Vortrag zum Thema Antisemitismus: Ein Problem der ganzen Gesellschaft?

Vortrag zum Thema Antisemitismus : Ein Problem in allen sozialen Schichten?

Das „Leben nach dem Überleben“ ist in der Herz-Jesu-Kirche zu sehen. Die Ausstellung, die sich mit Überlebenden des Holocausts und deren Familien auseinandersetzt, bot nach der Vernissage nun einen Vortrag zum Weltbild Antisemitismus mit dem Experten Tom Uhlig.

Er ist Teil des Teams der Bildungsstätte Anne Frank Zentrum für politische Bildung und Beratung Hessen und beleuchtete die verschiedenen Formen der Ablehnung gegenüber des Judentums und zeigte, dass Antisemitismus ein vielschichtiges Problem ist.

Dass dem Angebot des Vortrags nur eine Hand voll Interessierte folgten, bedauerten die Organisatoren rund um das Kommunale Integrationszentrum der Städteregion Aachen, denn der Referent Tom Uhlig war extra aus Frankfurt amMain angereist. Nichtsdestotrotz ließ er sich nicht davon abhalten – wie er sagt seinem „Exklusivpublikum“ – in die Herausforderungen der Arbeit mit und gegen Antisemitismus einzuführen.

Schüler als Problemgruppe

Sensibel muss mit dem Thema umgegangen werden, erklärt Uhlig, denn obwohl oftmals Schüler als Problemgruppe identifiziert werden, die das gegen Juden gerichtete Feindbild in sich tragen, sollte auch bei den Lehrern angesetzt werden. Insgesamt könne aber nicht eine Gruppe oder ein Milieu für die ablehnende Haltung verantwortlich gemacht werden, denn Antisemitismus ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten hindurch.

Um jedoch abzustecken, was sich hinter dem häufig verwendeten Begriff verbirgt, klärte Uhlig auf, was Antisemitismus ist und wo es in Erscheinung tritt. Neben der emotionalen und wenig rationalen Bindung an ein Feindbild, das wenig mit dem tatsächlichen Verhalten von jüdischen Menschen zu tun hat, passe sich das Weltbild an die Erfordernisse der Gegenwart an.

Auf diese Weise unterscheiden sich historisch bedingt verschiedene Formen: Angefangen vom Antijudaismus, der die Ursache für Naturereignisse wie zum Beispiel die Pest im Judentum verortet, gibt es einerseits den modernen Antisemitismus, der sich auf gesellschaftliche Kehrseiten neuzeitlicher Tendenzen bezieht und andererseits den sekundären Antisemitismus, verbunden mit der Leugnung und der Relativierung des Holocausts. Zudem seien heutzutage Verschwörungstheorien und auf Israel bezogener Antisemitismus häufig verbreitet, bei denen vor allem Konflikte in der Welt auf das Judentum projiziert werden.

Zwischen den fachlichen Erläuterungen nannte der Vortragende Uhlig auch einzelne Fallbeispiele, die praxisnah zeigten, wie es um Judenfeindlichkeit bestimmt ist. So würden solche Gedanken oftmals nicht nur direkt geäußert, sondern treten auch subtiler in Erscheinung. Laut Statistiken, die Uhlig präsentierte, ist Antisemitismus nicht zwangsläufig durch die Religion bestimmt, vielmehr sei sie in verschiedenen Nationalstaaten unterschiedlich stark ausgeprägt.

Die Quintessenz des Vortrags war aber, dass das Weltbild nicht nur in extremen Milieus vorkommt, sondern sich in verschiedensten sozialen Gruppen lokalisieren lasse. Daher sei Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, das möglichst differenziert angegangen werden müsse.

Die eine Lösung hatte Uhlig allerdings nicht auf Lager, wichtig war ihm die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Hierbei leistet die Bildungsstätte Anne Frank Zentrum für politische Bildung und Beratung Hessen insofern Arbeit, da sie für diverse Altersgruppen Fortbildungen zum Thema anbietet. Nach dem Prinzip „Peers for Peers“ sollen Gleichaltrige Erkenntnisse vermitteln, so kommen zum Beispiel bei Jugendlichen eher jüngere Mitarbeiter der Institution zum Einsatz.

Im Anschluss an den rund einstündigen Vortrag von Tom Uhlig gab es schließlich noch Gelegenheit für Nachfragen und Diskussionen, die die Zuhörer interessiert wahrnahmen, um sich dem Thema anzunähern.