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Eschweiler Music Festival: Von Orkanböen, Klettertouren und Lockenwicklern in 30 Jahren EMF

Eschweiler Music Festival : Von Orkanböen, Klettertouren und Lockenwicklern in 30 Jahren EMF

30 Jahre EMF – drei Dekaden voller Musik von Jazz bis Pop. Ein kleiner Blick in die „Klamottenkiste“ des Festivals.

Der Tag danach startete wohl bei manch einem mit einem Kater. Abends zuvor in diesem Sommer 1992 hatte der mittlerweile verstorbene Chris Barber mit seiner Jazz- und Bluesband die ersten Eschweiler Jazztage (EJT) eröffnet. Nach seinem Konzert im Zelt an der Preyerstraße ging eine seiner Posaunen im Spiegelzelt nebenan in die wohltätige Versteigerung. Amerikanisch. Das Zelt war voll und die Luft trocken. Das Teil ging schließlich – ein paar Stangen und Tulpen später – an Urgestein „Männ“ Dohmen, der nicht nur ein überzeugter Karnevalist, sondern auch ein ausgesprochener Jazz-Liebhaber war.

Festivaltag zwei startete regional. „Step by Step“, meiner einer mit „Saturday Night Fish Fry“ und „Scetches“ aus Aachen. Der lokale/regionale Aspekt, heute quasi die Kneipenrallye, war von Anfang an Teil des Festivals. Ein im Nachhinein bewegender Moment, beim Erstling richtig live auf der Bühne mit dabei gewesen zu sein. Und aus Scetches-Trompeter Christoph Titz, auch ein Eschweiler Jung, ist ja dann auch richtig was geworden. Die Gage gab‘s von Hajo Schroiff, selbst begnadeter Tastendrücker auf der Quetschbüll. Hajo Schroiff ist ein gutes Beispiel: Ohne die vielen Freunde und Bekannte und Enthusiasten, die das Festival gerade in den Anfangsjahren am und im Festival-Zelt „im Tausch“ gegen ein anschließendes Helferfest ehrenamtlich unterstützten, wäre es wohl nicht viel geworden mit dem, was heute Eschweiler Music Festival heißt und nun 30-jährigen Geburtstag feiert.

Zwischen „Dicke Tromm“ und „Trömmelche“

 Ist schon ein wenig her: Teile der King Zulu Brassband und begeistertes Publikum vor dem Festival-Zelt.
Ist schon ein wenig her: Teile der King Zulu Brassband und begeistertes Publikum vor dem Festival-Zelt. Foto: Max Krieger

Nun waren und sind es ja nicht gerade die Metropolen, in denen in Deutschland „moderner Jazz“ hochgehalten wurde und wird: Aber immerhin – es gab und gibt Moers oder die Leverkusener Jazztage. Könnte das in einer Stadt, deren Rhythmus eher Richtung „Dicke Tromm“ und „Trömmelche“ tickt, funktionieren? Die Idee von Max Krieger klang verrückt – verrückt genug, um sie zu unterstützen, auch medial. Auch die Geschäftswelt war von Anfang an dabei, es gab etwa Schaufenster-Wettbewerbe. Und der damalige Amtsleiter – und spätere Dekaden-Bürgermeister Rudi Bertram – sorgte kurzfristig und auf kurzem Dienstweg dafür, dass sich ein Strom-Problem schließlich doch noch in reichlich Watt auflöste. Die ganze Stadt war irgendwie auf den Beinen für „sein“ Festival. Später kam es auch zur Gründung eines Jazzclubs, der seine Aktivitäten aber seit einigen Jahren eingestellt hat.

Wer die Musik bestellt bestimmt zwar was sie spielen möge, muss aber auch zahlen. Konnte man mit „Nischen-Musik“ ein Viermaster-Zelt vollmachen? Das Risiko war hoch, aber Größen wie Jasper van’t Hof (mit „Pili-Pili“), Klaus Doldingers Passport und eben auch Barber spielten schließlich vor vollem Zelt. Bei Doldinger wäre es allerdings fast weggeflogen: Ein heftiger Orkan tobte über die Stadt. Krieger und die Helfercrew hielten buchstäblich das Zelt fest, während die „Spatencrew“ um Äu Lersch einen Wassergraben anlegte.

 Das Festivalgelände an der Preyerstraße 1992.
Das Festivalgelände an der Preyerstraße 1992. Foto: Max Krieger

Schöne Augen für roten Wein

Dem Musik-Gott sei es gedankt, hing in der langen Geschichte nur noch ein Konzert derart am seidenen Faden. Status Quo wäre zwar nicht ins Wasser gefallen, sondern quasi verbrannt. Die Sonne stand hoch über dem Markt und zerbrutzelte den Bühnenmischer zu digitalem Klump. Zufall, dass sich ein altes Analog-Pult im Auto eines Bühnenarbeiters fand. Jede Menge Umsteckerei, kein Soundcheck, verspäteter Anfang – aber dann doch ein englisches Boogie-und Rock’n‘Roll-Gewitter, das sich gewaschen hatte.

