Wilschweine in Eschweiler: Anwohner, Förster und Pächter sehen Problem

Verwüstete Vorgärten : Wildschweine halten Anwohner, Förster und Pächter auf Trab

Die Bewohner der Waldsiedlung haben ein Problem: Ihre Gärten und Vorgärten werden seit Wochen von Wildschweinen verwüstet, die auf Nahrungssuche sind. Dem Jagdwächter sind bei der Jagd allerdings die Hände gebunden. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

„Als ich morgens auf die Terrasse gekommen bin, war die Katastrophe wieder da. Das ist bereits das vierte Mal in diesem Jahr“, sagt ein Anwohner der Luisenstraße mit Blick auf seinen Garten. Eigentlich liegt der sehr schön, man hat einen tollen Blick in den Eschweiler Stadtwald, der direkt an sein Grundstück angrenzt. Doch genau diese Nähe ist ihm nun zum wiederholten Mal zum Verhängnis geworden. Denn nachts bekommt er neuerdings häufiger Besuch von Wildschweinen.

Damit ist er nicht der einzige. Wenn man die Luisenstraße entlanggeht, sieht man auf Seite der ungeraden Hausnummern überall umgegrabene Vorgärten, die fast schon mehr braun als grün sind. Der Grund: Die Wildschweine sind auf Nahrungssuche. Dafür kommen sie immer näher an die Wohnsiedlungen heran.

Das erste Mal hat der Anwohner im März Besuch von den Tieren bekommen. Daraufhin hat ein Gärtner den Rasen für 400 Euro komplett weggefräst und erneuert. Bei den beiden weiteren Besuchen Anfang und Ende Mai sah es nicht so schlimm aus, da hat er selbst Hand angelegt und Schadensbegrenzung betrieben. Aber vor rund drei Wochen dann der erneute Schock. „Dieses Mal haben sie richtig gewühlt, das ist die reinste Buckelpiste. Es lagen sogar dicke Erdbrocken auf der Terrasse.“

Wildschweine graben in Wiesen nach eiweißreicher Nahrung wie Würmern. Foto: dpa/Lino Mirgeler

Er wohnt bereits seit knapp 15 Jahren in seinem Haus. Im Garten war bis zu diesem Jahr nie eine Spur von Wildschweinen zu finden. Nach dem dritten Mal hat er ein Fundament für einen Zaun zum Waldrand gegossen. Der ist aber noch nicht fertig, weshalb die Tiere wieder in seinen Garten gelangen konnten. „Ich wollte eigentlich nie einen Zaun setzen, weil das ja gerade das Schöne ist, in den Wald hineinzugucken“, sagt er. Aber nun plane er einen stabilen, etwa 1,50 Meter hohen Zaun mit Fundament. Das habe er als Rat im Internet gelesen.

Angst hat er vor den Wildschweinen nicht, die kämen ja ohnehin immer nachts. Morgens kam dann das böse Erwachen. „Aber die Tiere können ja nichts dafür, die suchen nur Nahrung. Da bin ich nicht böse, aber vielleicht müsste der Förster reagieren“, findet der Anwohner.

Wildschweine verstecken sich tagsüber im Wald

Förster Marco Lacks kennt die Problematik. Wildschweine gibt es natürlich im Eschweiler Stadtwald. Anders sei aber, dass sie mittlerweile regelmäßig in dem Gebiet leben. „Das Schwarzwild ist als Standwild zu sehen. Das bedeutet, dass es dauerhaft hier ist“, erläutert er. Häufig sehen würden Spaziergänger die Tiere aber nicht.

„Tagsüber verstecken sich die Tiere im Wald, wo es zugewachsen ist und wo zum Beispiel Brombeeren und Farn wachsen. Nachts, wenn weniger los ist, kommen sie raus und trauen sich auch schon mal auf die angrenzenden Wiesen.“ Wer dennoch einem Wildschwein begegnet, sollte ruhig bleiben und dem Tier aus dem Weg gehen. „Wildschweine werden grundsätzlich nie von sich aus aggressiv, außer man kommt zwischen sie und ihre Frischlinge“, warnt Lacks.

Auf Rasenflächen suchen sie vor allem eiweißreiche Nahrung wie Regenwürmer und Engerlinge. Die finden sie eben nicht nur entlang der Forstwege im Wald, sondern auch am Waldrand. „Sie brauchen diese Nahrung als Ausgleich, weil sie sonst viele Eicheln, Bucheckern und Kastanien fressen“, erklärt Lacks.

