Eschweiler: Verschwinden Kastanien aus dem Stadtbild?

Eschweiler: Verschwinden Kastanien aus dem Stadtbild?

Sind die Tage der Rosskastanien in Eschweiler gezählt? Immer häufiger müssen stattliche Bäume gefällt werden, weil Schädlinge sie zerfressen. Schon jetzt sind 16 Prozent des städtischen Kastanienbestandes betroffen.

Seit einigen Jahren schon zeigt sich das neue Schadbild an den Rosskastanien in Eschweiler wie auch in ganz Deutschland. Bislang war nur der Befall durch die aus Osteuropa gekommene Kastanienminiermotte mit braunen und früh im Sommer abfallenden Blättern deutlich. Dabei machen sich die Larven des Kleinschmetterlings über die Blätter der weißblühenden Kastanien her und schädigen sie. Ein Befall, der nach Auskunft von Fachleuten in diesem Jahr aufgrund der warmen Witterung extrem war. Leicht festzustellen ist dies, wenn schon im September die Kastanienblätter aussehen wie üblicherweise im Spätherbst und zu Boden fallen.

Ein geschädigtes Kastanienblatt: das Fraßbild der Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella). Foto: imago/Seeliger

Laub, das umgehend entfernt werden muss: Ansonsten verkriechen sich die Larven innerhalb weniger Tage in den Boden, um dort zu überwintern. Ist das Laub eingesammelt, muss es verbrannt oder bei Temperaturen von über 80 Grad kompostiert werden, sagt Jürgen Drautmann, Baumexperten beim Fachbereich Umwelt der Stadt Aachen, die ebenfalls mit dem Problem zu kämpfen hat.

Einer, vor dessen Haus an der Wilhelminenstraße eine Rosskastanie steht, ist Christian Bündgens. „Im Frühjahr war der Baum derart von Tieren befallen, dass wir keine Tür und kein Fenster mehr öffnen konnten, ohne dass das Getier ins Haus kam“, sagt er. Mittlerweile ist der Baum — Im Gegensatz zu anderen Rosskastanien in der Nachbarschaft — fast völlig kahl.

Doch seine Anfragen beim Grünflächenamt, ob der keine fünf Meter von seinem Haus entfernt auf dem Gehweg stehende Baum nicht besser gefällt werden sollte, seien bislang abschlägig beschieden worden. Das ginge nur, wenn der Baum faul sei, habe man ihm geantwortet. Für ihn heißt das: erst wenn der Baum akut aufs Haus zu stürzen droht. Aber Bündgens sieht ein weiteres Problem: „In den abgefallenen, von den Motten befallenen Blättern wühlen Kinder nach Kastanien. Ob das so gesund ist...?“.

Allerdings: Die Miniermotte, die die Kastanien dauerhaft schädigen kann, ist nicht einmal das größte Problem. Denn inzwischen zeigt sich ein weiterer Schädling, der als Auslöser für ein sehr schnelles Absterben der Kastanien verantwortlich ist: ein Bakterium (Pseudomonas syringa pv. aesculi), das die Rinde der Kastanienbäume befällt und diese zum Absterben bringt. Bei stärkerem Befall sterben hier auch schon größere Kronenteile ab.

Das Bakterium tritt als Primärschädling auf. Als Sekundärschädling folgen dann verschiedene holzzersetzende Pilze wie zum Beispiel der Austernseitling oder der Samtfußrübling. „Wird der Fruchtkörper dieser Pilze am Baum sichtbar, ist meist ein schnelles Absterben des Baumes die Folge“, heißt es aus dem Rathaus. Das Fatale: Bislang stehen keine Bekämpfungsmöglichkeiten bzw. -mittel zur Verfügung. Und das hat Folgen: Aufgrund des Befalls mussten bereits die Rosskastanien entlang der Dürener Straße und auch Einzelbäume, zum Beispiel in der Grabenstraße entfernt werden.

„Da der Krankheitsverlauf sehr schnell voranschreitet, unterliegen die Kastanien im Stadtgebiet mittlerweile einem engeren Kontrollraster. Neuanpflanzungen von Rosskastanien werden derzeit in Eschweiler nicht vorgenommen“, betont Stadtsprecher René Costantini.

Derzeit besitzt bzw. unterhält die Stadt 213 Rosskastanien — Stand 1. Oktober. Vor wenigen Jahren noch lag die Zahl deutlich höher. Das Alter der Bäume ist weit gefächert. Neben Bäumen im Jugendstadium erreicht das älteste Exemplar ein geschätztes Alter von über 120 Jahren. Dieses steht neben dem Bildstock im Kreuzungsbereich Zum Hagelkreuz/Am Kraftwerk in Weisweiler. Weitere große Rosskastanien stehen am Parkplatz Bismarckstraße/Talbahnhof.

Rund jeder sechste dieser Bäume ist bereits geschädigt. An ca. 16 Prozent der städtischen Rosskastanien wurde inzwischen das Bakterium Pseudomonas syringa pv. aesculi festgestellt, Tendenz steigend. Seit 2012 wurden deshalb bereits ca. 80 Rosskastanien gefällt. In diesem Jahr griffen städtische Mitarbeiter bisher dreimal zur Motorsäge. Weitere fünf Fällungen sind Ende 2017/Anfang 2018 leider unvermeidlich. Unter anderem werden die beiden Exemplare in der Fußgängerzone Grabenstraße bis Ende des Jahres entfernt.

Ob bald auch das letzte Stündlein der Kastanie vor Christian Bündgens Haus geschlagen haben wird, entscheidet sich in wenigen Tagen, teilt René Costantini mit. Bei einer Begutachtung vor wenigen Wochen sei der Baum als auffällig eingestuft worden. Eine abschließende Kontrolle Ende dieser Woche soll nun über sein Schicksal entscheiden.

(rpm)