Übach-Palenberg: Am Flughafen könnte es für Gäste noch nerviger werden

Übach-Palenberg: Am Flughafen könnte es für Gäste noch nerviger werden

Wenn Familie Roden an ihren vergangenen Urlaub zurückdenkt, fallen Wörter wie „anstrengend“, „nervig“ und „grausam“. Dabei waren die sonnigen Tage auf Mallorca eigentlich „traumhaft schön“. Doch von diesen Erinnerungen ist nicht viel haften geblieben. Viel mehr ist dem Ehepaar die Zeit am Flughafen im Gedächtnis.

Fast sechs Stunden haben die Übach-Palenberger dort auf das Flugzeug gewartet, das sie zum Düsseldorfer Flughafen bringen sollte. „Es gab keine richtige Information“, ärgert sich Kirsten Roden. „Wir waren schon durch die Sicherheitskontrollen, saßen in der Abflughalle, und zur Boarding-Zeit stand weder ein Flugzeug bereit noch ein Ansprechpartner der Fluggesellschaft.“

Anfangs gab es keine, dann nur Teil-Informationen. „Erst hieß es, die Maschine sei bald da. Später stellte sich heraus, dass sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht aus Düsseldorf gestartet war.“ Die schnell versprochenen Verzehrgutscheine bekamen Kirsten und Ulf Roden erst nach vier Stunden Warterei. „Fünf Euro pro Person. Wie lange soll der denn am Flughafen halten, wenn eine Flasche Wasser schon so teuer ist?“, fragt Kirsten Roden. „Die haben uns allein gelassen, und machen konnten wir nichts.“

Das ist rund vier Monate her. Seitdem haben sie viele Briefe an die Fluggesellschaft geschickt. Laut europäischem Fluggastrecht stehen ihnen 250 Euro Entschädigung pro Person zu. Eindeutige Urteile des Europäischen Gerichtshofs stärken die Rechte der Passagiere. Doch die Airline stellt sich — wie offenbar sehr häufig in solchen Fällen — quer. Mehr als ein Eingangsschreiben haben Rodens nicht erhalten. Sie haben sich informiert, in einem Internetforum Erfahrungen mit anderen Betroffenen ausgetauscht. „Anscheinend zahlen die Gesellschaften erst, wenn man mit dem Fall vor Gericht zieht“, ist ihr Eindruck. Ob sie diesen Schritt gehen, überlegen sie jetzt.

Dass eine Fluggesellschaft nicht reagiert, hat Andrea Hanuschick noch nicht erlebt. Die Reiseverkehrskauffrau spricht von vier bis fünf extremen Verspätungsfällen im Jahr, von denen Kunden ihres Reisebüros betroffen sind. Anfang September war wieder so ein Fall. Mit 16 Stunden Verspätung starteten zwei Geilenkirchener vom Urlaubsort in Richtung Heimat. Aus den angekündigten drei Stunden Verspätung wurden dreieinhalb. Dann wurde bekannt, dass der Flug erst am nächsten Morgen gehen sollte. Es folgte die Unterbringung in einer Notunterkunft bis zur ausgemachten Abholung um 1.30 Uhr. Doch der Bus kam erst eine Stunde später. „Der Erholungseffekt ist nach solchen Erlebnissen oft weg“, sagt Hanuschick. Auch diesen Betroffenen steht eine Entschädigung zu. Ein entsprechendes Schreiben hat die Fluggesellschaft bereits erhalten. Nun heißt es warten.

Jahrelang wurde in der EU um die Passagierrechte gerungen. 2005 feierte der damalige EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot die Fluggastrechteverordnung als Durchbruch. Doch diese Entscheidung zugunsten der Verbraucher könnte bald der Vergangenheit angehören. Denn die EU-Kommission hat einen Vorschlag für eine neue Verordnung veröffentlicht, mit der das geltende Recht ergänzt werden soll. Mit der Umsetzung, die von der Bundesregierung eine Zustimmung erhält, gehen drastische Einschnitte in das Passagierrecht einher. Unter anderem soll die Verspätungsdauer, ab der eine Entschädigung fällig ist, deutlich erhöht werden. Können Fluggäste derzeit bei drei Stunden Verspätung je nach Flugentfernung 250 bis 600 Euro Entschädigungsleistung beanspruchen, erhöht sich die Zeit auf mindestens fünf Stunden Verspätung, wird jedoch auch von der Flugentfernung abhängig gemacht.

