Geilenkirchen: Alles geht: Christians Kampf ums normale Leben

Geilenkirchen: Alles geht: Christians Kampf ums normale Leben

Christians Kopf ist schneller als die Hände. In der Schule weiß er die Antworten. Aber er braucht lange, um das Ergebnis niederzuschreiben. Mit dem Stift klappt es gar nicht. Die Finger sind ungelenk.

In der Schule hilft ihm jetzt eine Praktikantin, die Ergebnisse in den Computer einzugeben. „Da hat er eine Sekretärin”, frotzelt Mutter Kathrin - und Christian lächelt. Ein schöner Moment. Denn oft ist der Junge traurig und fragt sich mit seinen gerade mal elf Jahren, warum ausgerechnet er behindert ist.

Rund 100.000 Eltern behinderter Kinder sind in den beiden großen deutschen Elternverbänden organisiert, dem Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm) und der Lebenshilfe. Früher war die Zukunft für ein behindertes Kind in Sonderkindergarten, Sonderschule, Werkstätten vorprogrammiert. Heute kämpfen Eltern um mehr Normalität für ihre Kinder: „Die Eltern fragen sich, gibt es eine andere Lösung, die stärker in der Gesellschaft stattfindet”, sagt der Geschäftsführer des bvkm, Norbert Müller-Fehling. Eltern wollen nicht mehr, dass ihre Kinder ausgegrenzt werden.

Christian aus Geilenkirchen bei Aachen ist durch eine Entwicklungsverzögerung behindert. Die Ärzte haben keine Erklärung dafür. Die feinmotorische Störung, der staksige Gang, die verwaschene Sprache - all das hat keine medizinisch erklärbare Ursache. „Wir liefen von Pontius nach Pilatus”, erzählt Markus Maske. Eine Odyssee. Christian sitzt mit den Eltern am Tisch, hört zu und platzt dazwischen: „So ein dicker Ordner!” - die familiäre Krankenakte.

Der Junge hat sich das Laufen, Lesen und Sprechen hart erkämpft. Anfangs dachte man, Christian sei auch geistig behindert. Er konnte nicht sprechen. Sprechen, Laufen und Lesen hat er sich erarbeitet. Heute wissen die Eltern, Christian ist ganz normal intelligent.

Im Gespräch ist er sehr wach, neugierig, interessiert. Er verfolgt die Vorgänge in Japan, liebt Tiere und interessiert sich für Computer. Trotzdem muss er eine Förderschule besuchen. „Er braucht nur länger, um seine Aufgaben zu erledigen”, sagt die Mutter. Das liege an der fehlenden Feinmotorik - und nicht am Kopf. Die Finger rutschen immer von der Computer-Tastatur ab.

Fast sehnsüchtig sprechen die Maskes über die 2009 in Deutschland in Kraft getretenen UN-Konvention über die Rechte behinderter Kinder. Demnach haben behinderte Kinder einen Anspruch auf einen Besuch allgemeiner Schulen. Die müssen entsprechend ausgestattet werden. Nach Informationen des Bundesverbands bvkm besuchen in Deutschland nur 15 Prozent aller behinderten Kinder integrative Schulen.

Der Prozess kommt jetzt erst in Gang. „Wir sind zehn Jahre zu früh”, bedauert Markus Maske. Noch sind die Bedingungen für mehr Chancengleichheit schlecht. Trotzdem verfolgen sie ihren Traum von Integration und mehr Chancengleichheit für Christian: Nach der Förderschule, an eine weiterführende Regelschule - das ist ihr Traum. Das Leben mit Christian hat ihnen gezeigt: Nichts ist unmöglich.