Eschweiler: Weihnachten in der neuen Heimat: Craciun fericit! Frohes Fest!

Eschweiler : Weihnachten in der neuen Heimat: Craciun fericit! Frohes Fest!

Das Gebäck steht schon bereit, die Kerzen auf dem Adventskranz warten darauf, angezündet zu werden. Doch zunächst steht noch Unterricht auf dem Programm. Lehrerin Olga Busse erläutert, was sich hinter Relativsätzen verbirgt.

Dazu gehören natürlich grammatikalische Feinheiten wie Akkusativ, Dativ und Nominativ. Da kann selbst der hier geborene Eschweiler ins Schwimmen kommen, ganz zu schweigen von Menschen, in deren Muttersprache solche Unterscheidungen nicht vorkommen. Aber der Integrationskurs fordert eben und kann wenig Rücksicht nehmen auf die vorweihnachtliche Zeit. Am 22. Januar steht schließlich der nächste Test auf dem Programm.

Das am Mittwoch beginnende Weihnachtsfest wird das erste sein, dass die Teilnehmer in ihrer neuen Heimat, in Eschweiler erleben. Manche packte jedoch das Heimweh, sie haben sich zu ihrer Familie aufgemacht. Zum Jahresabschluss des Kurses unter der Leitung von Olga Busse werden nach der Grammatik Spezialitäten aus unterschiedlichen Ländern aufgetischt. Was nach zehn Monaten Kurs auffällt: Die Teilnehmer unterhalten sich auf Deutsch. Da spricht der Portugiese Nuno mit dem Rumänen Nico, die Russin Olga unterhält sich mit der Griechin Dimitra in der Pause. Alles auf Deutsch. Wo der Wortschatz nicht ausreicht, wird mit Händen und Füßen beschrieben, was man meint.

Nach zwei Stunden Grammatik wird es dann doch besinnlich im Kursraum, einem Klassenraum der Realschule Patternhof, der nach Schulschluss von der Volkshochschule genutzt wird. Viele haben etwas Leckeres mitgebracht. Nico holt das Essen sogar extra von zu Hause, damit es noch warm auf den Tisch kommt. Mit einigen Handgriffen sind die Tische zusammengeschoben und etwas weihnachtlich dekoriert. Im Hintergrund säuseln Weihnachtsklassiker. Mitsingen kann auch jeder: Olga Busse verteilt Zettel mit dem Text von „Oh Tannenbaum“. Manchem Kursteilnehmer ist dieses Lied schon zu besinnlich.

Die Runde gibt Gelegenheit, über das Fest zu sprechen. Auch in den ehemaligen Heimatländern. Schnell wird deutlich, eine Tradition ist offensichtlich überall gleich: Weihnachten verbinden die Menschen mit festlichem Essen im Kreise der Familie. Dies gilt selbst für Syrien, also ein Land, in dem die meisten Menschen dem Islam angehören. Jasmin, die junge Syrerin, berichtet von den Geschenken, die dann verteilt werden. Ob auch Muslime Weihnachten feiern? „Ein bisschen“, sagt sie.

Die Osteuropäer und Griechen im Integrationskurs sind zwar Christen, allerdings Orthodoxe. Für sie steht Weihnachten eigentlich erst am 7. Januar auf dem Kalender. Süßigkeiten werden dann verteilt, es wird gegessen und getrunken — man feiert gemeinsam mit den Familien und Freunden. „Ich weiß nur, dass ich Weihnachten immer drei Kilogramm schwerer geworden bin“, berichtet Nico. Auch das kennt man hierzulande. In diesem Moment sind die Unterschiede zwischen den Ländern ganz klein. Also alles ganz einfach, ganz leicht in der neuen Heimat? Heimweh will keiner eingestehen. „Aber ich denke noch nicht an Weihnachten“, sagt die gebürtige Russin Olga, „für Weihnachten fehlt mir hier einfach der Schnee!“

Dass sich die Teilnehmer des Intergrationskurses mit der Nummer 29 dennoch gut eingelebt haben, lässt sich an Zahlen festmachen. Die A2-Prüfung haben sie in der Tasche. Viele haben die Höchstpunktzahl 15 in Teilbereichen geholt, also im Lesen, Hören oder Schreiben. Die Prüfung weist nach, dass sich die Menschen in Alltagssituationen gut verständigen können. Bis zum Abschlusstest sind aber noch einige Unterrichtsstunden zu absolvieren.

Im Klassenraum wird ohnehin nur Deutsch gesprochen. Dies war schon in der ersten Stunde im Klassenraum der Fall. Grammatik und Vokabeln werden gleichzeitig vermittelt, wie auch das Beispiel der Relativsätze zeigt. Alles, was zu einem Haus gehört, wird in den Übungen behandelt: Schlüssel, Türen, Fenster, Geschosse und mehr. Stures Vokalpauken ist passé, die Worte werden in der Praxis geübt. Das hört sich dann so an: „Wo ist der Schlüssel? Die Frau sucht den Schlüssel“, gibt Olga Busse vor. Die Antwort: „Der Schlüssel, den die Frau sucht, liegt auf dem Boden“, antwortet Nico.

Mit großen Hoffnungen sind Jasmin, Nico & Co. nach Eschweiler gekommen. Von ihrer Zuversicht haben sie nichts verloren. Viele Wünsche fürs Weihnachtsfest haben sie nicht: Die Gesundheit steht an erster Stelle. Und sie möchten noch mehr von der Stadt kennen lernen. „Heiligmorgen“ gehört auch dazu. Olga Busse berichtet von der Tradition, dass sich viele Indestädter am Morgen des 24. Dezember auf dem Marktplatz und an der Schnellengasse treffen, um beim Glühwein alte Bekannte und Freunde zu treffen. So etwas kennen die Kursteilnehmer in ihrer alten Heimat nur von Silvester.

Jetzt sind Ferien für die Menschen im Integrationskurs. Im neuen Jahr werden sie viel zu berichten haben. Vom ersten Weihnachten und Jahreswechsel in Eschweiler. Dabei ist das Fest schon lange international: Was erklang als erstes Lied bei der kleinen Weihnachtsfeier im Klassenraum? Richtig, Whams Klassiker „Last Christmas“.

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