Innovatives Hybrid-Flugzeug: Wenig Begeisterung fürs leise Lufttaxi

Innovatives Hybrid-Flugzeug : Wenig Begeisterung fürs leise Lufttaxi

Vor allem leise soll das geplante Lufttaxi sein, betonte Markus Wellensiek. Nicht lauter als eine Waschmaschine. Wellensiek ist Geschäftsführer der Air s.Pace GmbH, die das „Silent Air Taxi“ konstruiert und es auf dem Flugplatz Merzbrück erproben will.

Aber die meisten der zwei Dutzend Bürger aus St. Jöris und Röhe, die am Dienstag zu einem Informationsabend der CDU ins Kloster von St. Jöris kamen, wollen auch keine Waschmaschine am Himmel hören. Ihre Fragen und Kommentare reichten von milder Skepsis über Misstrauen bis zu völliger Ablehnung.

Zur Gründung der Air s.Pace GmbH im vorigen Jahr haben sich neun Institute der RWTH Aachen und der Aachener Fachhochschule zusammengeschlossen. Ziel ist die Entwicklung von leisen und umweltfreundlichen automatisierten Flugzeugen unter zwei Tonnen Gewicht mit einem Hybridantrieb aus Elektrobatterien und konventionellem Motor. Der Prototyp soll in dem geplanten Gewerbegebiet nördlich der neuen Start- und Landebahn des Flugplatzes Merzbrück gebaut werden. Sofern die neue längere Piste denn kommt.

Die ist seit mehr als 20 Jahren geplant. Uwe Zink, Geschäftsführer der Flugplatz Aachen-Merzbrück GmbH (FAM), berichtete am Dienstag den Bürgern, dass es über den Flugplatz-Ausbau kaum Neues zu berichten gibt. Merzbrück hat bisher eine Start- und Landebahn von 520 Metern Länge, eine der kürzesten in Deutschland. Nach den europäischen Sicherheitsnormen ist Geschäftsflugverkehr dort nur noch eingeschränkt möglich. Deshalb soll die Start- und Landebahn um 10 Grad geschwenkt und auf 1160 Meter verlängert werden.

Für die Ortschaft St. Jöris wurde als Folge des Ausbaus eine minimale zusätzliche Lärmbelastung von einem Dezibel errechnet. Seit einem Jahr ist der Planfeststellungsbeschluss rechtskräftig. Derzeit, so Uwe Zink, laufen noch zwei Klagen gegen das Vorhaben. Und die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Der Flugplatz-Umbau soll 6,68 Millionen Euro kosten, hieß es im Januar. „Der Bau selber ist kurzfristig machbar, mit einer Bauzeit von sieben bis acht Monaten“, versicherte Zink.

Sehr viel neuer als die Pläne, den Flugplatz zu erweitern, sind die Planungen der Aachener Forscher und Entwickler für den Bau eines Lufttaxis. Sie sind auf dem Ausbau des Flugplatzes angewiesen, denn die längere Landebahn und das Gewerbegebiet, in dem die Forschungshangars gebaut werden sollen, hängen zusammen. Sowohl für den Flugplatz-Ausbau als auch für das Aachener Forschungsprojekt werden Zuschüsse und Fördergelder des Landes erwartet.

Die Politiker in der Region erhoffen sich von dem Projekt zusätzliche Arbeitsplätze, wenn das Lufttaxi in Merzbrück nicht nur erprobt, sondern auch in Serie gebaut wird. Die Arbeitsplätze seien auch dringend notwendig, argumentiert der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Eschweiler Stadtrat Willi Bündgens, denn das Ende der Braunkohlenförderung sei absehbar. Auf den Strukturwandel müsse man sich rechtzeitig vorbereiten.

