AWO im Kreis Heinsberg seit 100 Jahren von starken Frauen geprägt

Jubiläum : AWO im Kreis Heinsberg seit 100 Jahren von starken Frauen geprägt

Für Gerechtigkeit und Solidarität, für Vielfalt und Frauenrechte: Starke Frauen prägen die Geschichte der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Heinsberg. Mit einer Wellblechhütte in Boscheln nahm alles seinen Anfang.

„Neue Zeiten bringen neue Idee und machen neue Kräfte mobil“ – mit diesem Satz begründete die Sozialdemokratin und Vorkämpferin Marie Juchacz vor 100 Jahren die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie kämpfte für Frauenrechte, Vielfalt und gegen Almosen. Aber für Teilhabe, ein menschenwürdiges Leben, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese Kernthemen prägen bis heute das Selbstverständnis und den Anspruch der AWO.

 „Die Geschichte der AWO ist geprägt von engagierten Frauen, und so geht auch die erste die Gründung im Kreise Heinsberg auf eine Frau zurück“, erzählt Pressesprecherin Inge Remilong-Hillebrand. Unmittelbar nach Gründung der AWO im Jahr 1919 seien die ersten Ortsausschüsse gegründet wurden – insbesondere in Orten mit vielen Arbeitern und Zechen. In Boscheln wurde man schon kurz nach der Entstehung der Bergmanns-Siedlung aktiv. „1923 rief Maria Müller die AWO in Boscheln ins Leben und wurde die erste Vorsitzende“, blickt Inge Remilong-Hillebrand zurück.

Damals gingen dort Hunger und Not in Boscheln einher mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Eine einfache Wellblechhütte wurde zum Mittelpunkt der AWO-Aktivitäten. „Die Möglichkeiten waren begrenzt, aber es wurden Weihnachtsfeiern, Ausflüge und Fahrradtouren organisiert“, so die Pressesprecherin, die sich im Vorfeld des Jubiläums intensiv mit der Geschichte der Arbeiterwohlfahrt auseinandergesetzt hat.  

Maria Müller gründete die AWO in Boscheln im Jahr 1923. Foto: Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Heinsberg e.V.

Im Laufe der 20er Jahre wurde die Siedlung in Boscheln größer und damit auch das Engagement der AWO.  Kinderreiche Familien waren an der Tagesordnung. „Viele Mütter waren überfordert und froh, dass Maria Müller Hausaufgabenhilfe anbot“, erklärt Inge Remilong-Hillebrand. „Die Bildung zu fördern, gehörte zu ihren Pionierleistungen.“ Mit nur 50 Jahren verstarb Maria Müller 1930 viel zu früh. Ihr zu Ehren heißt die Begegnungsstätte in der Roermonder Straße seit 2005 Maria-Müller-Haus.

„Die zweite große und prägende Frau war Margarete Klug“, erzählt Inge Remilong-Hillebrand. „Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die AWO weiterentwickelte.“ Von 1957 bis 1980 war diese starke Frau Vorsitzende der AWO in Boscheln. Sie setzte, ganz im Sinne von Maria Müller, die Tradition der AWO fort. Als Vorsitzende leitete sie ebenfalls das damalige Jugendheim auf der Roermonder Straße und unter ihrer Federführung fanden unter anderem Alten- und Mütternachmittage und Tagesausflüge für alte Menschen, Familien und Kinder statt.

Bis heute ist die Begegnungsstätte auf der Roermonder Straße in Boscheln ein beliebter Treffpunkt der Boschelner und Zentrale des Ortsvereins. Mit über 250 Mitgliedern ist der Ortsverband Boscheln der größte Ortsverein im Kreisverband Heinsberg und nach wie vor einer der Aktivsten. Als der AWO-Kreisverband Heinsberg 1992 das Robert-Görlinger-Bildungswerk des AWO-Kreisverbandes Köln übernimmt, wird es in Gedenken an Margarete Klug in Margarete-Klug-Bildungswerk unbenannt.

Margarete Klug führte die Arbeit ihrer Vorgängerin in Boscheln fort. Foto: Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Heinsberg e.V.

Die dritte prägende Figur der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Heinsberg  war dann allerdings ein Mann: Johannes Sondermann. Das 1983 in Heinsberg eröffnete AWO-Altenzentrum ist sein Lebenswerk. Der erste männliche Vorsitzende setzte sich über mehrere Jahre hinweg politisch und auch innerhalb des Verbands voller Energie und Überzeugungskraft für ein solches Zentrum ein.  Im Rahmen seiner Ernennung zum AWO-Ehrenvorsitzenden im Jahr 1996 wurde daher der Gesamtkomplex aus Altenzentrum und Kreisgeschäftsstelle „Johannes-Sondermann-Haus“ genannt.

„Nach den Gründungen in Boscheln und Hückelhoven folgten nach und nach die anderen Ortsverbände“, erzählt die Pressesprecherin. Heute wird die AWO im Kreis Heinsberg von 300 ehrenamtlichen Helfern in 17 Ortsvereinen mit annähernd 1500 Mitgliedern getragen: „Darüber hinaus engagieren sich mehr als 900 professionelle Kräfte im Kreis.“ So werden aktuell mehr als 1000 Kinder in zwölf Tageseinrichtungen und darüber hinaus 950 Kinder in Offenen Ganztagsschulen betreut.

„Für viele Menschen macht die AWO nur etwas für Kinder und Senioren, aber unser Angebot ist viel breiter. Darauf wollen wir im Jubiläumsjahr aufmerksam machen“, sagt Inge Remilong-Hillebrand. Neben der Kinder- und Jugendarbeit sowie der  Seniorenarbeit ist die AWO auch im Bereich Ausbildung, Qualifizierung, Beratungs- und Betreuungsarbeit aktiv. „Auch heute ist es noch unser Ziel, die Not der Menschen durch Hilfe zur Selbsthilfe zu lindern“, betont Inge Remilong-Hillebrand. Dafür zeige die AWO mögliche Wege auf.

Obwohl der Verband in diesem Jahr seinen dreistelligen Geburtstag feiert, ist von Altersmüdigkeit nichts zu spüren. Im Gegenteil. „Wir entwickeln uns immer weiter und passen uns den gesellschaftlichen Veränderungen an“, betont die AWO-Mitarbeiterin. So seien erst jüngst zwei neue Kitas im Kreis eröffnet worden, und auch bei den gewachsenen Ansprüchen an Kitas generell bleibe der Verband dran: „Wir wachsen und bleiben am Ball.“ Gerade im Bereich der Pflege würde in den nächsten Jahren einiges auf den Verband zukommen. In der alternden Gesellschaft würden immer mehr Menschen Unterstützung bei der Betreuung und Pflege ihrer Angehörigen suchen. „Gesellschaftlich muss sich im Bereich der Pflege aber noch einiges tun“, findet Inge Remilong-Hillebrand. „Krankenpfleger leisten einen Knochenjob – das muss endlich anerkannt und gewürdigt werden.“

Neben einer großen Feierlichkeit anlässlich des Jubiläums plant die AWO im Kreis mehrere kleine Aktionen. „Wir haben uns hingesetzt und überlegt: „Was würde unsere Gründerin Marie Juchacz tun“, verrät die Pressesprecherin. „Zum einen würde sie sicher die Menschen hinter dem Verband in den Vordergrund stellen.“ Daher sei genau eine solche Kampagne auf Plakaten geplant. Weiterhin seien Suppenausgaben in der Überlegung.

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