir müssen die Vergangenheit ansprechen und zu heute eine Verknüpfung herstellen“, sagt Bruckschen. Und weiter: „Wir befinden uns in einer wirtschaftlich stabilen Lage, wir befinden uns in einem gefestigten politischen System. Deshalb können wir auch die AfD aushalten. Die darf uns aber nicht die Butter vom Brot nehmen. Wir müssen ihr entgegentreten und uns mit ihr kritisch auseinandersetzen. Wenn wir dem Lautesten die Straße überlassen, wird er die Mehrheit für sich reklamieren.“

Für Hans Bruckschen und Uwe Böken steht fest, dass die Aufklärungsarbeit der Initiative nach wie vor wichtig ist: „Da die Rechtsradikalen nicht mehr in ihren klischeehaften Rollen auftreten, sind sie richtig gefährlich. Wir müssen die Arbeit dieser Gruppen ans Licht zerren. Wir machen nicht nur verstaubte Archivarbeit, sondern eine Arbeit mit gesellschaftlicher Gegenwartsbrisanz“, sagt Bruckschen. Denn: „Man darf sich nicht in Sicherheit wiegen.“