Eschweiler: Von Köbchens Fränz und Verzällschere

Eschweiler: Von Köbchens Fränz und Verzällschere

Ferdinand Keuter erinnert sich noch sehr gut an seine Kindheit und Jugend in Röthgen. Aufgewachsen ist er an der Burgstraße, später wohnte er an der Röthgener Straße. Er hat noch die Bilder im Kopf, als dort Soldaten entlangmarschierten und Panzer über den Asphalt rollten.

Ebenso denkt er oft an Köbchens Fränz und Huppertze Hermännchen zurück. Bereits vor einigen Jahren hat er die Geschichte und Geschichten Röthgens in einem 450 Seiten starken Buch zusammengetragen.

Ferdinand Keuter hält viele Erinnerungen lebendig: Das Bild oben zeigt den Blick in Richtung der Mittelstraße. Das Haus auf dem kleinen Bild in der Mitte beherbergte ab 1920 das Möbelhaus Kleifges, ab dem Jahr 1949 das Farbengeschäft Keuter. Ohne Karneval geht natürlich auch in Eschweiler-Röthgen nichts. Das Bild in der Mitte rechts zeigt den Karnevalszug aus dem Jahr 1950. Auch die letzte Fahrt der Postkutsche vom Hauptbahnhof in die Stadt zur Post am 31. Juli 1921 hat Ferdinand Keuter in seinem Buch festgehalten.

Ferdinand Philipp Keuter — wie er mit vollem Namen heißt — hat schon immer viel aufgeschrieben. Wie sein Vater absolvierte er zunächst eine Lehre und erwarb dann auch den Meisterbrief im Malerhandwerk. So wirklich angetan hatte es ihm dieser Beruf jedoch nie, und so arbeitete er schließlich im Vertrieb von Tapeten. 100.000 Kilometer legte der passionierte Autofahrer gut und gerne jährlich in seinem Wagen zurück. Klar, dass man dabei jede Menge erlebt. Keuter notierte sich seine Erlebnisse — und er fotografierte viel.

1952 Der Röthgener Hof, wie er fast noch heute aussieht, das Haus von Moitzheim in der Mittelstraße feht noch

In der „Dunkelkammer“

Hat viele spannende Geschichten aus Röthgen aufgeschrieben: Ferdinand Keuter.

Seine Spickzettel legte er aber immer beiseite. 1996 ging dann sein Arbeitgeber pleite, und Ferdinand Keuter wurde Frührentner. „Ich habe dann erstmal zwei Jahre lang Trübsal geblasen“, blickt Keuter zurück. Er berappelte sich jedoch und erinnerte sich an die vielen kleinen Spickzettel. Inzwischen war er mit seiner Frau und den vier Kindern nach Gressenich gezogen. Bereut hat er das nie. „Die Röthgener Straße und die Burgstraße sind ja nicht mehr das, was sie früher mal waren“, sagt er.

Erfahrung mit Kamera & Co. hatte er übrigens schon vorher gesammelt. Bereits 1953 bekam er eine Box-Kamera und einen Rollfilm geschenkt und testete diese in der eigenen „Dunkelkammer“ — also im Badezimmer mit Rollo vor dem Fenster. 1977 war er maßgeblich beteiligt an einer Fotoausstellung der Film- und Fotofreunde Eschweiler mit dem Titel: „Eschweiler gestern und heute“.

Auch deswegen befinden sich auf Keuters Rechner heute rund 26.000 Negative. Mit Computern kannte er sich anfangs gar nicht aus. Erste PC-Kontakte hatte er 1985 mit einem Commodore 64. „Mein erster Laptop hatte 1993 unglaubliche 80 MB, Word und Excel“, erinnert sich Keuter und grinst. Natürlich hat der Computer ihm die Arbeit in Sachen Archivierung erheblich erleichtert.

Seine Spickzettel hatte der 1938 geborene Wahl-Stolberger allesamt mit Datum versehen, und so fiel ihm das Sortieren leicht. Die vielen Erinnerungen an seine Reisen — ob beruflich oder privat — hat er in mehreren Büchern zusammengetragen.

Die einstige Actienstraße

Neben den vielen Erinnerungen an seine Reisen hatte er auch viele an die Heimat, vor allem die Röthgener Straße. Diese hieß von 1822 an zunächst Actienstraße und wurde mit Stadtratsbeschluss vom 20. Juli 1883 in Röthgener Straße umbenannt. Die ehemalige Römerstraße (auch Steinweg genannt) von Aachen über Eilendorf, Stolberg, Röthgen, Eschweiler nach Jülich ist heute noch Hauptverkehrsachse und Landstraße.

Actienstraßen waren einst Privatstraßen, die von der Aktiengesellschaft unterhalten wurden. An den Ortseingängen, so auch in Röthgen, befanden sich Barrieren, an denen man Wegezoll zahlen musste. 1884 wurden die Actienstraßen vom Provinzialverband (heute Landesbetrieb Straßenbau) übernommen.

Et Hermännchen

All das und noch viel mehr kann man auch in seinem Buch erfahren. „Zu den Ereignissen aus Kindertagen kam immer mehr das spätere Umfeld dazu. Ich habe meine Arbeit mit den Stationen eines Rosenkranzes verglichen, nach der ersten Perle greift man unwillkürlich nach der nächsten. Mein Erinnerungsvermögen wurde dadurch geschliffen“, sagt er über die Herangehensweise.

Darüber hinaus hat der dreifache Großvater einige Artikel für „Spiegel online“ verfasst. Zwischenzeitlich wurde er in der Rangliste der fleißigsten Autoren gar auf Rang eins geführt. Unter der Rubrik „Eines Tages“ sind seine Artikel auch heute noch dort zu finden.

Übrigens: Köbchens Fränz war ein gut situierter Junggeselle und Besitzer einer Druckerei (heute Rosenbaum). Er war gerne in Gesellschaft, und die fand er immer in einer Gaststätte. Von ihm gibt es nette Verzällschere. Hier ein Beispiel: Zu vorgerückter Stunde war Fränz in der Wirtschaft Stahl in bester Laune und sang eine junge Frau an: „Mädchen ich bin dir so gut, Mädchen ich kauf dir ‘nen Hut.“

Das Mädchen packte die Gelegenheit beim Schopf und Fränz bei der Hand, schleppte ihn mitten in der Nacht zur nächsten Modistin, und sie bekam ihren Hut. Das Modegeschäft könnte Röthgener Straße, Haus 61, gewesen sein.

Hermännchen aus der unteren Röthgener Straße war bei seinem Stiefvater in der Schreinerei beschäftigt, nahm sich aber nach Belieben frei. Er wusste immer, wo ein Klavier stand. Und dann spielte er die neuesten Lieder: „Was macht der Meier auf dem Himalaya?“, „Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt?“ oder „Alle Tage ist kein Sonntag“. Nebenbei gesagt, Hermännchen kannte keine Noten. Er spielte nach Gehör mit besonderer Begabung und viel Schwung.

Wer mehr über das Buch erfahren möchte, kann sich per E-Mail an Ferdinand Keuter wenden: FerdinandKeuter@web.de. 120 Exemplare seines Buches über die Röthgener Straße hat er damals (um das Jahr 2003) verkauft. Ob weitere dazukommen, hängt vom Interesse der Bürger ab.

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