Dafür, dass aus der Idee der Aachener Forscher ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen erwachsen kann, sprechen die bisherigen Erfolge, für die auch der Name des Geschäftsführers der RWTH Aachen Campus GmbH, Professor Günther Schuh, steht: der Elektro-Transporter Streetscooter, der an die Deutsche Post verkauft wurde, und das Elektro-Stadtauto e.Go, das kurz vor dem Produktionsstart steht und in der Region gebaut werden soll. Dort gibt es jetzt bereits 160 Mitarbeiter. Schuh steht auch hinter der Lufttaxi-Idee und drohte bereits damit, das Projekt nach Stuttgart zu verlagern, wenn es mit Förderung und Flugplatz-Ausbau in Nordrhein-Westfalen nicht klappt.

„Rausgeschmissenes Geld“

Das mit Stuttgart wäre einigen Bürgern, die am Dienstag in der altehrwürdigen Klosterkirche von St. Jöris saßen, durchaus recht. „Warum muss es denn Merzbrück sein? Gibt es keine anderen, größeren Flugplätze?“ fragte zum Beispiel eine Bürgerin. Dahinter steht die Hoffnung, dass der Ausbau des Flugplatzes sich um weitere Jahre verzögert und dann vielleicht sogar ganz zu den Akten gelegt wird. Die Entgegnung, dass ein solches Projekt auch Chancen für die Region bringe, wurde mit Skepsis aufgenommen. „Wie wollen Sie Menschen in die Region holen, wenn die zugleich durch mehr Flugbetrieb belästigt werden? Die wollen doch nicht hier wohnen!“, wurde argumentiert.

Immer wieder wurde nach der Finanzierung sowohl des Flugplatz-Umbaus als auch der Aachener Uni-Forschung gefragt: „Ist das Projekt gestorben, wenn es kein Geld vom Land gibt?“ FAM-Geschäftsführer Uwe Zink versicherte, es bestehe in zwei Landesministerien die Absicht, das Forschungsprojekt zu fördern, eine sichere Zusage gebe es aber noch nicht.

Wenn es die Zuschüsse gäbe, wären das „rausgeschmissene Steuergelder“, meinte einer der Besucher. „Hier werden Millionen für eine kleine wirtschaftliche und wissenschaftliche Elite ausgegeben.“ Und das Ganze werde, da war sich ein anderer Besucher sicher, „mehr Lärm bringen, der jetzt schon unerträglich ist“. Die den Skeptikern gegenüber sitzenden Befürworter des Projekts hielten dagegen, sie haben vor allem die Zukunft der Region im Blick.

Zum einen als Forschungsstandort: „Wir machen Spitzenforschung, um die uns andere Unis beneiden“, versicherte Maximilian Spangenberg von der Air s.Pace GmbH. Zum anderen wegen der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Strukturwandel: „Wir müssen jetzt Entwicklungen anstoßen, die künftig Arbeitsplätze bringen“, sagte Uwe Zink. Dem Argument, das geplante „Silent Air Taxi“ sei nur etwas für reiche Leute, widersprach Markus Wellensiek: „Der Betrieb soll günstig sein und auf lange Sicht ein Angebot für breite Schichten der Bevölkerung.“

Baubeginn noch offen

Die Bedenken der Besucher der CDU-Veranstaltung räumte das nicht aus. „Ich bin skeptisch, und ich bleibe skeptisch“, versicherte einer.

Für den Flugplatz-Ausbau gibt es eine erste sichtbare Vorbereitung. Auf dem Areal laufen derzeit archäologische Grabungen. Die Wissenschaftler des Landschaftsverbandes erwarten Funde aus fränkischer Zeit und Römerzeit. Eine unbefestigte Römerstraße hat man bereits entdeckt, berichtete Zink. Aber wann der Ausbau des Flugplatzes Merzbrück tatsächlich begonnen wird, konnte noch keiner der Anwesenden sagen. Jonas Wintz, der Vorsitzende der CDU-Ortsverbandes Nord-West, der die Diskussion auch geleitet hatte, versprach den Besuchern: „Wir werden Sie über die Entwicklung auf dem Laufenden halten.“ Damit die Leute in St. Jöris nicht überraschend mehr Waschmaschinen hören, als sie im Keller haben.

Mehr von Aachener Zeitung