 Deutschlands Jazz-Impressario Klaus Doldinger anlässlich der 2. Eschweiler Jazztage mit Veranstalter Max Krieger.
Deutschlands Jazz-Impressario Klaus Doldinger anlässlich der 2. Eschweiler Jazztage mit Veranstalter Max Krieger. Foto: Max Krieger

Ein seidener Faden der etwas anderen Art war Marla Glen. Da firmierte das Festival schon als EMF, war aber immer noch im Zelt beheimatet. „Die Glen“ galt als „schwierig“, auch weil sie immer mal wieder gern mit dem ein oder anderen Fläschchen roten Weines liebäugelte. Aber auch für eine von Krieger ihr extra zur Seite gestellte „Bodyguardin“, die sich nach Kräften mühte, Fräulein Glen bei Laune zu halten, war am und Wohnwagen Ende Gelände. Ende der Geschichte: Der Veranstalter musste höchstpersönlich durchs Fenster (die Tür war verschlossen) kraxeln, um Madame, zwischen besagten Fläschchen schlummernd, für den Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes „klar“ zu kriegen. Ob daher der Begriff „Klettermaxe“ abgeleitet werden kann? Das Konzert war dann trotz einiger Torkler und „genuschelter“ Ansagen ein „voller“ Erfolg.

Halb frisiert zum Shopping in die Stadt

In der Abteilung Kopfkino landet Bobby Byrd klar auf Platz eins: Interviewtermin backstage beim Erfinder von „Sex Machine“ (Byrd, 2007 verstorben, war lange Musikalischer Leiter bei James Brown) im Künstler-Wohnwagen: Klopf, klopf – „Come in“. Du öffnest die Tür und da sitzt der Maestro mit einem Friseur-Cape um den Hals vor dem Spiegel, eine ziemlich große „Zigarette“ in der Hand und … Lockenwicklern im Haar. Das hatte in der Bobby-Byrd-Show offenbar Methode. Also jetzt der Friseur. Seine Background-Sängerinnen ließen sich nämlich gleichzeitig im Salon Külzer die Haare machen. Eine Pause – die Anwendung an den getürmten Frisuren hatte zu trocknen – nahmen die Damen jedenfalls als willkommene Gelegenheit, halb frisiert und besagte Wickler fest verankert, durch die Stadt zu schlendern und zu shoppen. Ein Bild für die Göttinnen …

In den Tagebüchern findet man manch Ameröllchen und manch eine Schote und aber auch zahlreiche Klippen, an denen vorbei zu lavieren fester Bestandteil der Kür einer jeden „Festival-Meisterschaft“ ist. Zum Beispiel am damaligen Tour-Manager von Anastacia, so breit wie hoch im Schultermaß und mit einer kommunikativen Stringenz erster Güte gesegnet. Kerninhalt: Das Gesetz auf dem Platz bin ich. Fotos nur die ersten drei Stücke! Ein Kollege drückte bei Nummer vier noch auf den Auslöser und durfte sein Gerät nach dem Konzert bei der Security abholen, Tausenden Fan-Handys zum Trotz. Die Klippe 2022 heißt u.a. Corona. Die italienische Opengala hat der Virus erwischt, das Konzert muss ausfallen. Die Queen-Revival-Band geht produktionstechnisch nicht durch. Dafür spielt „ABBA Review“ und das, wie früher, ohne Eintritt.

„Hier steht ein Bus mit merkwürdigen Gestalten. Eine ausgesprochen schöne Kür zauberte die Blues Brothers Revival Band seinerzeit aufs Parkett. Beim Veranstalter schrillten die Alarmglocken als der Mann am Eingang meldet: „Hier steht ein Bus mit merkwürdigen Gestalten. Ich glaube die haben getrunken und wollen hier rein.“ Der Veranstalter eilt zum Tatort, öffnet die Bustür. Entgegen kommen ihm nicht nur ein latenter Bier-, Schnaps- und Weingeruch, sondern auch besagte Gestalten, torkelnd und wenig Herr ihrer Sinne scheinend.

Einer lallt „Wir sind die Band, wo geht’s zur Bühne“ und legt sich anschließend aufs Gesicht. Krieger bugsiert den Tross erstmal Backstage, hat noch was anderes auf der Liste und kontaktiert dann den Moderator. Tenor: Man müsse sich etwas einfallen lassen, die Band sei sturzbe… und könne wohl nicht auftreten. Der Moderator staunt Bände: „Nee, nee, die stehen brav und akkurat dahinten und warten, dass es losgeht…“. Für ihre Schauspielkunst vor des Veranstalters Augen hätte die Band sicher einen Bambi verdient gehabt …