Geilenkirchen: Auf breiter Basis die sinkende Kaufkraft zurück erobern

Geilenkirchen: Auf breiter Basis die sinkende Kaufkraft zurück erobern

Das Werk „Archipel Gulag” von Alexander Solschenizyn war der Renner. Heinrich Böll war irgendwie abgehandelt; 1972 hatte er den Nobelpreis für Literatur bekommen. Und, was noch unerwartet gut über die Ladentheke ging, war die „Chronik des 20. Jahrhunderts”.

Peter Lyne von de Berg erinnert sich lebhaft an diese Zeit Anfang der 70er Jahre. Das heutige Mitglied der IHK-Vollversammlung machte sich seinerzeit daran, in seinem neuen Beruf Fuß zu fassen. Vater Ludwig Lyne von de Berg öffnete seine Buchhandlung in Geilenkirchen am 1. April 1946; es ist die älteste am Platz. Er kam handwerklich vom Fach, war Buchdrucker. Sohn Peter, Mitte des Jahres 1950 geboren, widmete sein Interesse den Büromaschinen, ließ sich in Aachen daran ausbilden und arbeitete rund sieben Jahren in seinem Fach.

Im Jahr 1971 zog es Peter Lyne von de Berg zurück nach Geilenkirchen ins väterliche Geschäft. Das bedeutete: wieder zwei Jahre Ausbildung. Diesmal zum Einzelhandelskaufmann mit fachlich ausgerichteten Modulen für den Buchhandel. Das feine Gespür für Zeitzeichen kam hinzu. Der aktuelle Band der „Chronik” kostete damals knapp 100 D-Mark. „Ich habe mit einem Kooperationspartner 200 Exemplare gekauft, auf Risiko.” Aber die Bände wurden verkauft. Peter Lyne von de Berg hat einen rapiden Wandel miterlebt. Die demografische Entwicklung spielt da hinein. Aber auch der Drang ins Internet. „Natürlich eine Konkurrenz. Dennoch wird in jüngster Zeit wieder mehr spezifische Beratung bei der Auswahl von Büchern gewünscht”, sagt der nun 60-Jährige.

Es ist nicht ausgeblieben, dass sich die Stückzahlen der Literaturdrucke reduziert haben. Und das betrifft auch die Schulbuch-Verlage, deren Titelzahl sich eher leicht erhöht hat, als dass sie - dem Markt folgend - gesunken wäre.

Die Situation verlangt, so sieht es Peter Lyne von de Berg, geradezu „ein klares Ja zur Buchpreisbindung” ein fester Rahmen für die Druckwerke sei eine „ganz wichtige Hilfe zum Überleben des Buchhandels”. Solche branchenpolitischen Überlegungen verlangen zur Umsetzung nach Unterstützern. Und das auf vielen Feldern.

Im Regionalausschuss

Ein Ansatz mehr für Peter Lyne von de Berg, sich der Wahl für die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK) zu stellen. Er wurde im vorigen November gewählt, ist einer von 62 im „wichtigsten Entscheidungsgremium der Kammer”, formuliert selbst die IHK. Und einer der 29 „Neuen” im „Parlament der Kaufleute”, das sich vor sieben Monaten konstituierte.

Der Weg zur Aachener Kammer war für Peter Lyne von de Berg recht eben. Seine Firma war ja Mitglied in dieser Vertretung. „Schon immer”, deutet der 60-Jährige die Tradition des Hauses an. Aktuell bekam er ein Mandat im Regionalausschuss für den Kreis Heinsberg. „Das betrachte ich durchaus als politische wie gesellschaftspolitische Funktion”, sagt der ambitionierte Buchhändler. Darin befasst er sich mit Themen von Energie, Beispiel Windkraft, bis zu Verkehrsstrukturen, Beispiel Lindener Bahn.

Beispiele effektiver Lobbyisten-Arbeit erkennt Peter Lyne von de Berg aber auch im Steuern von Trends. Aktuelle Kernfrage: Wie lässt sich Kaufkraft nach Geilenkirchen zurückholen? Denn die Stadt liegt, wie bekannt gemacht, deutlich unter der Norm. Das zu ändern, hat sich die Stadtspitze ebenso öffentlich zum Ziel gemacht. „Da muss dran gearbeitet werden”, fordert der Buchhändler, „und auch deshalb stehe ich absolut hinter dem neuen Einkaufszentrum in der Stadt.”

Die „positive Verweildauer” in der Stadt zu erhöhen, das erhofft sich Peter Lyne von de Berg für die Zukunft. Das verlangt klare Strukturen. Geilenkirchen ist da nicht schlecht platziert, sieht der Buchhändler auch einen großen Pluspunkt durch den modernisierten Bahnhalteplatz. Mit der geplanten Unterführung der Bahn kreuzenden Straße würde noch mehr Lebensqualität einziehen. Und was das Parkplatzangebot betreffe, gebe es „keine bessere Stadt”.

Alle Kommunen würden Anstrengungen unternehmen, um ein bisschen besser zu sein - als die Nachbarn, natürlich. Deshalb sei es sinnvoll, „nicht zu lange über Bodenfenster für die Wurm in der Innenstadt zu reden”, erinnert sich Peter Lyne von de Berg an Ratssitzungen. So versucht er im Verbund vieler Ideen auch über seine Tätigkeit in der IHK-Vollversammlung für Geilenkirchen zu arbeiten.

Dass ihm sein Beruf diese Freiheit lässt, darauf baut Peter Lyne von de Berg. „Für den Buchhandel wird es stetig weitergehen”, sagt der 60-Jährige, wenn die regionale und lokale Auslastung stimme. In seinem Unternehmen steht die dritte Generation bereit. Tochter Kathrin ist 27 Jahre alt und hat sich trotz erfolgreicher Beamtinnen-Ausbildung bei der Kreisverwaltung entschlossen, in den Buchhandel einzusteigen. Zeitlos ist die Maxime Peter Lyne von de Bergs: „Wenn niemand etwas anpackt, macht man zwar keine Fehler. Aber man hat auch keinen Erfolg!”