Geilenkirchen-Gillrath: Anderen raucht der Kopf, Rayk blüht auf

Geilenkirchen-Gillrath: Anderen raucht der Kopf, Rayk blüht auf

Zahlen sind sein Ding. Und überhaupt hat Rayk einiges an Grips mit auf den Weg bekommen. Der Mutter dämmerte das schon, bevor ihr Ältester zu sprechen anfing. Einen besonders wachen Blick habe Rayk bereits gehabt, nachdem er erst einige Monate auf dieser Welt verbracht hatte, seine Augen seien ständig in Bewegung gewesen, um das nächste Objekt zu fokussieren.

Das sei ein Zeichen von Intelligenz, wusste Britta Wulff damals schon, und sie sollte Recht behalten. Als Rayk dann zu sprechen begann, zeigte sich allmählich eine herausragende Merkfähigkeit. Und er begann zu zählen. Und zu rechnen. Zum Schuljahresende ist Rayk Wulff, mittlerweile neun Jahre alt, Zweiter beim Mathematik-Wettbewerb für Grundschulen geworden, den das NRW-Schulministerium jährlich ausruft. Von 50.000 Schülern. Einer war also besser als er, die übrigen 49.998 schlechter. Man braucht mit Zahlen nicht so gut umgehen zu können wie Rayk, um zu erkennen, dass das ein ziemlich herausragendes Ergebnis ist.

An der ersten Runde nahm Rayk noch mit seiner ganzen Klasse der KGS Geilenkirchen teil. Das Lösen der Aufgaben fiel ihm nicht wirklich schwer, neben ihm kamen noch zwei andere Schüler weiter, bei der zweiten Runde in Waldfeucht nur einer. Nach der dritten Runde stand fest, dass Rayk der beste Teilnehmer im ganzen Kreis Heinsberg war und zu den 55 besten in ganz NRW gehörte. Wie weit vorne er dabei war, erfuhren er und seine Eltern erst bei der Siegerehrung in Dortmund. Zweiter. Von 50.000. Das war natürlich klasse.

Wie weit weg ist der Horizont?

Rayk ist also nicht nur ein sehr guter Schüler, sondern ein richtiger Gehirnathlet, das hat er nun quasi schriftlich. „Logisches Denken liegt ihm“, sagt Britta Wulff, und dabei hilft natürlich, wenn man die Arithmetik auch im Alltag anwendet. Und das tut Rayk praktisch ununterbrochen, niemand muss ihm die Frage beantworten, wozu um alles in der Welt diese ganze Angelegenheit mit den Zahlen und den Rechenzeichen eigentlich gut sein soll.

Als er ein Schwimmabzeichen machte, rechnete er beim Ziehen seiner Bahnen aus, wie viele Sekunden er für jede Bahn höchstens brauchen darf. Und als die Familie an der Küste war, überlegte Rayk, wie weit wohl der Horizont entfernt sein könnte. Weil Rayk es nicht wusste, fragte er seinen Vater, das macht er immer so.

Ein Oktoberkind

Rayks Vater Jens Wulff ist Ingenieur, von ihm habe Rayk die mathematische Begabung wohl überwiegend geerbt, schätzt die Mutter. Sie ist Erzieherin und Heilpraktikerin, hat mit Zahlen also nicht mehr ganz so viel zu tun. Doch auch ihr eigenes Lieblingsfach in der Schule war Mathematik. Vielleicht hat sich die Begabung der Eltern bei Rayk sozusagen multipliziert.

Für viele Schüler ist Mathematik ein Horror, und früher traf das auch auf Rayk zu, gewissermaßen jedenfalls. Denn bei der Einschulung war er seinen Mitschülern längst weit voraus. Es kam vor, dass er Dritt- und Viertklässlern bei den Hausaufgaben half. Eigentlich ja eine schöne Sache, bloß war der eigene Lernstoff natürlich nicht die geringste Herausforderung.

„Er wurde verhaltensauffällig, nach der Schule war er müde und gereizt vor lauter Langeweile“, erinnert sich Britta Wulff. Das zweite Schuljahr übersprang er, seitdem klappt es besser. Glücklicherweise ist Rayk ein Oktoberkind, das heißt der Altersunterschied ist nicht ganz so groß. Sein Abschlusszeugnis der vierten Klasse besteht jedenfalls nur aus Einsen und Zweien. Nach den großen Ferien geht es auf dem St. Ursula Gymnasium weiter.

Bis zu den Ferien war Gerda Thiel Rayks Klassenlehrerin an der KGS Geilenkirchen. Sie hat in letzter Zeit eine ganze Reihe sehr begabter Kinder gehabt, sie kann von einem rumänischen Mädchen berichten, das nach kaum drei Monaten in Deutschland problemlos jedes Diktat mitschrieb. Doch wenn Gerda Thiel so erzählt, merkt man, dass Rayk selbst zwischen diesen Kindern noch herausragt. Oft gab sie ihm Sonderaufgaben, die ihn nicht unterfordern. Das Wichtigste bei Kindern wie Rayk, sagt Frau Thiel, sei es, die Lernfreude zu erhalten.

Nicht alles geht leichter

Dies muss auch das Ziel bei Tarja sein, mit acht Jahren ist sie die älteste von drei jüngeren Schwestern. Auch sie hat bereits eine Klasse übersprungen, beschäftigt sich aber noch lieber mit Sprache als mit Zahlen. Im Flur liegt ein Russisch-Lernbuch für Kinder. Weil Tarja im Frühjahr geboren ist, macht der Altersunterschied sich deutlicher bemerkbar. Vieles geht mit hochbegabten Kindern leichter, aber längst nicht alles.

Dass er den ersten Platz beim Wettbewerb verpasst hat, stört Rayk übrigens nicht allzu sehr. Es wäre ja vielleicht auch langweilig, wenn mit neun Jahren schon keine Luft mehr nach oben wäre.