Eschweiler: VHS-Podiumsgespräch: Ideensuche für Wege aus der Finanzkrise

Eschweiler: VHS-Podiumsgespräch: Ideensuche für Wege aus der Finanzkrise

Nachhilfeunterricht wäre ein zu schwaches Wort. Das richtige Wort heißt: Alphabetisierung. Zu groß sei die Wissenslücken in der Bevölkerung bei Wirtschaftsfragen, und auch dieses Nichtwissen sei eine Gefahr im Ringen um stabile Finanzen weltweit.

„Gibt es Wege aus der Finanzkrise?” hieß das Thema einer Podiumsdiskussion, zu der die Eschweiler Volkshochschule und die Regionalgruppe von „Attac”, einer weltweit tätigen Organisation von Kritikern der Globalisierung, eingeladen hatten.

Auf dem Podium im Saal des Talbahnhofs gab es bei vielen Sachfragen Einigkeit. Dass der Finanzsektor sich weltweit verselbstständigt habe, dass dies eine Bedrohung nicht nur für die Armen in der Dritten Welt, sondern auch für den europäischen Normalbürger sei, dass die Gier der Kapitalanleger die Krise befördert habe, dass höhere Steuern zu den Mitteln gehören, mit denen gegengesteuert werden könne - da waren sich die Diskutierenden weitgehend einig.

Miteinander und mit den rund 30 Besuchern der Veranstaltung sprachen Bankkaufmann Klaus-Dieter Bartholomy, der Hochschuldozent und Vorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung im Bistum Aachen, Ralf Welter, sowie der Eschweiler Ratsherr Albert Borchardt als Vertreter von Attac. Hans-Werner Schmidt, der Leiter der Volkshochschule, moderierte das Gespräch.

Man wolle nicht nur auf Griechenland schauen an diesen Abend, versicherte Hans-Werner Schmidt in seiner Begrüßung, aber natürlich wurde auch über die griechische Verschuldungskrise gesprochen. Klaus-Dieter Bartholomy: „Wir sind es gewohnt, mit dem Zeigefinger auf die Griechen zu zeigen. Aber dabei zeigen drei Finger auf uns: Wir alle tragen zur Finanzkrise bei.” Einigkeit auf dem Podium.

In Griechenland werde die Wirtschaft zu Tode gespart, meinte Albert Borchardt. „Der kleine Grieche hat am allerwenigsten von den Milliarden, die dort hingeschaufelt werden, die gehen an die Gläubigerbanken”, bestätigte Bartholomy. Und auch Ralf Welter sprach beim Stichwort Griechenland von einer „Verarmungspolitik, die Kulturen vernichtet und keine aufbaut.” Seine Warnung: „In Griechenland die Löhne sinken zu lassen, reißt uns alle in den Abgrund.”

Die Fehler seien schon bei der Einführung des Euro gemacht worden, versicherte Welter. Die ungleichen Wettbewerbschancen bei gleicher Währung sieht er als eine Ursache der Krise: „Wir als Deutsche haben einen irrwitzigen Wettbewerbsvorteil gegenüber Griechenland, Spanien und Portugal!” Wenn es noch die Drachme gäbe, wäre es kein Problem, aber durch den Euro gibt es keine Wechselkurse mehr. Welter weiter: „Es ist eine Crux, dass wir uns Exportweltmeister nennen und das auch noch positiv besetzen. Das ist ein Grauen! Damit sind wir schuld, was diesen Ländern passiert.”

Um der Finanzkrise zu begegnen, sei ein Instrument allein nicht ausreichend, hieß es. Man müsse an vielen Stellschrauben drehen. Eine davon seien Lohnsteigungen. Ralf Welter sähe am liebsten radikale 30 Prozent plus. Und/oder kürzere Wochenarbeitszeiten. Höhere Steuern sind ein weiteres Instrument.

