Inklusion in Übach-Palenberg: „Alle müssen Abitur schaffen können“

Inklusion in Übach-Palenberg : „Alle müssen Abitur schaffen können“

Eagl ob mit oder ohne Behinderung: An das Gymnasium in Übach-Palenberg schafft es nur, wer den Anforderungen gewachsen ist. Ein zieldifferenter Unterricht wird nicht angeboten.

Regelschüler und lernbehinderte Kinder gemeinsam im Unterricht: Ist mit diesem Bild am Gymnasium bald Schluss? Gerade in den vergangenen Jahren sind von der Schulaufsicht auch zunehmend Gymnasien als Ort sonderpädagogischer Förderung bestimmt worden. In den Klassenräumen sitzen oftmals Schüler, die zieldifferent lernen. Beim Zieldifferenten Unterricht wird das entsprechende Lernziel innerhalb einer Klasse für jeden Schüler aufgrund eines sonderpädagogischen Förderbedarfs einzeln festgelegt. Zukünftig soll an Gymnasien aber nur noch sonderpädagogische Förderung stattfinden, wenn sie zielgleich ist, also das gleiche Lernziel - Abitur - erreicht werden soll.

Am Gymnasium Übach-Palenberg findet Inklusion aktuell nur zielgleich statt. „Wir haben eine informative Übereinkunft, dass wir die Kräfte für den Umgang mit Flüchtlingen und für Kinder mit jeder Art von Beeinträchtigung bündeln“, erklärt Schulleiter Hans Münstermann. Die Gesamtschule in Übach-Palenberg sei daher die erste Anlaufstelle für alle Fälle von Inklusion, und das Gymnasium habe eine Förderklasse für Flüchtlinge eingerichtet. „Es ist einfach sinnvoll, die raren sonderpädagogischen Kräfte an einer Stelle zu bündeln“, so Münstermann, der seit zehn Jahren das Gymnasium in Übach-Palenberg leitet.

Inklusion als „Ehrensache“

Trotzdem besucht aktuell eine handvoll Kinder mit Beeinträchtigungen das Carolus-Magnus-Gymnasium. „Wenn es irgendwie geht, sollten Kinder mit einer Beeinträchtigung, wenn sie denn den Anforderungen des Gymnasiums gewachsen sind, auch auf einem Gymnasium beschult werden“, ist Schulleiter Hans Münstermann überzeugt. Dies sei für ihn Ehrensache. „Ich habe als junger Vater miterlebt, wie Freunde mit ihrem körperbehinderten Kind von Pontius nach Pilatus geschickt wurden“, erzählt er. Damals hätten sich der Kindergarten und die Grundschule geweigert, das Kind mit Diabetes aufzunehmen. Auch als junger Lehrer sei es für ihn selbstverständlich gewesen, einer Schülerin, die durch eine Krankheit immer mehr erblindete, den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen.

Für Schulleiter Hans Münstermann ist Inklusion Ehrensache, solange die Kinder die gymnasialen Anforderungen erfüllen. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

„Das Abitur ist bei allen Schülern auf dem Gymnasium aber das potenzielle Ende“, sagt Münsterman. „Und das muss jeder Schüler erreichen können - ob behindert oder nicht behindert.“ Außerhalb der Schule gebe es überall Differenzierungen nach Leistungsgruppen. „Man lässt einfach keinen hervorragenden Musiker gleichzeitig mit einem Anfänger spielen oder einen untrainierten Sportler gegen einen Hochleistungssportler antreten“, zieht der Schulleiter einen Vergleich. Wenn eine Lernbeeinträchtigung vorliegt, kann sich der Pädagoge daher nicht vorstellen, dass ein solches Kind den gymnasialen Anforderungen gewachsen ist: „Gerade bei G8 ist die Geschwindigkeit sehr hoch und wir können kaum korrigierend eingreifen.“

Positive Erfahrung mit Inklusion

Daher würden aktuell nur Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Verhaltensbeeinträchtigungen am Gymnasium in Übach-Palenberg unterrichtet. „Bei Verhaltensbeeinträchtigung, die man durch begleitende Maßnahmen kompensieren kann, sehe ich keinen Hinderungsgrund für den Besuch unserer Schule“, führt Münstermann aus. „Wenn es gar eine Körperbehinderung ist, dann fände ich es wirklich schlimm, wenn wir die Beschulung nicht hinbekommen würden.“ Einen solchen Fall habe er allerdings auch noch nicht erlebt.

In den vergangenen Jahren hat die Schule vielfach positive Erfahrungen bei Kindern mit Beeinträchtigungen bis einschließlich zum Abitur gemacht. „Wir haben zum Glück auch eine Schülerschaft, die großen Wert darauf legt, auf die Kinder zuzugehen, die durch Beeinträchtigungen auffällig sind. Der Anteil an empathiefähigen Kindern hier im Haus ist groß“, ist der Schulleiter stolz.

Probleme sieht er von anderer Seite. „Das Land stößt bei der Inklusion ganz erkennbar an seine Grenzen“, findet der erfahrene Lehrer. Beispielsweise gebe es nicht annähernd genügend Sonderpädagogen.

Streit um Kosten

Auch den Streit um die finanziellen Auswirkungen einer behindertengerechten Einrichtung und damit verbundenen Sachkosten findet er ärgerlich. „Das Land definiert, was in der Bildungspolitik passieren muss. Die Kommunen müssen das Geld aufbringen, und wenn die Kommune das Geld nicht hat, endet die Möglichkeit des Landes einzugreifen“, erklärt der Schulleiter das System. Weiter sagt Münstermann: „Wer die Forderung aufstellt, sollte sie meiner Meinung nach auch bezahlen.“ Dies sei allerdings in der gesamten Schulpolitik ein Problem, und eine Lösung sei dafür nicht in Sicht.

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