Eschweiler: Unterhaltung oberhalb der Gürtellinie im Talbahnhof

Eschweiler: Unterhaltung oberhalb der Gürtellinie im Talbahnhof

Überdurchschnittlich viel Bewegungs- und Beinfreiheit genossen am Mittwochabend die Gäste im Kulturzentrum Talbahnhof, deren Zahl vergleichsweise unterdurchschnittlich war. Na und?

Denjenigen, die vor Ort waren, bereitete Jens Heinrich Claassen mit seinem Programm „13 Zentimeter — aus dem Leben eines durchschnittlichen Mannes“ gut eineinhalb Stunden lang weit überdurchschnittlich gute Unterhaltung am Klavier. Und dies weit oberhalb der Gürtellinie!

„Durchschnitt“? Relativ!

Doch natürlich ist der Begriff „Durchschnitt“ auch relativ zu betrachten. „Um am Promi-Dinner teilnehmen zu können, bin ich längst viel zu berühmt“, musste der gebürtige Münsteraner zugeben. In der weltweit einzigen bewohnten Tatortkulisse erfreut sich das Fahrrad bekannterweise seit Jahrzehnten größter Beliebtheit. „Ich habe früher einen Zettel an meinen Bonanza-Drahtesel geklebt, auf dem stand ‚Klauen zwecklos — James Bond‘.

Doch eines Tages fand ich am Abstellplatz einen anderen Zettel mit der Aufschrift ‚Verfolgung zwecklos — Jan Ullrich‘“, plauderte der Mann mit „Transpirationshintergrund“ aus dem Nähkästchen. „Ich werde hier auf dieser Bühne 2x45 Minuten lang schwitzen. Im Winter muss ich hinter mir sogar streuen, damit niemand ausrutscht“, erklärte Jens Heinrich Claassen.

Und der gelernte Service-Kaufmann im Luftverkehr ließ vollen (Stimm-)Einsatz folgen. Mit seinem Punkrock-Titel in F-Dur „Ich will zurück zum Brezelstand“ forderte der ehemalige Wahl-Düsseldorfer sein Publikum erfolgreich zu geradezu ekstatischem Mitklatschen auf.

Weniger überschwänglich reagiert der 41-jährige Single auf Einladungen zu Spieleabenden, die Mitglieder seines paardominierten Freundeskreises immer mal wieder in seine Richtung aussprechen. Vor allem, wenn ganz zufällig mit Sabrina ein zweiter Single zwecks Verkupplungsversuch zu Gast ist.

„Sabrina hat den Buchstaben S vorne, Jens hinten. Und ihr steht beide auf Frauen. Das passt doch“, lautet die Logik seines Freundes Lars, der Jens Heinrich Claassen allerdings nur bedingt etwas abgewinnen kann. Fazit: „Spieleabende brauch ich so sehr wie die Eschweiler Stolberger“, hatte sich der Westfale im Vorfeld über die Nachbarschaftsliebe innerhalb der Region informiert, um verbal punktgenau „zuschlagen“ zu können.

Traumberuf Künstler

Dies tat der Comedian, der weder Tinder noch Abmahn-Anwälte mag, auch in den zweiten 45 Minuten, in denen er seinen Traumberuf („Ich möchte Künstler sein“) auf der Talbahnhof-Bühne nach Herzenslust auslebte und ankündigte, sich bald ein iPhone X kaufen zu wollen. „Warum? Weil ich es mir leisten kann!“ Durchschnitt eben.

Ähnlich wie die drei Semester Medizin, die Jens Heinrich Classen einst studierte. „Wobei dies durchschnittlich nicht reicht, um Arzt zu werden“, räumte der passionierte Klavierspieler ein, bevor er zum Abschluss eine kleine Stand-up-Einlage gab, als er aus unter anderem den Begriffen Azubi-Versicherung, Buntspecht und Kabeljau ein Lied komponierte und textete, das nicht zuletzt Elisabeth im Publikum so schnell nicht vergessen dürfte. Durchschnitt? Wohl kaum!

(ran)