Eschweiler: Volker Diefes: Analoger Spaß ohne Spezialeffekte

Eschweiler: Volker Diefes: Analoger Spaß ohne Spezialeffekte

Eigentlich sei das ganze Programm ja mit Spezialeffekten geplant gewesen, aber seine Tochter sei mit dem iPad baden gegangen, die komplette Programmierung sei weg. Aber er sei ohnehin ein analoger Mensch, erklärte der Kabarettist des Abends.

Wenn die Zuschauer Spezialeffekte missen würden, sollten sie einfach — wie damals, in den 80ern — ganz schnell mit den Augen zwinkern, oder auch zum ersten Lied „Hotel Mama“ die Feuerzeugapp benutzen. Volker Diefes aus Krefeld, liebevoll von ihm auch „Cryfield“ genannt, stattete mit seinem Soloprogramm „Spass satt“ dem Talbahnhof am Mittwochabend einen Besuch ab und machte auch seinem Ärger über die heutige Filmindustrie Luft.

Mit seinem Neffen Eric, 21 Jahre, habe er letztens einen DVD-Abend gemacht. In 3D mit Flatscreen und Dolby-Surround-Anlage hätten sie Transformers Teil drei geguckt — „90 Minuten lang nur Spezialeffekte, 90 Minuten lang Boom Boom Boom und Bang Bang Bang — da bin ich wahnsinnig geworden“. Danach sei er erst einmal auf den Speicher gegangen und habe sich alte Zombiefilme aus den 80ern angeschaut, um wieder ein bisschen heile Welt zu sehen.

Er habe seinen Neffen aber auch gefragt, was er an dem Film so toll fände, ob er die Handlung mal zusammenfassen könne, worum es denn da ginge. „Um Boom Boom Boom und Bang Bang Bang“, habe der ganz trocken geantwortet. Er wäre ja jetzt „Ü30…, ÜÜ30…, Anfang ranzig…, 44“, gab er schließlich zu. Damals habe man noch die Welt mit Sätzen retten können wie: „Ich geh jetzt durch diese Tür und werde tun, was ein Mann tun muss.“ Oder „Oh mein Gott, soll ich den grünen oder den gelben Draht durchschneiden?“ oder „Yippi-Ya-Yeah Schweinebacke!“ Aber heute gäbe es nur noch Spezialeffekte.

Sein Neffe habe ihm auch erklärt, dass man heutzutage mit Goethe, Schiller und Shakespeare keinen mehr locken könne, denn was die Bild-Zeitung und RTL nicht vorkauten, oder man in der Google-Suchmaschine nicht mit einem Mausklick nachschlagen könne, das sei heutzutage uninteressant. Das Werther‘s Echte sei heutzutage nur noch ein Karamellbonbon, die UNO ein Kartenspiel und Watergate eine Wildwasserbahn im Phantasialand. Der Coffee to go war damals die Thermoskanne, Facebook das Poesiealbum, Chillen meinte Stubenarrest — nichts sei mehr so, wie es einmal war, musste der Kabarettist feststellen.

Passend dazu der Name seines Programms, denn „Spass satt“ habe am Niederrhein eine ganz eigene Bedeutung. Wenn sein Vater den Spaß satt gehabt habe, habe Diefes junior meist sechs Wochen Stubenarrest bekommen.

Ein Dorn im Auge war ihm aber auch die heutige Generation und ihr ständiger Griff zum Handy. Er könne sich mit seinem Neffen gar nicht mehr unterhalten, ständig habe er das Handy in der Hand. Letzens habe er ihm zugerufen: „Das Unscharfe am Rand des Handys nennt sich Realität“, aber keine Reaktion. „Die Kommunikation verändert sich durch die Dinger“, stellte er klar und dankte all seinen Zuschauern, dass sie an diesem Abend nicht vorm Fernseher saßen.

Auch mit dem „asozialen Netzwerk Facebook“, der „Evolutionsbremse“ rechnete er ab. Facebook sei von diesen Nerds gegründet worden, die immer alleine in einer Ecke des Pausenhofes gestanden hätten, die man nie habe abschreiben lassen, „und denen vertrauen wir jetzt unsere Daten an“. Mark Zuckerberg sei heute noch nicht auf die wirklich coolen Feiern eingeladen.

Auch über das Weltbild seines Vaters sang er ein selbst geschriebenes und komponiertes Lied, denn Bindung, das sei nur was für Saucen, so sein Vater. Und auch mit dem Mager- und Diätwahn räumt er auf — in Hochglanzmagazinen und Filmen sehe man nur noch Six Packs, aber „echte Männer haben Bäuche“, so der Kabarettist, der auch gleich seine „Warsteiner Plauze“ präsentierte. „Kölsch formte diesen Astralkörper.“ Wenn er so dünn wäre, wie seine Frau ihn gerne hätte, müsste er sich beim Staubsaugen anschnallen. Er sei froh, sich ganz normal und mitten im Leben auf der Bühne zu präsentieren und rief auch gleich dazu auf, aufzustehen, sich nackig ausziehen, zum Media Markt zu fahren und sich dort zwischen die Regale zu stellen. „Wir brauchen diesen technischen Schwachsinn nicht, denn wir haben ein Kleinkunsttheater in Eschweiler, wir haben den Talbahnhof“, rief er in Erinnerung.

(jlm)