Ein Beispiel: Fliegt ein Passagier von Toronto nach Düsseldorf, hatte er nach bisherigem Recht Anrecht auf eine Entschädigung ab drei Stunden Verspätung. Künftig gelten bei dieser Entfernung zwölf Stunden. „Das ist ärgerlich“, sagt die Reiseexpertin der Verbraucherzentrale Berlin, „denn es war ein langer Kampf bis hierher.“

Europäischer Gerichtshof

Der Europäische Gerichtshof hat mehrfach in seinen Entscheidungen klargestellt, dass eine Fluggesellschaft bei drei Stunden Verspätung am Zielflughafen ihren Vertrag nicht erfüllt hat“. Sie befürchtet, dass durch die Änderung „jetzt wieder Türen für die Fluggesellschaften geöffnet werden. Da können wir mit langen Verspätungen rechnen.“

Auch, weil die technischen Defekte am Fluggerät künftig unter die außergewöhnlichen Umstände fallen sollen — so wie extreme Wetterbedingungen, Streiks und eine Flughafenschließung aus Sicherheitsgründen — und damit kein Grund mehr wären, einen Ausgleich zahlen zu müssen. Denn bislang gehören sie zum normalen Betriebsrisiko einer Fluggesellschaft. Das geltende Recht wird in Augen von Rechtsanwältin Marijke Freijser aus Hückelhoven damit „durchweicht und den Fluggesellschaften eine Möglichkeit gegeben, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Sollten die EU-Pläne umgesetzt werden, besteht der größte Nachteil für Passagiere darin, dass viele von ihnen Ausgleichsansprüche für Verspätungen nicht mehr geltend machen können“. Dass Betroffene dann erst recht verärgert sein werden, kann sich Andrea Hanuschick vorstellen. Dabei sei es häufig vor allem die fehlende Information und Transparenz, die von den Kunden bemängelt würden — und das bereits jetzt.

Wie sich das entwickeln könnte — darüber wollen Kirsten und Ulf Roden eigentlich lieber nicht nachdenken. „Wenn es jetzt schon schwierig ist, sein Recht als Flugpassagier durchzusetzen, wird es dann doch unmöglich“, mutmaßt Ulf Roden. Wovor das Paar besondere Befürchtungen hat, sind die Regelungen bezüglich der Wartezeiten auf der Rollbahn. Bisher fehlt ein konkreter gesetzlicher Rahmen und ein Flug gilt als gestartet, sobald das Flugzeug losrollt, auch wenn es noch lange nicht abhebt. Das soll sich ändern. Der Vorschlag der EU-Kommission: Fluggesellschaften können Passagiere künftig bis zu fünf Stunden im Flugzeug warten lassen, bevor sie einen Ausstieg ermöglichen müssen. Das ist aus Sicht von Rechtsanwältin Marijke Freijser „unzumutbar“, und auch Eva Klaar hält das „für unangemessen. Das übersteigt die Toleranzgrenze und ist für keinen akzeptabel“.

Auch die Bundesregierung will in diesem Punkt nachverhandeln. In einer Stellungnahme auf eine Anfrage der Grünen heißt es, man habe der Europäischen Kommission vorgeschlagen, „angemessene Fristen von maximal zwei bis drei Stunden“ vorzusehen. Ein Zeitrahmen, den Marijke Freijser „nur als angemessen“ ansieht. Komplex und vor allem „in ganz entscheidenden Punkten zu Lasten der Rechte der Verbraucher“, so Eva Klaar, wird die EU-Reform wahrgenommen. Umgesetzt werden könnte sie bis 2015. Kirsten und Ulf Roden hoffen, dass die Verordnung bis dahin noch andere Züge annimmt. „Meine Angst, dass wir wieder stundenlang auf dem Flughafen festsitzen könnten, ist groß“, sagt Kirsten Roden, und ihr Mann meint: „Da ist der Stress vor dem nächsten Urlaub schon vorprogrammiert. Diese Erfahrung hat uns geprägt und das Verhalten der Fluggesellschaft erst recht.“ Aber ganz auf Flugreisen verzichten? „Nein“, sagt Ulf Roden. „Das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein.“