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"White Horse Theatre" zu Gast an der Gesamtschule Eschweiler

Keine leichte Kost : „White Horse Theatre“ zu Gast an der Gesamtschule Eschweiler

Die Wellen des Meeres rauschen, Sirenen heulen. Ein junger Mann versteckt sich vor der Polizei. Diese findet ihn und fordert in barschem Ton, den Ausweis des Mannes einzusehen. Der Mann erklärt jedoch, die Papiere seien ihm gestohlen worden.

Für die Polizisten ist klar: Sie haben einen „illegalen Immigranten“ vor sich. Das Geld, das sie bei ihm finden, nehmen sie dem Mann ab. Dieser befreit sich aus den Armen der Polizei und rennt davon.

Schon die Auftaktszene des englischsprachigen Theaterstückes „The Tyrant’s Kiss“ (“Der Kuss des Tyrannen“), das drei junge Schauspieler des im westfälischen Soest beheimateten „White Horse Theatre“ am Donnerstag auf der Bühne des Pädagogischen Zentrums der Gesamtschule Waldschule aufführten, wies darauf hin, dass die kommenden rund 60 Minuten für die Schüler der Jahrgangsstufen acht und zehn keine leichte Kost, sondern ein politisch hochaktuelles Thema bereithalten würden. Nämlich die weltweiten Fluchtbewegungen.

Dabei liegt der Ursprung des von Peter Griffith geschriebenen Stückes mehr als vierhundert Jahre zurück. Denn „The Tyrant’s Kiss“ basiert auf dem Drama „Perikles, Prinz von Tyrus“ von William Shakespeare. Darsteller Toby Martin bereitete die erwartungsvollen Waldschüler dann auch unmittelbar vor Beginn der Vorstellung mehr oder weniger schonend darauf vor, dass ein (relativ kleiner) Teil des Stückes in „Shakespeare-Sprache“ zu hören sein würde. Was der Dramatik, aber auch der Aktualität des Werkes in keiner Weise einen Abbruch tat.

Im Gegenteil: Dem jungen Mann mit Namen Perry gelingt es, nachdem er der korrupten Polizei in einem Flüchtlingslager entkommen konnte, einen Platz in einem Boot zu ergattern, mit dem er hofft, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Doch das Boot kentert im Sturm und Perry strandet an der türkischen Küste, wo ihn die junge Thaisa und deren Mutter, die aktiv das Regime bekämpft und deshalb nicht mehr in Istanbul leben kann, sondern ihr Dasein im „Nirgendwo“ fristen muss, finden und aufnehmen.

Thaisa und der „illegale“ Perry verlieben sich, erhalten den Segen der Mutter und heiraten. Doch Perry wird von der Polizei gesucht. Die nächste Flucht auf einem Boot, diesmal in Begleitung seiner schwangeren Frau, steht an. Unterwegs erleidet Thaisa eine Frühgeburt. Dank einer Hebamme überlebt das Baby, Thaisa stirbt jedoch. Um seiner Tochter, der er den Namen Marina gegeben hat, dringend benötigte medizinische Hilfe zu ermöglichen, lässt sich Perry zum nächstgelegenen Hafen bringen. Dort wird er verhaftet. Perry bittet die Hebamme, sich um Marina zu kümmern. Diese willigt ein.

Perry wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt, während der er nicht mehr mit seinem Namen, sondern nur noch als „Häftling Nummer 13751“ angesprochen wird. „Ich habe alles verloren. Meine Frau und meine Tochter. Ich besitze weder Heimat noch Hoffnung“, ist er verzweifelt. Als Perry endlich aus der Haft entlassen wird, ist die Pflegemutter seiner Tochter gerade verstorben.

Die inzwischen 15-jährige Marina verlässt nach der Beerdigung das Wohnhaus, um auf Vermittlung von vermeintlichen Freunden eine Arbeitsstelle als Kindermädchen anzutreten. In Wahrheit soll sie zur Zwangsprostitution gezwungen werden. Doch ein Mann kauft sie frei. Perry begibt sich derweil auf die Suche nach seiner Tochter. „Um mein Leben neu beginnen zu können“, sieht er vielleicht doch noch einen Hoffnungsschimmer. Auch Marina ist überzeugt, „dass es immer Hoffnung gibt“. Schließlich begegnen sich die Beiden und Perry erkennt nach kurzem Zögern sein Kind. Vater und Tochter fallen sich in die Arme.

Lautstarker Applaus belohnte die Schauspielerinnen Lottie Bourne und Jessica Millot sowie ihren Kollegen Toby Martin. Umso verdienter, da das Trio auf Grund des krankheitsbedingten Ausfalls des vierten Darstellers enorm improvisieren musste und dies mit großer Spielfreude und Professionalität bewerkstelligte. „Einmal mehr eine bemerkenswerte Vorstellung eines Ensembles des ‚White Horse Theatres’“, zeigte sich auch Lehrerin Gisela Freialdenhoven, die die Kooperation mit dem Tourneetheater vor inzwischen rund 20 Jahren initiierte und nach wie vor mit Leben füllt, begeistert.

(ran)