Eschweiler: Zeitumstellung: Die innere Uhr gerät aus dem Takt

Eschweiler: Zeitumstellung: Die innere Uhr gerät aus dem Takt

Viele Indestädter freuen sich auf den Sonntagmorgen. Schließlich können sie gemütlich eine Stunde länger liegen bleiben, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Die Uhren werden von Sommer- auf Winterzeit umgestellt. Der Sonntag wird dadurch 25 Stunden lang. Allerdings wirbelt die Verschiebung so manchen Rhythmus durcheinander.

Die 80 Kühe der Familie Schmitz im Obermerzer Hof zwischen Eschweiler und Dürwiß sind es gewohnt, pünktlich um 6 Uhr gemolken zu werden. Morgens und abends. Wenige Minuten vorher warten sie bereits am Gatter vor den Boxen. Am Sonntag allerdings werden sie sich 20 Minuten gedulden müssen. Die Uhr zeigt dann zwar 5.20 Uhr an, aber die „innere“ Uhr der Tiere steht dann bei 6.20 Uhr. „Gesundheitlich ist dies für die Tiere kein Problem“, sagt Landwirt Rudolf Schmitz. Auch auf die Milchproduktion wirke sich dies nicht aus. Mit seinem Sohn Tobias Schmitz wird er das Melken immer um 20 Minuten verschieben. Nach drei Tagen sei alles wieder im gewohnten Gang. Die Kühe gewöhnen sich laut Schmitz schnell daran.

Diese Zahnräder und Stangen treiben die vier Uhren im Kirchturm der Pfarre St. Peter und Paul an. Foto: P. Nowicki

Dass überhaupt an der Uhr gedreht wird, geht auf die Ölkrise der 70er Jahre im vergangenen Jahrhundert zurück. Um Energie zu sparen, wurde in der Bundesrepublik zum ersten Mal 1980 das zwei Jahre zuvor verabschiedete Zeitengesetz verabschiedet. Europaweit gilt die Zeitumstellung seit 1996. Dass die Verschiebung um eine Stunde wirklich Energie spart, ist umstritten. Heinz Theis, Energieberater der Energie- und Wasserversorgungs-GmbH, hat seine Zweifel: „Der meiste Strom wird bei der Wärme- und Kältegewinnung verbraucht — und der Kühlschrank läuft zum Beispiel durch.“ Moderne Heizungen seien mit Schaltuhren versehen, die Verschiebung mache sich auch dort nicht bemerkbar. Im Zeitalter von Energiesparlampen könne man den Verbrauch von Strom für Licht kaum noch verringern. Energiepolitische Gründe scheiden in den Augen von Theis also aus.

Die Umstellung der Uhren erfolgt in den meisten Fällen vollautomatisch. Selbst dort, wo man es vielleicht nicht vermutet: im Kirchenturm der Pfarrkirche St. Peter und Paul. Die vier Uhren an den Seiten des Turmes zählen sicherlich zu den bekanntesten der Stadt. Sie werden mit Stangen, an deren Enden sich Zahnräder befinden, von einem Kegelzahnrad angetrieben. Das Uhrwerk ist elektronisch an eine Funkuhr gekoppelt. Die Zeiten, dass die Kirchenuhr von Menschenhand umgestellt wird, sind passé.

Im St.-Antonius-Hospital muss alles funktionieren, auch wenn die Zeit umgestellt wird. Probleme werden in dem Krankenhaus nicht erwartet. „Die medizinischen Apparate stellen sich von alleine um, andere Systeme und die Software werden manchmal auch zentral umgeschaltet“, sagt der technische Leiter, Michael Deußen. Der Bereitschaftsdienst geht von einem gewöhnlichen Sonntagmorgen aus. Eine Auswirkung hat die Zeitverschiebung im Krankenhaus allerdings schon: Die Nachtschicht wird um eine Stunde verlängert. Arbeitsrechtlich ist dies laut Sebastian Baum unproblematisch. „Ein Vollschichtdienst kann bis zu zehn Stunden dauern“, sagt der Kaufmännische Direktor des Hospitals. Die eine Stunde zusätzlich in der Nachtschicht am Samstag werde dem Stundenkonto gutgeschrieben.

Der „Minijetlag“

Nicht immer geht es so unproblematisch. Die 60-Minuten-Verschiebung macht manchem Inde-städter ganz schön zu schaffen. Vor allem Menschen mit Schlafstörungen leiden darunter, wie Magid Salama bestätigt. Der Allgemeinmediziner, der seine Praxis in Bergrath betreibt, bezeichnet die Umstellung als „Minijetlag“. Der Schlafrhythmus des Menschen richtet sich nach dem Tageslicht. So spielt das Zwischenspiel von Serotonin und Melatonin, Botenstoffen im menschlichen Körper, nach aktuellen Studien eine entscheidende Rolle. „Wenn Menschen aus dem Schlafrhythmus kommen und dadurch wenig schlafen, dann können sich die typischen Folgen von Schlafmangel zeigen“, sagt Salama. Als Symptome reiche die Palette von Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu depressiven Verstimmungen.

Auch wenn Studien einen Anstieg der Arztbesuche unmittelbar nach der Zeitumstellung feststellten: Der Mediziner kann sich nicht erinnern, dass ein Patient deswegen bei ihm in der Praxis vorstellig wurde. Betroffenen rät Salama, den Körper langsam an den neuen Rhythmus zu gewöhnen. „In der Regel hat sich der Mensch nach etwa einer Woche auf die neue Zeit eingestellt“, sagt er. Wer immer zum gleichen Zeitpunkt am Tag ein Medikament zu sich nehmen muss, muss hingegen nichts befürchten, wenn die Tablette eine Stunde später geschluckt wird. „Die Präparate sind so ausgelegt, dass der Spiegel im Blut nicht sofort rapide sinkt“, weiß Salama.

In einem sind sich Mensch und Tier einig: Die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit mache deutlich mehr zu schaffen, sagen sowohl Salama als auch Landwirt Rudolf Schmitz unisono. Eine Stunde länger liegen zu bleiben fällt eben leichter, als eine Stunde früher aufzustehen.