US-Konzern wirft Kleingärtner an der Friedensstraße raus

Parzellen zum 1. August räumen : US-Konzern wirft Kleingärtner an der Friedensstraße raus

Gartenpächter an der Friedensstraße sollen Parzellen zum 1. August räumen. US-Konzern Sherwin-Williams zieht sich komplett aus Eschweiler zurück. Ärger um mögliches Bauland.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Im Fall des Eschweiler Traditionsunternehmens Lackchemie Merckens, das anno 2000 vom Valspar-Konzern aufgekauft und weitgehend stillgelegt wurde, war es die Hoffnung, dass der neueste Eigentümer, der US-Konzern Sherwin-Williams, am Standort Eschweiler zumindest eine Forschungseinheit belassen würde. Und darauf verzichten würde, Kleingärtner von ihrer Parzelle zu vertreiben. Tut er aber nicht. Sherwin-Willimas zieht sich komplett aus Eschweiler zurück. Und will seine hiesigen Immobilien offenbar so lukrativ wie irgend möglich vermarkten – auch gegen den erklärten Willen von Stadt und Betroffenen.

Betroffen davon sind insbesondere die 20 Pächter von Kleingärten auf dem einstigen Merckens-Gelände, die hier teils seit Jahrzehnten ihrer grünen Leidenschaft frönen und im Herbst vergangenen Jahres von der Kündigung überrascht wurden. Eine Kündigung, die auf massiven Druck aus dem politischen Raum zwar nicht zurückgenommen, aber ausgesetzt wurde: Die Hobbygärtner durften ihre Parzellen vorläufig weiter nutzen. Nun aber soll damit Schluss sein. Zum 1. August, so wurde ihnen am Montagabend mitgeteilt, müssen die Parzellen geräumt sein.

Seitens der Stadt bestehen seit langem Überlegungen, das seit Jahren brachliegende, an die frühere Lackchemie Merckens angrenzende Areal der einstigen Mineralölwerke Fuchs (Wenzel & Weidmann) zwischen Jülicher Straße und Friedensstraße für Wohnbebauung, sprich: Ein- und Zweifamilienhäuser, zu nutzen. Ob der US-Konzern sein Areal dann aber tatsächlich teuer als Bauland veräußern könnte, ist zumindest zweifelhaft. Die Stadt nämlich hat stets erklärt, die Kleingärten als „grünen Korridor“ in diesem Baugebiet erhalten zu wollen.

Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde: „Das Sherwin-Williams-Areal ist als Gewerbegebiet ausgewiesen. Einen Rechtsanspruch, das in deutlich wertvolleres Bauland umgewandelt zu bekommen, hat das Unternehmen nicht.“ Landtagsabgeordneter Stefan Kämmerling bezeichnet das Vorgehen des Konzerns als „moralisch komplett daneben“ und als „für die öffentliche Hand so nicht akzeptabel“. Die Kleingärten seien als innenstadtnahe grüne Lunge in Gänze von öffentlichem Interesse und hätten einen ökologischen Wert.

Brachliegendes Industriegelände zwischen Friedens- und Jülicher Straße: Hier sollen Ein- und Zweifamilienhäuser entstehen. Foto: Rudolf Müller

Für die Schaffung von Bauland wäre ein entsprechender Bebauungsplan notwendig, über den der Stadtrat beschließt. „Ich habe nichts dagegen, wenn ein Eigentümer mit seinem Eigentum Geld verdienen will. Das ist absolut zulässig, und Sherwin-Williams wird ja ausgesprochen große Grundstücke im Zusammenhang mit der bisherigen Fabrik als Bauland verkaufen können. Aber ich persönlich hebe nicht meinen Arm dafür, dass wir Bauland aus den Grundstücken machen, von denen gerade die Kleingärtner geschmissen werden. Notfalls bitte ich jedes einzelne Ratsmitglied um ein Gespräch und werbe um Unterstützung dieser Position“, betont Kämmerling.

Kämmerling steht mit seiner Meinung nicht allein auf weiter Flur. Auch in den Chefetagen des Rathauses setzt man sich dafür ein, den idyllischen „grünen Korridor“ an der verlängerten Friedensstraße zu erhalten. Und auch Eschweilers SPD geht für die Grünzone auf die sprichwörtlichen Barrikaden. „Die SPD-Ratsfraktion hat größtes Interesse daran, dass die Menschen ihre Kleingärten nicht verlassen müssen“, betont die SPD-Fraktionsvorsitzende Nadine Leonhardt. Und Stadtverbandsvorsitzender Oliver Liebchen ergänzt: „Es geht hier nicht nur um Gärten, sondern es geht vor allem um Menschen. Diese würden einen wichtigen Teil ihres Lebens verlieren, und das sollten wir nicht zulassen“

Die Stadt hat das Areal zwischen Jülicher und Friedensstraße, Friedhof und Autobahn im Herbst vergangenen Jahres dem landeseigenen Unternehmen NRW.Urban zur Flächenentwicklung übertragen. Beigeordneter Hermann Gödde hofft, dass schon im kommenden Sommer der Planungsprozess beginnen kann.

Ein Planungsprozess, der eigentlich schon beendet war: Als Valspar die Firma Merckens übernahm, sollte das Unternehmen mit einer neuen Straße durch ein geplantes Kleingewerbegebiet an die Jülicher Straße angeschlossen werden. Doch zur nötigen Unterschrift zwischen Valspar und Stadt kam es nie. Und aus Valspar wurde Sherwin-Williams. Das vor allem in Nord- und Südamerika operierende  Chemie-Unternehmen aus Cleveland/Ohio mit knapp 53.000 Mitarbeitern, über 4000 Farben- und Lackgeschäften und einem Jahresumsatz von rund 15 Milliarden US-Dollar kaufte den Rivalen Valspar 2016 für 8,9 Milliarden Dollar. Jetzt bleibt in Eschweiler davon nichts. Nichts außer Enttäuschung und verhaltene Wut.