Eschweiler: Theo Bovens hält eine flammende Rede für das moderne Europa

Eschweiler : Theo Bovens hält eine flammende Rede für das moderne Europa

Kaum eine Region ist so grenzenlos wie diese Region. In Deutschland wohnen, in den Niederlanden einkaufen und in Belgien arbeiten — das ist für viele Menschen zur Gewohnheit geworden. Doch andernorts werben Populisten für mehr Nationalismus. Um die europäische Freiheit zu behalten, ist Einsatz gefragt.

Der Gouverneur der niederländischen Provinz Limburg, Theo Bovens, hielt beim 13. Kambacher Vip-Talk eine überzeugte und meinungsstarke Rede für das moderne Europa.

Auf Einladung des Organisationsteams Burghard von Reumont, Max Krieger und Wolfgang Habedank kommen bekannte Persönlichkeiten, wie Ministerpräsident Oliver Paasch und FDP-Politiker Christian Lindner, in die Tenne des Hauses Kambach, um ihr Thema vorzustellen und sich auch den Fragen des Publikums zu stellen.

„Ein neuer Frühling“

Bovens, der Mitglied der Cristen-Democratisch Appèl (CDA, etwa: christlich-demokratischer Aufruf) ist, übernahm 2011 das Amt des Gouverneurs in der südlichsten Provinz der Niederlande. Durch seine geographische Lage sei Limburg, „eingeklemmt“ zwischen Deutschland und Belgien, so europäisch wie kaum eine andere Region in Europa. So wunderte auch der Titel der Veranstaltung, die zusammen mit dem Business Club Aachen Maastricht veranstaltet wurde, nicht: „Ein neuer Frühling in unserer Region: Die neue Zukunftsstrategie der Provinz Limburg“.

Mit „Region“ meinte der 58-jährige Maastrichter dabei keinesfalls nur seine Provinz. „Ist es nicht schon Jahrhunderte her, dass Karl der Große uns zum Herzstück Europas zusammenschmiedete?“, fragte er sein Publikum und nahm es mit auf eine kleine Zeitreise. Von den Zeiten Karls sollte die Region stets im Wandel stehen. Adlige stritten sich um das Land zwischen Rhein und Maas, mit dem Königreich Belgien und Neutral-Moresnet entstanden sogar neue Länder.

1976 schloss man sich schließlich zur Euregio Maas-Rhein zusammen — ein „Klein-Europa“, wie es Bovens nannte, der die vielen ähnlichen Projekte entlang Europas Grenzen lobte. So sei es verständlich, dass genau im Herzen der Euregio auch die Verträge von Maastricht unterzeichnet worden seien, die den Weg hin zur Europäischen Union ebneten — auf einem Kontinent, der nur wenige Jahrzehnte zuvor die zwei verheerendsten Kriege der Menschheitsgeschichte erlebte.

Die Fußballfans aus Venlo

1,1 Millionen Einwohner zählt die heutige Provinz Limburg und als ihr Gouverneur weiß Bovens natürlich, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Nachbarn ist. Das manifestierte sich ebenso in seiner Familiengeschichte, denn seine Großmutter war Aachenerin, die ihren Mann in den Niederlanden kennenlernte. Bovens erinnerte an die deutschen Wassersportler auf den Maas-Seen, an die Fußballfans aus Venlo auf den Tribünen in Gladbach und an die vielen Menschen, die im Raum Heinsberg sowie zwischen Aachen und Vaals direkt an der Grenze wohnen, die immer unsichtbarer geworden ist.

Der Strukturwandel ist ebenfalls ein Merkmal, das die Regionen verbindet. So waren massive Probleme zu beheben, als der Steinkohleabbau sein Ende fand. Das galt für Heerlen ebenso wie für Eschweiler. Man könne in diesem Feld noch viel voneinander lernen, betonte Bovens. Mit dem Ausblick auf einen weiteren starken Strukturwandel in der Indestadt nach der absehbaren Schließung des Tagebaus Inden könnten manche wichtige Lektionen bei den Nachbarn gewonnen werden. Mit der Erneuerung der Strukturen konnte Limburg nämlich zu einer der Top-Drei-Regionen im Bereich der Beschäftigung in den Niederlanden werden — eine statistische Einordnung von der die Städteregion Aachen in Deutschland weit entfernt ist.

