Geilenkirchen: Aktionskünstler verlegt elf weitere Stolpersteine

Geilenkirchen: Aktionskünstler verlegt elf weitere Stolpersteine

„Wir sind, woran wir erinnern“, mahnte Bernward Coers, stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums St. Ursula, bei der Begrüßung der Gäste zur Verlegung von elf Stolpersteinen. Sie dienen dem Gedenken an jüdische Mitbürger, die hier während der Nazi-Herrschaft lebten und ermordet wurden oder fliehen mussten.

Coers betonte, „verantwortlich zu erinnern“ bedeute, gesellschaftliche Strömungen zu hinterfragen, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Eigentlich sollte Hans Bruckschen, Lehrer an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, die Moderation übernehmen, doch gerade an diesem Tag hatte sein Sohn Leonard beschlossen, auf die Welt zu kommen.

Die Stolpersteine von Gustav und Regina Gottschalk, die in der Konrad-Adenauer-Straße 201 wohnten. Foto: Renate Kolodzey

Hans Bruckschen hat vor zwei Jahren die Leitung der Geilenkirchener „Initiative Erinnern“ von Christa Nickels übernommen, die ihn weiterhin unterstützt und auch bei der aktuellen Verlegung anwesend war. Bruckschen möchte verstärkt die junge Generation einbinden, damit sie die Aktion als Multiplikator nach außen trägt.

Coers begrüßte besonders Bürgermeister Georg Schmitz, den Aktionskünstler Gunter Demnig, der die Steine verlegte, Heinz Pütz, den Behindertenbeauftragten der Stadt, die Schulleiter Uwe Böken von der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, Peter Pauli von der Realschule sowie die Lehrerin Tilli Thul vom Berufskolleg für Wirtschaft. Er dankte besonders Christa Nickels, Karl-Heinz Nieren, Hermann Wolff und Horst-Eberhard Hoffmann für Recherchen und tatkräftige Hilfe sowie der Kreissparkasse Heinsberg für ihre Unterstützung.

Bildhauer Demnig begann mit der Verlegung der Stolpersteine vor der Konrad-Adenauer-Straße 185, hob ein Loch aus, goss Beton hinein, platzierte die Steine und verfugte sie mit Zement, während die Musikgruppe des Gymnasiums ihn mit feierlichen Klängen begleitete. Schulleiter Pauli von der Realschule führte aus, dass die jüdischen Mitbürger keine Chance hatten, sich zu retten, ehe sie getötet oder vertrieben wurden.

Zwei Schüler seiner Lehranstalt hielten Fotos von Paul und Ida Gottschalk, die mit ihren Kindern in Haus Nummer 185 wohnten, hoch, und weitere Schüler lasen aus deren Biografie. Auch ein Gesangsbeitrag zweier Schülerinnen stimmte nachdenklich. Lehrerin Thul vom Berufskolleg für Wirtschaft und ihre Schüler wiederum präsentierten Bilder der beiden Töchter Liesel und Ruth Elfriede Gottschalk, schilderten ihre bewegende Geschichte, die in Vernichtungslagern endete, und legten Blumen nieder.

Demnig, der Initiator des Projekts „Stolpersteine“ ergriff nach dem Verlegen das Wort. Er konstatierte: „1996, als ich anfing, habe ich mir vorgenommen, eine Million Steine zu verlegen. Damals sagte man mir ‚Das schaffst du nie‘, doch jetzt sind es schon 58.500 in 20 Ländern! Inzwischen habe ich zudem eine Stiftung gegründet, damit die Aktion fortbesteht, falls mir etwas passiert. Ganz besonders freut mich, dass Schüler großes Interesse zeigen. Um die Steine zu lesen, muss man sich verbeugen. Die meiner Meinung nach schönste Definition hierzu stammt von einem Hauptschüler: ‚Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen!‘.“

Ebenfalls in Haus Nummer 185 wohnten Eduard, Pauline und Leopold Ludwig Horn, derer das Gymnasium St. Ursula mit Texten sowie musikalischer Saxofon-Untermalung durch Bernhard Kozikowski mit dem Lied „Unsere Stammbaum“ würdevoll gedachte. An der Konrad-Adenauer-Straße 201, wo Gustav und Regina Gottschalk lebten, erinnerte die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule mit eindringlichen Worten an das verschleppte und ermordete Ehepaar. Ebenso würdigten die Schüler dieser Lehranstalt Wilhelm und Karl Gottschalk, die in Nummer 228 beheimatet gewesen sind.

Heinz Pütz, Behindertenbeauftragter der Stadt, regte an, auch der Ermordung Behinderter in der damaligen Schreckensherrschaft mittels einer Tafel zu gedenken. Er freute sich über die Beteiligung junger Menschen und gab ihnen mit auf den Weg „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Zum Abschluss der Feierstunde erinnerte Bürgermeister Georg Schmitz an die jüdische Gemeinde in Geilenkirchen, die eine der größten in der Region Aachen war, dankte der seit 2011 bestehenden „Initiative Erinnern“ für ihre Arbeit und wünschte weiterhin viel Erfolg.