Albert Borchardt zeigte mit Grafiken, dass die Steuerlast, besonders die Gewinn- und Vermögenssteuern, über die Jahre hinweg stark gesunken ist. Bessere Regeln für den Finanzmarkt seien ein Mittel. Besonders sei es notwendig, es den Spekulanten unmöglich zu machen, gegen Staaten zu wetten. Überhaupt könne und müsse man spekulative Papiere zurückdrängen, vielleicht auch Höchstzinsen festsetzen, forderte Welter: „Wir müssen nicht Wetten auf Wetten auf Wetten handeln! Wir müssen nicht bei Schweinehälften eine Wette abschließen auf die Veränderung der Preise für die Veränderung des Wertpapiers, das sich auf Schweinehälften bezieht!” Auch gesetzliche Regelungen können helfen. So gab es in den USA früher ein Gesetz, nach dem die Renditen auf dem Finanzmarkt nicht höher sein dürfen als die von Sachinvestitionen, so Ralf Welter. Bill Clinton habe das gekippt und damit die Krise mit angefeuert.

Für die Diskussionsteilnehmer war klar, das die Finanzkrise von Griechenland nicht der Kern des Problem sei. Das sah man eher in der zunehmenden Ausweitung des Finanzmarktes. Das Finanzvermögen wächst weltweit schneller als das Bruttosozialprodukt. 1980 lag beides noch dicht beisammen: Der Wert aller erwirtschafteten Güter und Leistungen betrug weltweit rund zehn Billionen Dollar, das Finanzvermögen zwölf Billionen. Dann ging die Schere auseinander. 2008 war das Bruttosozialprodukt zwar auf 60 Billionen Dollar gestiegen, aber das Finanzvermögen auf 180 Billionen.

„Macht sich denn die Finanzkrise auch hier im sicheren Deutschland bemerkbar”, wurde aus dem Zuhörerkreis gefragt. Aber längst, kam die Antwort vom Podium, und das werde sich auch noch steigern. Durch die Vorteile, die der Euro gebracht habe, sei das lange nicht zu spüren gewesen, machte Klaus-Dieter Bartholomy klar. Die Auswirkungen - bisherige und kommende - zählte Ralf Welter auf: Lebensversicherungen drücken ihre Mindestverzinsungen, Investmentfonds nötigen zum Ausstieg. Existenzgründer bekommen nur unter großen Mühen Kredite.

Der Niedriglohnsektor habe sich auf 25 Prozent ausgeweitet, weil die Arbeitnehmer das Bild von Griechenland vor Augen haben und sich mit immer weniger zufrieden geben. Der Experte für Sozialpolitik wörtlich: „Wir üben uns als Deutsche zurzeit in der Kunst des stilvollen Verarmens. Uns wird weisgemacht, wir würden über unsere Verhältnisse leben, dabei leben wir unter unseren Verhältnissen, das ist unser Problem.”

Energie wird teurer, weil Energie zunehmend zum Spekulationsobjekt wird, ebenso wie Rohstoffe und Immobilien. Das Gleiche gilt für Lebensmittel „Für Mais sind fünfmal mehr Kontrakte unterwegs, als überhaupt angebaut wird, das hat den Preis hoch getrieben.” Noch einmal Welter: „Die Nahrungsmittelinflation wird immens dieses Jahr sein.”

Die Sorgen um den eigenen Wohlstand in Verbindung mit geringem Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge, das war das Fazit des Abends, ist ebenso eine Gefahr für die Weltwirtschaft wie die zu wenig kontrollierte Spekulation. „Die Leute sitzen an der Theke, reden über die Finanzmarktkrise und haben einen Grummel im Bauch.” Und dieses Grummeln könne ausreichen, eine Katastrophe auszulösen. Wenn die Leute anfangen, keinen Wert mehr im Geld sehen, sei das der Anfang vom Ende. Da müsse, hakte Schmidt ein, die wirtschaftliche Alphabetisierung einsetzen.