Nacht der offenen Kirchen: Vielseitige Orte, an denen Glaube erlebt wird

Nacht der offenen Kirchen : Vielseitige Orte, an denen Glaube erlebt wird

Mit offenen Armen empfingen sie in ungewohnter Atmosphäre: Elf Kirchengemeinden in Eschweiler öffneten am Freitagabend ihre Pforten und luden zur Begegnung mit dem Glauben ein.

In Gestalt von Musik, Ausstellungen, Lesungen und Mitmach-Aktionen ermöglichte die zweite ökumenische Nacht der offenen Kirchen Gespräche von Mensch zu Mensch und zwischen Mensch und Gott. Im Glauben geeint legte jedes Haus, das sich an der Kirchennacht beteiligte, allerdings auf unterschiedliche Aspekte der Spiritualität Wert.

Bevor die Nacht begann, fiel der Startschuss in der katholischen Kirche St. Antonius in Bergrath mit einem Familienfest. Hier stand der Sonnengesang, einst geprägt von Franz von Assisi, und somit die göttliche Schöpfung der Natur im Vordergrund.

Sie wurde zunächst einmal mit einer Ausstellung von Werken des verstorbenen belgischen Künstlers Peter Hodiamont veranschaulicht. Der Sonnengesang besagt, dass nichts voneinander getrennt werden kann und alles miteinander verbunden ist. Was die Schöpfung ist und was die Menschen, kritisch betrachtet, stellenweise daraus machen, zeigten die Bergrather den kleinen und großen Besuchern.

Gelbes Licht und Saxofonist „Cripo“ mit reduziertem Jazz verliehen der Kirche St. Peter und Paul mystische Atmosphäre. Foto: Manuel Hauck

Außerdem wurde die Arbeit der Sternsinger vorgestellt und ihr Engagement gewürdigt. Und die Besucher konnten selber aktiv werden: Bei der Postkarten-Aktion hatte jeder die Möglichkeit, Wünsche zu verschriftlichen vor dem Hintergrund, dass in hiesigen Gefilden die Verschwendung von Lebensmitteln und Verpackungen der Knappheit vor allem in afrikanischen Ländern gegenübersteht. Das Schöpfungs-Memory, ein thematisch passendes Buchsortiment und ein Tanz, der ebenfalls zum Mitmachen anregte, rundeten das Fest in Bergrath ab.

Entschleunigung statt Stress

Kritische Spitzen verteilten diese drei Köpfe als Teil des Kabaretts, das in St. Marien in Röthgen für Erheiterung sorgte. Foto: Manuel Hauck

Nach diesem frühzeitigen Auftakt speziell für Familien und Kinder, starteten die Gemeinden um 19.30 Uhr mit dem eigentlichen Programm. Eine Herausforderung war es für die ganz ambitionierten Besucher, alle elf Stationen aufzusuchen, denn die Nacht endete nach drei Stunden mit dem zeitgleichen Abschlusssegen in allen Häusern.

Der neugierige Zeitungsreporter bemühte sich unterdessen, ein breites Bild an möglichst vielen Stationen zu bekommen und verstoß damit gegen den Aufruf der Pfarre St. Cäcilia in Nothberg. Denn die Kirche riet zur Entschleunigung: Leistung und ständige Machbarkeit sollten an diesem Abend hinten anstehen. Sich hinzugeben war das Ziel. Dazu wurde mit „Lichtblicken“ eingeladen: Auf die hohen Kirchenfenster im Altarraum wurden Bilder projiziert, der Junge Chor der Pfarre sang dazu und sorgte ebenso wie das Programm bei den anderen Stationen für eine andächtige Atmosphäre.

Der junge Chor der Pfarre St. Cäcilia präsentierte besinnliche Musik in Nothberg. Foto: Manuel Hauck

Insgesamt sorgte die Nacht der offenen Kirchen für besinnliche Stunden, die wie die Adventszeit anmuteten und wohl nach dem ursprünglichen Sinn passender darauf vorbereiten, als es die mit weihnachtlichen Süßigkeiten gefüllten Supermarkt-Regale tun.

Zur geselligen Zusammenkunft lud ebenfalls die Freie Evangelische Gemeinde in Bergrath ein. Selbst erklärtes Ziel war es, für die Seele und den Magen zu sorgen. So konnten Suppen verspeist werden, und Musik und spirituelle Gedanken führten zur Begegnung mit Gott. Unweit setzte sich das Programm in der katholischen Kirche in Bergrath mit dem Bibliolog fort, der sich als interaktive und ursprünglich aus dem Judentum stammende Alternative zur Predigt präsentierte. Bibeltexte werden dabei veranschaulicht, indem sich die anfänglichen Zuhörer in die Personen des Textes hineinversetzen und mit ihren Gedanken füllen.

