Comedy im Talbahnhof: „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung“

Comedy im Talbahnhof : „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung“

Korrekturensohn oder vergilbtes Löschpapier im Buch des Lebens – solche mehr oder weniger netten Spitznamen verleiteten Johannes Schröder dazu, nach zwölf Jahren Schuldienst den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen.

Stattdessen berichtet er nun als „Herr Schröder” aus dem ehemaligen Schulalltag zwischen pubertierenden, wortkreativen Schülern und bemitleidenswerten und verhassten Lehrerkollegen. Im Talbahnhof machte er mit seinem Programm „World of Lehrkraft – ein Trauma geht in Erfüllung“ nun Halt und begeisterte nicht nur die zahlreichen Lehrer im Publikum.

Eines stellte „Herr Schröder“ gegegenüber dem Eschweiler Publikum direkt klar: „Ich verspreche euch, wenn ihr gut mitmacht, machen wir fünf Minuten früher Schluss“. Dass es am Ende sogar noch mehr als fünf Minuten länger wurde, lag jedoch ebenfalls daran, dass die anwesenden Gäste die Einladung zum Mitmachen äußerst ernst nahmen.

Aber zunächst galt es für alle, den ehemaligen Lehrer standesgemäß zu begrüßen: „Guuuuuuuuteeeeeeennnnnn Morgääääääääääääään, Herr Schröööööööödeeeeeerrr“. Johannes Schröder forderte dabei ausdrücklich ausgedehnte Langeweile, quasi den „morgendlichen Verbalsuizid“ ein. Auch Zwischenrufe wie „Geh sterben“, „Du Opfer“ und Urwaldgeräusche sollten nicht fehlen. Schließlich sei er das nicht anders gewohnt, daher hätte er auch nichts gegen Essen, Trinken und Rausgehen während der Vorstellung. Nur beim Gebrauch von Smartphones höre es auf: „Also, bitte nur iPhones!“.

Innerhalb von nur wenigen Minuten hatte Johannes Schröder sämtliche Lehrerinnen und Lehramtsstudenten sowie den einzigen Schüler im Saal entdeckt und integrierte sie immer wieder in seinen Vortrag. So fragte er nach Fächerkombinationen und Klassenfahrtszielen. Die unter Jugendlichen als first, second oder third base sowie Homerun aus der amerikanischen Baseballsprache entlehnten Bezeichnungen für verschiedene Handlungen zwischen Paaren waren allerdings nicht nur Lehrern und Schüler im Publikum geläufig.

In den zwölf Jahren seines „Lebens am Korrekturrand“ machte sich Schröder als „Beamter mit Frustationshintergrund“ vor allem Gedanken darum, welcher Sadist sich die deutsche Sprache ausgedacht habe: „Lispeln enthält ein ‚S‘, noch dazu steht das ‚S’ vor einem ‚P‘ – das tut besonders weh. In Stottern sind drei ‚T’s enthalten und in dem Wort ‚Konfektionsgröße‘ steckt ‚Konfekt‘“.

Mit der deutschen Sprache wussten auch seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler umzugehen und lieferten ihm so viel Stoff für sein Comedy-Programm. „Wusstet ihr, dass auch Wasservögel seekrank werden können? Oder wozu gibt es sonst Reiher?“, schoss es aus Johannes Schröder heraus.

Zusätzlich zu den Schülern inspirierten ihn auch ehemalige Lehrerkollegen humoristisch. So sorgte Schröders Beschreibung des Sportlehrers „Trillerpfeifen-Theo“ für viele Lacher: „jung, eloquent, gutaussehend, beliebt – bei Lehrern UND Schülern. Kurzum: ein Arschloch“. Gleicher Kollege war bei den Schülern eher als „Tattoo-Theo“ bekannt und unterrichtete die Muskelgruppen einfach am eigenen, gut durchtrainierten Körper. Beim Sommerfest brachte „Trillerpfeifen-Theo“ seine Partnerin mit: „Sie Miss Baden-Württemberg, er Miss-Geburt“, spottete Johannes Schröder. Dieser Lehrer war übrigens nicht der einzige Kollege, der sein Fett wegbekam: So erzählte „Herr Schröder“ von den jungen Kolleginnen wie „Folien-Frauke“ oder „Methoden-Melanie“, die verzweifelt versuchten, den Kopierer zu reparieren, obwohl dieser ja schon absichtlich mit Papierstau geliefert würde. „Das einzige, was bei den Schulen länderübergreifend funktioniert“, so Schröder.

Sprachlich hatten es dem Lehrer-Comedian neben Genitiv, Dativ, Metaphern und Oxymoronen vor allem Euphemismen angetan. So wandte er sie beim Elternsprechtag regelmäßig an. Schüler waren nicht faul, sondern „da“. Sie schwänzten nicht, sondern verhielten sich „phasenweise schuldistanziert“. Und Hausaufgaben wurden natürlich nicht vergessen, sondern „sekundär priorisiert“. Und wenn ein Schüler zu spät kam, dann „befreite er sich von den Zwängen zeitlicher Absprachen“.

Negative Umstände euphemistisch umschreiben konnte auch Schröders Schülerin Anastasia, aus deren Tagebuch er vorlas. So erfuhr er dort, dass seine Cordjacken-Kollektion bei den Schülern als „50 Shades of Brown“ bekannt war, er die „rostige Regenrinne am Brockhaus“ sei, „eine Spielwiese für jeden Psychologen“, „Beethovens Nullte“ oder auch „ein Relikt aus der Kreidezeit“.

Gleichzeitig wünsche die Zehntklässlerin ihrem Lehrer aber auch „fette beats und geile rhymes für dein lyrisches Ich“ und fragte „Would the real slim Schrödi please stand up?“. Darum ließ sich „Herr Schröder“ nicht lange bitten. Nachdem er zunächst Anastasias eigene Version des Herrmann Hesse Gedichts „Stufen“ verlesen hatte, rappte er zum Abschluss in wahrer Eminem- beziehungsweise „Anyman“-Manier: „Ich bin der Schrödi, der echte Herr Schrödi, alle anderen Schrödis sind nur Pädagögis, deswegen mache ich jetzt Stand-Up“. Mission geglückt, Publikum begeistert – wie auch der langhaltende Applaus bewies.

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