Hoffen auf Signale

„Die Basis für eine gute Zusammenarbeit ist auf jeden Fall gegeben; sie ist — wie ich zu behaupten wage — beinahe in unseren Genen verankert“, resümierte Bovens und warb nicht nur dafür den Status Quo zu erhalten, sondern die Zusammenarbeit noch viel stärker zu fördern. So freute er sich besonders darüber, dass in der aktuellen niederländischen Regierung von Mark Rutte, an der seine Partei ebenfalls mitwirkt, die nachbarschaftliche Zusammenarbeit extra im Koalitionsvertrag erwähnt wurde. Während er sich von Berlin noch deutlichere Signale erhoffte, bedankte er sich ebenso bei NRW-Ministerpräsident Armin Laschet für seine Gesprächsangebote. Laschets erste Dienstreise führte ihn direkt in die Niederlande, wie Bovens hervorhob.

Was er mit dem „neuen Frühling“ meinte, den man erreichen könne, wurde mit der Belegung von Zahlen nochmals deutlicher. So habe das niederländische Wirtschaftsplanbüro errechnet, dass allein der südliche Teil Limburgs sein Bruttoprodukt um eine Milliarde Euro steigern könne, wenn die Bedingungen in den Ländern weiter einander angeglichen würden. Dies bedeute natürlich ebenso neue Arbeitsplätze — für Niederländer, Belgier und auch Deutsche. Bereits jetzt arbeiten im Grenzgebiet der Provinz Limburg zweieinhalb mal so viele Deutsche wie Niederländer im deutschen Grenzgebiet.

Als positives Beispiel für die Zusammenarbeit nannte er den „Brightlands Chemelot Campus“ in Sittard-Geleen, bei dem Unternehmer, Forscher und Studenten neue Materialien und Produktionsverfahren erforschen.

Beteiligt sind dabei grenzüberschreitende Kooperationsverbünde, wie das Aachen-Maastricht Institute for Biobased Materials. Die Schwestern-Campusse, das „Smart Services Campus“ in Heerlen, „Greenport“ in Venlo und „Health“ in Maastricht, funktionieren bereits ähnlich, die RWTH oder das Forschungszentrum Jülich sind häufige Ansprechpartner.

Besteuerung und Altersvorsorge

Aber Bovens warnte auch: „Wir können noch so viele Grenzinformationsstellen einrichten — wenn die Unterschiede zwischen den Regelungen für beispielsweise Besteuerung, Altersvorsorge und Diplome zu groß und zu kompliziert sind, dann hilft das auch nicht!“ So hoffte er weiterhin auf die Unterstützung seiner Amtskollegen in den Nachbarländern, um daran weiterhin zu arbeiten — damit es einen echten, „neuen Frühling“ gebe, der seinen neuen, frischen Wind bis zu den Regierungssitzen nach Den Haag, Brüssel und Berlin bringe, um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen.

Nur dort könne auch die passende Infrastruktur bewilligt werden und es bewege sich etwas, verriet Bovens. Mit europäischen Fördermitteln soll eine neue Intercity-Verbindung zwischen Eindhoven, Heerlen, Aachen und Köln geschaffen werden. Im Rahmen des „Eurekarail“-Projektes setzt man sich zudem „für harmonisierte Fahrpläne, gleiche Fahrkarten und einheitliches Zugmaterial ein“. Zum Status Quo: Will man von Eschweiler nach Maastricht, ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln minimum eine Stunde und 40 Minuten unterwegs.

Welches Ticket dann gebraucht wird, wird am Fahrkartenautomaten auch nur Experten schnell ersichtlich. Dabei gab es bereits 1853 die erste Eisenbahnlinie von Aachen über Maastricht nach Belgien. „Es ist höchst symbolisch, dass diese Dreiländerbahn erneut den Betrieb aufnehmen wird, in diesem neuen Frühling“, richtete Bovens den Blick bereits in die Zukunft, „genau wie damals, als unsere Beziehung so normal und einfach war, wie wir sie uns heute wieder wünschen. In diesem neuen Frühling, mit einer neuen, aber vertrauten Strategie. Nicht nur seitens Limburgs, sondern gemeinsam mit Ihnen!“

Viel Applaus

Für seine Rede erntete Bovens großen Applaus in der gut gefüllten Tenne und bekam auch in der Fragerunde viel Zuspruch aus dem Publikum. Darüber wunderte er sich nicht, denn wo wisse man schließlich besser von den Vorteilen einer offenen Grenze als in einer Grenzregion? „Ich wünsche mir mehr Grenzbewohner im Europaparlament“, erklärte er deshalb zum Abschluss und zog das Fazit: „Ein Grenzgebiet kann nicht überleben mit Nationalismus in den Hauptstädten!“

Auf einen wunderbaren Sommer nach dem neuen Frühling könne man sich schließlich nur freuen, wenn diese Gedanken auch in den großen Parlamenten ankämen. Und vielleicht würde statt einem „Heimatministerium“ und den Reden von nationaler Identität so mancher Gedanke an die Vorteile der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit gut tun.

(cheb)