Hilfe in Notsituationen: Wie die Awo sich in 100 Jahren gewandelt hat

Hilfe in Notsituationen : Wie die Awo sich in 100 Jahren gewandelt hat

Wie lange die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Eschweiler und den einzelnen Stadtteilen aktiv ist, ist nicht bekannt, aber Thomas Ladwig hat recherchiert, dass es hier bereits zwischen 1919 und 1933 „eine starke Awo“ gegeben haben muss.

1933 haben die Nazis sie verboten, 1919 ist das Gründungsjahr der Awo generell, also wird die Organisation in diesem Jahr 100 Jahre alt – das feiern die hiesigen vier Ortsvereine.

Aufgaben grundlegend geändert

Thomas Ladwig, 58, ist der Vorsitzende des Ortsvereins Mitte und des Stadtverbandes, seit 38 Jahren ist er Mitglied. Genug Zeit, um zu merken, dass sich das Bild und die Aufgaben der Awo grundlegend geändert haben. „Es beschränkt sich nicht mehr auf die Unterstützung des armen Arbeiters, wie es früher war. Wir helfen heute quasi allen bedürftigen Menschen auf vielfältige Art und Weise“, sagt Ladwig.

Die Bedürfnisse eines 63-Jährigen heute seien nicht mehr mit denen eines Gleichaltrigen vor einigen Jahrzehnten zu vergleichen. Und was heute die Tafel mit ihrer Essensversorgung biete, sei früher die Aufgabe der Awo gewesen. „Außerdem ist die Awo ein großer Wirtschaftsbetrieb mit hauptamtlichen Mitarbeitern geworden, weil Ehrenamtliche die Aufgaben nicht mehr bewältigen können.“ In Eschweiler betreibt die Awo zum Beispiel fünf Kitas, organisierte die Offene-Ganztags-Betreuung an vier Schulen und ist Träger des Quartiersmanagements West.

Rund 500 Mitglieder zählen die Ortsvereine Mitte, Nord (Hehlrath, St. Jöris, Kinzweiler), Dürwiß und Weisweiler. Dürwiß ist mit 368 der stärkste. „Wir waren in Eschweiler schon zwischen 2000 und 3000“, betont Leo Rath, 67, der Vorsitzende in Dürwiß; die klassische Vereinsbindung gebe es heute einfach nicht mehr.

Was die Awo heute besonders auszeichnet? „Unsere Stärke ist es, auf Notsituationen und Wünsche kurzfristig zu reagieren“, sagt Manfred Schoenen, 66, der Weisweiler Ortsvorsitzende. So betrat die Awo 2015 Neuland in Sachen Integration von Geflüchteten, die mittlerweile fast schon zu den klassischen Feldern gehört, für die die Organisation Angebote schafft.

Gut besuchte Erzähl-, Frauen-, Näh- und Tanzcafés, Bingo-Abende, Hilfe für Bedürftige und Ältere im Allgemeinen, Karnevals- und Weihnachtsfeiern sowie Sprachkurse zählen zu regelmäßigen Terminen im Kalender. Unter einer großen Prämisse: „Wir können nicht leisten, was zum Beispiel das Quartier-Zentrum an der Marienstraße mit der Essensversorgung leistet“, betont Ladwig. „Es macht keinen Sinn, mit irgendwem in Konkurrenz zu treten.“

Beliebte Angebote weggefallen

Umgekehrt ist es aber schon so, dass die Awo heute etwas nicht mehr anbietet, was sie jahrelang gemacht hat, weil ihr Angebot irgendwann kein Alleinstellungsmerkmal mehr hatte. Stichwort: lange Ferienfahrten für Kinder und Ausflüge für Senioren. „Unsere Angebote samt Betreuung waren lange Jahre die einzigen, die sich die Leute leisten konnten“, betonen die drei Ortsvorsitzenden. Heute gibt es viele der damals beliebten Fahrten nicht mehr, auch weil die Hürden für qualifiziertes Personal höher geworden seien und die ehrenamtlichen Helfer fehlten.

Auch wenn die Awo einen Wandel durchlebt hat, die derzeitige Resonanz stimmt die lokal Verantwortlichen positiv. Doch trotzdem sagt Thomas Ladwig vorausschauend: „Auf Dauer sehe ich die Sozialverbände zusammengehen.“

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