Außerhalb des Stadtzentrums öffneten zudem die katholischen Gemeinden in Röhe und Dürwiß ihre Türen. Erstere stellte Werke des Paters Wilhelm Josef Oomens SJ aus und unterlegte sie mit Texten und Musikeinspielungen des im Jahr 2015 verstorbenen Komponisten und Kirchenmusikers Franz Surgers. In Dürwiß wurde die Kirche innen illuminiert. „Gemeinsam mit der A capella-Formation Quintuition sorgten die Lichtspiele für Gänsehaut“, sagte ein Besucher.

Darüber hinaus wurde im Eschweiler Norden die Reise zum Selbst mit Gott begangen und Taizé-Gebete ausgesprochen. In der evangelischen Gemeinde St. Severin in Weisweiler stand offenes und gemeinschaftliches Singen im Fokus, das mit Bibeltexten ergänzt und mit Saxofonmusik abgeschlossen wurde.

Töne afrikanischer Natur

Fünf der elf Gemeinden befanden sich hingegen dicht im Stadtzentrum nah und fußläufig beieinander. Die Musik zog sich dabei wie ein roter Faden durch den Abend. Ebenso bei den Katholiken in St. Marien erklangen Töne, aber afrikanischer Natur. Trommelgruppen des Kinderheims St. Josef und der Familie Kezebidi umrahmten eine in dieser Nacht einzigartigen Aufführung. Kabarett brachte in Röthgen zum Lachen und scheute nicht davor, Spitzen gegen die Kirchen auszuteilen, indem die Auslegung von Bibeltexten teils kritisch hinterfragt wurden.

In der Agape-Gemeinde, eine Weitere der Freien Evangelischen Gemeinschaften, deren Namensbedeutung aus der selbstlosen Liebe entstammt, wurde die eigene Art des Zelebrierens vom Gottesglauben näher gebracht. Die sogenannte Lobpreisung ist eine lockere Form, mit Musik Gottes Gegenwart zu erleben.

Auf regen Besucherandrang in der Kapelle des St. Antonius-Krankenhauses wartete man vergebens, ein Vortrag von Dr. Harald Suermann von Missio Aachen klärte über die 2000-jährige Geschichte der äthiopischen Christen und ihren heutigen Herausforderungen auf.

In den zwei großen Stadtkirchen jedoch füllten Interessierte die Bänke. In St. Peter und Paul am Markt wurde zunächst ein Stummfilm mit simultaner Improvisation an der Orgel gezeigt, anschließend folgte das gemeinsame Singen mit dem Projektchor der Pfarre, und schließlich musizierte Chris „Cripo“ Possmann mit zeitgenössischem und reduziertem Jazz an Saxofon und Klarinette.

Ehe Pfarrer Michael Datené den Nachtsegen sprechen sollte, erschien diese Darbietung vor allem wegen der Musik mystisch, aber auch aufgrund der Beleuchtung, die das Kirchenschiff in gelbes und rotes Licht tauchte.

Stimmungsvoller Abschluss

Die letzte im Bunde war die evangelische Gemeinde in der Moltkestraße. In der Dreieinigkeitskirche verschrieb man sich ganz der Musik, der Handglockenchor „Bells of Glory“ und das Ensemble „BläsersAIXtett“ gestalten die ersten beiden Stunden des Abends.

Drei weitere Gruppen sorgten für einen stimmungsvollen Abschluss in der Kirche. „The Trinity Gospel Company“, das Bläserensemble der Evangelischen Kantorei und der Flötenkreis der Gemeinde mit musikalischer Unterstützung einer jungen Geigenspielerin und einer Keyboarderin unterhielten die Besucher.

Da der Schlusssegen in allen elf Stationen der offenen Nacht der Kirchen für 22.30 Uhr angesetzt war, war Pfarrer Dieter Sommer wahrscheinlich etwas später dran, doch ließ er sich nicht beirren, in Ruhe den Abend mit den Gästen ausklingen zu lassen.

Die verschiedenen Gemeinden empfingen die Besucher der zweiten ökumenischen Nacht der offenen Kirchen gleichermaßen herzlich, wie auch ideenreich. Es zeigten sich an diesem Abend Orte, an denen der Glaube erlebt und gesucht werden konnte.

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