Eschweiler: Vortrag beim Neujahrsempfang: Anstand - was ist damit eigentlich gemeint?

Eschweiler : Vortrag beim Neujahrsempfang: Anstand - was ist damit eigentlich gemeint?

Anstand! Wofür ist er wichtig? Was bedroht ihn? Was ist damit eigentlich gemeint? Welche Rolle sollte er in einer lebenslangen Erziehung spielen? Und warum tue ich mich schwer mit diesem Begriff? Fragen, mit denen sich Professor Dr. Andreas Wittrahm während seines Vortrags im Rahmen des gut besuchten Neujahrsempfangs im Haus St. Josef — Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, eingehend beschäftigte.

Unter der Überschrift „Jenseits von Knicks und Diener oder: Über den Zusammenhang von Respekt und Selbstbewusstsein“ setzte sich der Honorarprofessor für Psychologie an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln, zunächst kritisch mit der Geschichte und dem Sinn dieses Terminus auseinander, um den Anstand während seiner Ausführungen mehr und mehr durch den Begriff „Respekt“ zu ersetzen.

Schamlose Regelverletzungen

„Anstand“ habe bis weit über die Nachkriegszeit hinaus meist für „ordentliche“ Kleidung, saubere Fingernägel und vor allem unauffälliges Verhalten gestanden. „Mit ihm war die nicht zu hinterfragende Anpassung an damals gültige Konventionen verbunden. Deshalb ist der Begriff, dessen Zwillingsbrüder die Artig- beziehungsweise Unartigkeit sind, für mich zumindest relativ zu betrachten“, begann Professor Dr. Andreas Wittrahm. In einer Zeit, in der schamlose Regelverletzungen auch in der Politik oder der Wirtschaft nichts ungewöhnliches, jedoch vor allem in den sogenannten Sozialen Medien immer häufiger zu bemerken seien, scheine die Beschäftigung mit dem Thema jedoch wieder drängender zu werden.

So sei der Ausgangspunkt, warum er von Wolfgang Gerhards, Leiter des Hauses St. Josef, angesprochen worden sei, als Redner beim Neujahrsempfang zu agieren, das vielbesprochene Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ von Axel Hacke gewesen. Mit der darin enthaltenen Forderung des Autors nach Solidarität mit den Mitmenschen kann sich Professor Dr. Andreas Wittrahm sehr gut anfreunden. Doch vor allem gehe es ihm darum, zu verstehen, warum es zu den vielfach hemmungslosen Entgleisungen komme: „Zum einen ist bei vielen Zeitgenossen eine Verunsicherung zu spüren, die im Gefühl mündet, nicht nur nicht ernstgenommen, sondern verachtet zu werden.“

Das immer wieder vorkommende „sich lustig machen“ über Menschen, denen die gesellschaftlichen Veränderungen zu schnell gingen, zeige einen dramatischen Respektsverlust auf beiden Seiten der Medaille. Darüber hinaus werde die „Erzeugung von Aufmerksamkeit“ für viele Menschen immer wichtiger, wobei häufig die Quantität vor der Qualität komme. „Und Tabuverletzungen bringen nun einmal Aufmerksamkeit“, konstatierte Professor Dr. Andreas Wittrahm, der als Gegenmittel die gegenseitige Wahrnehmung und Wertschätzung empfiehlt.

Respekt müsse, auch in der Erziehung, das Leitmotiv sein. „Damit meine ich, mein Gegenüber umfassend im Blick zu haben, den anderen Menschen ernstzunehmen, ihm zu zeigen, dass er mich etwas angeht und das Beste von ihm anzunehmen.“ Alle Menschen schuldeten einander Respekt. „Und dies gilt nicht zuletzt aus christlicher Sicht auch und gerade dem Geringsten gegenüber“, unterstrich der Bereichsleiter „Facharbeit und Sozialpolitik“ im Caritasverband für das Bistum Aachen. Der Grundsatz müsse lauten: „Du bist es mir Wert, dass ich mich auf dich einlasse.“

Die Umsetzung erfordere Empathie und auch Mut als Basis. Doch die vielleicht vornehmste Tugend eines Christen sei eben der Respekt im Sinne von Gleichwürdigkeit, so der Referent, der seine Zuhörer aufforderte, nicht zu übersehen, dass viele Menschen nicht entmutigt seien. „Ich bin überzeugt, dass die Zeit, in der wir leben, nicht schlechter ist als früher, sondern anders“, schloss Professor Dr. Andreas Wittrahm.

Zuvor hatte Wolfgang Gerhards ein durchaus positives Fazit des Jahres 2017 gezogen, in dem die Flüchtlingsthematik nicht mehr so im Vordergrund gestanden habe wie in den beiden Jahren zuvor. „Wir konnten das Projekt in der ehemaligen Pfarrkirche St. Michael, die zwei Jahre lang als Anlaufstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge diente, Ende des vergangenen Jahres abschließen. Alle Jugendlichen wurden vermittelt. Alle Mitarbeiter übernommen“, berichtete der Einrichtungsleiter, der allen am Projekt beteiligten Personen dankte, „das Wagnis eingegangen zu sein“. Es sei gute Arbeit geleistet worden. Ein weiteres wichtiges Thema der zurückliegenden Monate sei die gemeinsam mit den Jugendämtern der Städteregion Aachen auf den Weg gebrachte neue Konzeption in Sachen „Inobhutnahme“, bei der man sich auf der Zielgerade befinde. Tatsache sei darüber hinaus, dass die Nachfrage nach Unterbringungsplätzen weiter steige.

„Weiter investieren“

„Deshalb haben wir uns entschlossen, zu investieren. Wir planen, auf dem Gelände der ehemaligen Pfarrkirche St. Michael zwei weitere Gruppen mit je neun Plätzen einzurichten. Der Bauantrag wird unmittelbar bei der Stadt gestellt werden“, so Wolfgang Gerhards, der im Fachkräftemangel sowie der Inklusion große Themen für die nahe und nächste Zukunft sieht. „Klar ist: Wir benötigen Personal“, machte der Leiter des Hauses St. Josef unmissverständlich deutlich, bevor er allen Mitarbeitern für die geleistete Arbeit, bei der die Grenzen der Belastbarkeit nicht selten überschritten worden seien, dankte.

(ran)
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