Grundsätzlich sei es überall in Deutschland so, dass die Population des Schwarzwildes steigt. Den hauptsächlichen Grund dafür sieht der Förster in den milden Wintern mit kaum Frost. „So steht ihnen das ganze Jahr über Nahrung zur Verfügung, die natürliche Sterblichkeit bei den Tieren geht dementsprechend zurück“, sagt er.

Ein Vorgarten an der Luisenstraße: So sieht der Rasen fast an der kompletten Straße aus. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Als einzige Kontrolle bleibe da nur das Jagen, aber das sei im hoch frequentierten Wald nicht gut möglich. Es sei schwer, den Bestand zu reduzieren. „Das Wild ist schlau und heimlich, es ist selbst nachts schwer zu finden“, sagt Lacks. Das bestätigt auch Hans-Josef Vöpel, Leiter des Hegerings Eschweiler. Er ist zwar nicht für das Gebiet zuständig, weiß aber allgemein, dass Wildschweine nicht leicht zu jagen sind. „Man kann nicht wie an der Autobahn sagen, dass der gleiche Lastwagen jeden Mittag um 12 Uhr vorbeikommt, das Wild ist heute hier, morgen dort.“ Für ein Wildschwein seien fünf bis zehn Kilometer wandern pro Nacht kein Problem, weiß Vöpel. Einfach an den Häusern zu warten, bis die Tiere auftauchen, sei auch absolut ausgeschlossen. „Die Grünanlagen in der Wohnsiedlung unterliegen nicht dem Jagdrecht, da darf natürlich nicht gejagt werden.“

Jagdpächter Lutz Geilenkirchen will kein Risiko eingehen

Lutz Geilenkirchen ist sich der schwierigen Situation bewusst. Die Schwarzwildpopulation schätzt der Jagdpächter des Eschweiler Stadtwaldes – der Familie gehört das Gebiet schon seit 100 Jahren – grob auf etwa 40 bis 50. Vier Tiere seien bereits überfahren worden, zwölf haben er und seine Jäger bereits geschossen. Doch für eine größer angelegte Aktion sind ihm schlichtweg die Hände gebunden. „In meinem zweiten Gebiet in der Eifel betreiben wir Treibjagd oder Drückjagd, aber diese Form wäre hier im Stadtwald viel zu gefährlich“, sagt er.

Bei einer Treibjagd kommen Profis mit ihren Hunden, die die Wildschweine aus der Deckung scheuchen und voneinander trennen. So kann man sie leichter finden und mehrere gleichzeitig erlegen. „Ein Schuss auf ein laufendes Wildschwein ist in Eschweiler aber nicht möglich, dafür müssten wir den ganzen Wald und die umliegenden Straßen absperren“, betont Geilenkirchen.

Er ist als Jagdleiter verantwortlich, wenn etwas passiert. Freilaufende Hunde und aufgescheuchte Wildschweine stellen eine Gefahr dar. Des Weiteren wird auf Wildschweine aber mit Kugeln geschossen, nicht mit Schrot. Diese würden die Tiere oftmals durchbohren und danach noch bis zu einem Kilometer weiter fliegen. „Das wäre grob fahrlässig und absolut gefährlich für Fußgänger und Autofahrer“, sagt Geilenkirchen.

Eine mögliche Lösung wäre es, nachts zu jagen. Doch dafür müssen die Bedingungen optimal sein. Vollmond ist die erste Voraussetzung, das beschränkt die Zeiten auf drei bis vier Nächte pro Monat. Das Licht des Mondes ist allerdings nur hilfreich, wenn es nicht bewölkt oder neblig ist. Auch eine Schneedecke würde helfen, da sie eine gewisse Helligkeit mit sich bringt. Die gab es allerdings im vergangenen Jahr nicht.

„Neben dem Beruf bin ich viele Nächte im Wald“, erzählt Geilenkirchen. Denn mit Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras kann er die Tiere beobachten. Als Zielgeräte sind diese Hilfsmittel bei der Jagd allerdings verboten. Dementsprechend kann er in den meisten Nächten nicht schießen. „Wir nehmen die Sache sehr ernst und versuchen wirklich alles, aber es muss im gesetzlichen Rahmen bleiben.“

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