Eschweiler: Wohnen im Alter: Auf keinen Fall alleine oder im Heim

Eschweiler: Wohnen im Alter: Auf keinen Fall alleine oder im Heim

Eines ist für die meisten Menschen eindeutig: Sie wissen, wie sie nicht alt werden wollen. „Auf keinen Fall allein oder im Heim“, lautet oftmals die Losung. Doch unter welchen Rahmenbedingungen möchten Menschen denn alt werden? In erster Linie so lange als möglich selbstbestimmt!

„Aber wirklich klare Vorstellungen sind häufig nicht vorhanden“, erklärt Peter Toporowski, Seniorenbeauftragter der Stadt Eschweiler.

Noch kein vorhandenes Angebot: Dr. Wolfgang Joußen vom Büro B-Plan, mehr alternatives Wohnen im Alter. Foto: Andreas Röchter

Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Lebensabend nicht im Pflegeheim und erst recht nicht alleine, sondern individuell und selbstbestimmt zu bestreiten. Im Rahmen der seit 2014 jährlich stattfindenden „Seniorenwoche“ stellte nun Sabine Matzke vom „Landesbüro innovative Wohnformen“ im leider nur überschaubar besuchten Ratssaal unter der Überschrift „Von der Theorie zur Praxis“ einige bereits umgesetzte Modelle unterschiedlichster und zum Teil auch generationenübergreifender Wohngemeinschaften vor.

Alternative Wohnformen für Senioren: Sabine Matzke vom „Landesbüro innovative Wohnformen“. Foto: Andreas Röchter

Keine Altenheime

„Wir haben im Jahr 2014 das Projekt ‚Innenstadtnahes Wohnen für ältere Menschen‘ angestoßen, um den Angesprochenen selbst die Möglichkeit zu geben, aktiv zu werden und ihre Vorstellungen zu formulieren. Schließlich schweben der demografische Wandel und drohende Altersarmut wie ein Damoklesschwert über der Gesellschaft“, unterstrich Peter Toporowski zu die Bedeutung der Initiative.

Sabine Matzke stieg anschließend mit Zahlen in ihren Vortrag ein: „94 Prozent der Senioren antworten auf die Frage nach dem bevorzugten Wohnort im Alter mit Zuhause‘. Zwei Prozent sind bereit, ihr Leben umzugestalten, so lange sie es nach wie vor nach eigenen Vorstellungen gestalten können. Ich bin davon überzeugt, dass diese Zahl in absehbarer Zukunft auf etwa zehn Prozent ansteigen wird“, so die Referentin.

Als Vorbild könne durchaus Dänemark dienen, schließlich gebe es in unserem nördlichen Nachbarland seit 1982 keine Altenheime mehr. „Dort steht die Selbstständigkeit der älteren Menschen im Vordergrund. Und dies nicht zuletzt in gemeinschaftlichen Wohnprojekten.“

Einsamkeit sei im Alter die meistverbreitete Krankheit. Eine vielversprechende Medizin mit Präventivfunktion trage den Namen „gemeinschaftliches Wohnen“. Bei dieser Wohnform stehe die gegenseitige Hilfe, wohlgemerkt nicht die Pflege, im Vordergrund. „Die Bewohner sind füreinander da, auch über Generationen hinweg“, erläuterte Sabine Matzke, die deutlich machte, das vor allem Haus- und weniger Wohnungsgemeinschaften gefragt seien.

„Senioren bevorzugen eindeutig ihre eigene Wohnung.“ Die Modellformen seien vielseitig und reichten vom integrierten Wohnen behinderter und nicht behinderter Menschen über das Mehrgenerationenwohnen bis hin zum betreuten Wohnen im Bestand.

Den Interessenten müsse jedoch bewusst sein, dass ein langer Atem notwendig sei, um von der Idee über die Konzept- und Planungsphase bis zur Umsetzung mit Bau- und Wohnphase zu gelangen. Der Gedanke an ein Leitmotiv „Wie genau möchte ich wohnen?“ beinhalte auch die Fragen „mit wem“, „wo“ und „in welcher Trägerschaft“, also selbstfinanziert oder mit einem Investor. „Ich empfehle als ersten Schritt immer die Gründung eines Vereins mit Satzung, um als juristische Person auftreten zu können“, so Sabine Matzke.

Von großer Bedeutung sei auch, dass eine Kerngruppe von Menschen vorhanden sei, die das Projekt unbedingt umsetzen wollten. „Ganz wichtig wird in Zukunft sein, den Gedanken innerhalb der Gesellschaft zu implementieren, dass gemeinschaftliches Wohnen nichts exotisches, sondern ‚normales‘ Wohnen bedeutet. Der nachbarschaftliche Impuls wird wiederbelebt. Dies muss auch möglichen Investoren deutlich gemacht werden!“, forderte Sabine Matzke abschließend.

Dr. Wolfgang Joußen, der mit dem Büro B-Plan das Projekt „Innenstadtnahes Wohnen für ältere Menschen“ wissenschaftlich begleitet, beklagte ein wenig, dass die in Deutschland etablierten Systeme Pflegedienste und Seniorenheime zu häufig im Vordergrund stünden. „Dies soll absolut keine Kritik gegenüber diesen Institutionen sein. Aber es gibt Alternativen, die offensichtlich zu wenig bekannt sind“, so der Soziologe. Auch und nicht zuletzt in Eschweiler sei in dieser Hinsicht Nachholbedarf vorhanden. „Wir benötigen aber auch von der Politik Impulse, denn auch indestädtische Senioren bekunden uns gegenüber ihr Interesse an alternativen Wohnformen. Bedarf ist also vorhanden, jedoch noch kein Angebot.“

Aus dem Plenum heraus wurde kritisch angemerkt, dass die vorhandenen Bebauungspläne keinerlei Möglichkeiten böten, in der Innenstadt mehrgeschossig zu bauen. Fazit: Es sind in Eschweiler zum Thema „Alternative Wohnformen“ noch eine Menge dicke Bretter zu bohren. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir von einem Zeitraum von 10 bis 15 Jahren reden, bis Projektideen wirklich durchgedrungen sind“, denkt Peter Toporowski langfristig.

(ran)
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